In Cottbus demonstrieren am 23.10.2015 etwa 250 Flüchtlingsgegner (Quelle: rbb/Sebastian Schiller)
Video: Brandenburg aktuell | 26.10.2015 | Anne Holzschuh

rbb exklusiv: Fremdenfeindliche Übergriffe nach Anti-Flüchtlingsdemo - "Cottbus soll kein zweites Dresden werden"

Cottbus am vergangenen Freitag: Bei einer Anti-Flüchtlings-Demonstration ziehen 250 Menschen durch die Stadt, darunter 50 bekannte Neonazis - nur vermeintlich friedlich. Denn wie der rbb erfuhr, kam es in der Nacht doch noch zu mehreren fremdenfeindlichen Übergriffen.  

Mindestens sechs Mal soll es in der Nacht von Freitag auf Samstag nach einer Anti-Flüchtlings-Demo in Cottbus zu fremdenfeindlichen Übergriffen gekommen sein. Das brachte der rbb am Wochenende in Erfahrung. Vier der Vorfälle bestätigte die Polizei am Montag teilweise.

Unter anderem sollen mehrere Demonstranten fremdenfeindliche Parolen in der Innenstadt gegrölt haben. Es kam zu Anzeigen wegen Volksverhetzung. Außerdem sollen vier Menschen aus Eritrea nachts von einer größeren Gruppe durch die Innenstadt gejagt worden sein. Bisher unbestätigt sind Berichte über Böllerwürfe und fremdenfeindliche Parolen vor einer Asylunterkunft.

Studenten in Atelier belagert

Doch es wurden nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Studenten angegriffen. Drei Menschen wurden dabei verletzt, zwei von ihnen hatten Stichwunden. Die Beamten ermittelten zunächst zwei 23-Jährige als Tatverdächtige. Das Geschehen ist laut Polizei allerdings noch vollkommen unklar. Beteiligte und Zeugen hätten zum Tathergang sehr unterschiedliche Angaben gemacht und sich gegenseitig angezeigt. Zu einem Motiv konnte die Polizei zunächst keine Angaben machen. Auch ist noch unklar, ob dieser Vorfall im Zusammenhang mit den fremdenfeindlichen Vorfällen in der Cottbuser Innenstadt steht.

Der Direktor der BTU Cottbus, Jörg Steinbach, berichtet zu dem Vorfall auf dem Campus, drei seiner Studenten seien in der Nacht von sieben schwarz gekleideten Männern angepöbelt und dann auch verprügelt worden. "Das Vorgehen erinnert mich dabei an Johnny K. Die Männer haben die Studenten auf dem Boden festgehalten und mit den Schuhen gegen Gesicht und Körper getreten", sagte er dem rbb. So hätten es ihm die Studenten berichtet.

OB Kelch: "Alle Cottbuser haben das Recht, sich sicher zu fühlen"

Danach seien die Studenten in ein Gebäude geflohen und hätten mehrfach um Hilfe gerufen. Doch niemand hätte sich bereit erklärt, ihnen einen sicheren Heimweg zu ermöglichen. "Das finde ich fast noch schlimmer: Sie wurden sie alleine gelassen und haben bis acht Uhr morgens in einer Art Belagerungszustand in einem Atelier zugebracht," so Steinbach weiter. Er kündigte an, alles zu tun, damit seine Studenten auf dem Campus sicher studieren könnten, sagte er dem rbb weiter. Wir werden unseren Sicherheitsdienst einschalten und Kameras installieren," sagte er. "Ich möchte nicht, dass Cottbus ein zweites Dresden wird."

In diesem Zusammenhang warnte der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch vor einer Eskalation von Hass und Gewalt in der Stadt. Er rief mögliche Zeugen auf, sich bei der Polizei zu melden, um den Vorfall umfassend zu beleuchten und Motive herausarbeiten zu können. "Alle Cottbuser haben das Recht, sich in der Stadt sicher zu fühlen. Das gilt auch für die Studentinnen und Studenten aus der ganzen Welt, die das Leben in der Stadt bereichern," so Kelch.

Mit Informationen aus dem Regionalstudio Cottbus

 

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hatte rbb online von zwei gewalttätigen Vorfällen auf dem Campus der BTU berichtet. Es handelte sich dabei aber um ein und denselben Fall.  

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