Spürhunde zur Brandaufklärung in Nauen (Quelle: dpa)

Ermittler finden Brandbeschleuniger - Flüchtlingsunterkunft in Nauen wurde angezündet

Was von Anfang an vermutet wurde, hat sich nun bestätigt: Der Brand in der geplanten Flüchtlingsunterkunft in Nauen wurde vorsätzlich gelegt. Die Ermittler haben in den Resten der Turnhalle Brandbeschleuniger gefunden. Ob es einen rechtsextremistischen Hintergrund gibt, ist weiter unklar.

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Es ist Gewissheit: Die Turnhalle in Nauen (Havelland), in der Flüchtlinge untergebracht werden sollten, ist vorsätzlich angezündet worden. "Die Polizei konnte vor Ort Spuren von Brandbeschleuniger feststellen", sagte Innenminster Karlheinz Schröter (SPD) am Mittwoch in Potsdam. "Auch der heutige Einsatz eines Brandmittelspürhundes bestätigte diesen Befund. Danach kann ein technischer Defekt als Ursache ausgeschlossen werden. Es handelt sich um einen gezielten Anschlag." In Nauen war in der Nacht zum Dienstag eine Sporthalle abgebrannt, in der mehr als 100 Asylsuchende vorübergehend einquartiert werden sollten.

Die Polizei habe im Rahmen ihrer Ermittlungen auch weiteres Beweismaterial vor Ort sichern, das eindeutig auf Brandstiftung hindeutet. Zur Art dieses Beweismaterials machte Schröter aber mit dem Verweis auf die laufenden Ermittlungen keine näheren Angaben. Es handele sich um "Täterwissen". Ein konkreter Tatverdacht gegen eine bestimmte Person liegt Schröter zufolge derzeit noch nicht vor.  

Kein Bekennerschreiber eingegangen

Damit bleibt auch unklar, ob es einen rechtsextremistischen Hintergrund gibt. Bekennerschreiben von mutmaßlichen Brandstiftern sind bei der Polizei bislang nicht eingegangen. Auch seien an dem Brandort keine Parolen an Wände geschmiert worden, hieß es. "Wir gehen aber von einer fremdenfeindlichen Motivation aus", sagte Ministeriumssprecher Ingo Decker. "Ein anderer Hintergrund ist auch kaum vorstellbar."

Die Polizei hatte nach dem Brand eine Sonderkommission mit 30 Beamten gebildet. Zum konkreten Ermittlungsstand äußerte sich der Minister nicht. Die Polizei müsse nun in Ruhe ihre Arbeit machen können, betonte er. "Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren." Die Spurensicherung am Brandort ist nach Angaben des Ministeriums abgeschlossen.

"Es handelt sich um den schwersten Anschlag auf eine geplante Unterkunft für Flüchtlinge in Brandenburg seit über 20 Jahren", sagte der Innenminister. 1992 war ein bezugsfertiges Asylbewerberheim in Dolgenbrodt (Dahme-Spreewald) vorsätzlich in Brand gesteckt und zerstört worden.

Woidke: "Schande für unser Land"

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) war nach dem Brand in der geplanten Notunterkunft von einem Anschlag ausgegangen. "Wir sind noch nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaube, dass alles andere als sehr großer Zufall bezeichnet werden könnte", sagte Woidke am Dienstag. Er sprach von einer "Schande für unser Land". Gleichzeitig räumte Woidke ein, dass es in Brandenburg weiterhin eine rechtsextreme Szene gebe, deren Gewaltbereitschaft im selben Maße steige, wie rechtsextreme Parteien in Brandenburg politisch erfolglos seien.

Brandenburgs Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) erklärte, wer Häuser in Brand setze, die Menschen in Not Schutz bieten sollen, begehe ein skrupelloses Verbrechen. "Solche Anschläge müssen geächtet und die Täter mit der ganzen Kraft des Gesetzes bestraft werden", betonte die Parlamentspräsidentin. Die Mahnwache vom Dienstagabend sei «ein mutiger Schulterschluss der Demokraten und eine Kampfansage gegen rechten Terror» gewesen.

Bürger nehmen am 25.08.2015 in Nauen (Brandenburg) an einer Mahnwache teil (Quelle: dpa)
Bürger bei einer Mahnwache in Nauen

Mehr als 300 Menschen bei Mahnwache

In Reaktion auf den Brand in Nauen kamen am Dienstagabend etwa 300 bis 400 Menschen zu einer Mahnwache zusammen. Daran nahmen auch der Nauener Bürgermeister Detlef Fleischmann und seine Amtskollegen aus den umliegenden Städten teil. "Das ist ein ermutigendes Zeichen der Solidarität aus dem ganzen Umkreis der Stadt", sagte die Nauener Landtagsabgeordnete Andrea Johlige (Linke). "Wir müssen alle dafür sorgen, dass solche Anschläge geächtet werden."

Zu der Mahnwache hatte die Nauener Willkommensinitiative "Nauen für die Menschlichkeit" aufgerufen. Sie fand vor dem Grundstück am Waldemardamm statt, auf dem bis zum kommenden Jahr eine feste Flüchtlingsunterkunft für maximal 250 Flüchtlinge entstehen soll. Es befindet sich nur wenige hundert Meter von der abgebrannten Sporthalle entfernt.

Geplante Flüchtlingsunterkunft in Nauen geht in Flammen auf

Feuerwehr mit 16 Einsatzwagen vor Ort

Am frühen Dienstagmorgen war in Nauen die geplante Flüchtlingsunterkunft ausgebrannt. In der Sporthalle eines Oberstufenzentrums mit beruflichem Gymnasium des Landeskreises Havelland sollten noch in dieser Woche etwa 130 Asylbewerber vorübergehend untergebracht werden.

Nach Angaben der Polizei war die Feuerwehr am Dienstag gegen 2:30 Uhr vom Wachschutz alarmiert worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Sporthalle laut Behörden vermutlich schon mehrere Stunden gebrannt. Die Feuerwehr, die mit 16 Einsatzwagen und etwa 60 Einsatzkräften vor Ort war, konnte deshalb nur noch wenig ausrichten und entschied, die Halle kontrolliert abbrennen zu lassen. Verletzt wurde niemand.

Empörung über Gaulands Äußerung zum Brand

Empörung löste nach dem Brand der Brandenburger AfD-Chef Alexander Gauland aus. "Wären die Bürger einbezogen worden und hätten sie das Gefühl, dass nicht nur sie und die Kommunen gefordert werden, sondern auch die Politik auf Bundes- und Landesebene alles tut, um der Situation Herr zu werden, ließen sich Reaktionen wie jetzt in Nauen sicherlich verhindern", erklärte Gauland.

SPD-Generalsekretärin Klara Geywitz nannte die Äußerungen Gaulands "abscheulich". Er rechtfertigte den fremdenfeindlichen Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft und schiebe die Verantwortung von den Tätern auf diejenigen, die Kriegsflüchtlingen helfen und sie willkommen heißen wollen, sagte Geywitz. "Das ist eine neue radikale Qualität, die wir in Brandenburg so bisher nicht kannten."

Reaktionen

  • Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD)

  • Nauens Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD)

  • Der Landesvorsitzende der Linken, Christian Görke

  • Die Vorsitzenden der Grünen in Brandenburg, Petra Budke und Clemens Rostock

  • Der Fraktionsvorsitzene der AfD in Brandenburg, Alexander Gauland

  • Berlins evangelischer Landesbischof Markus Dröge

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