Blick in einen verwüsteten Raum des evangelischen Jugendklubs in Jüterbog (Quelle: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 21.11.2015 | Jacqueline Piwon

Erhebliche Schäden der "Turmstube" in Jüterbog - Mutmaßlich rechter Anschlag auf Flüchtlingsbegegnungsstätte

Ein mutmaßlich rechtsgerichteter Anschlag auf eine kirchliche Jugend- und Flüchtlingsbegegnungsstätte in Jüterbog (Teltow-Fläming) sorgt für Entsetzen. Brandenburgs Innenminister spricht von einem Einschüchterungsversuch. Eine heiße Spur zu den Tätern gibt es noch nicht. Bürgermeister Raue hatte sein Fernbleiben bei der Gedenkfeier mit einer Beisetzung begründet.

Die kirchliche Jugendbegegnungsstätte "Turmstube" in Jüterbog ist am Freitagabend von explodierenden Böllern offenbar vorsätzlich erheblich beschädigt worden. Ein Polizeisprecher sagte: "Vermutlich wurde Pyrotechnik in dem Haus gezündet." Durch die Druckwelle wurden Fensterscheiben und Mobiliar beschädigt. Auch Teile der Deckenverkleidung fielen herunter. Der Sachschaden belaufe sich auf etwa 2.500 Euro, hieß es. Nach Angaben der Polizei wurde niemand verletzt, weil zum Zeitpunkt der Detonation keine Personen im Gebäude waren.

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) erklärte, der Verdacht eines
rechtsgerichteten Anschlags liege nahe. Die Kriminalpolizei und der Staatsschutz haben die Ermittlungen aufgenommen und suchen nach Zeugen. Eine heiße Spur zu den Tätern gab es bis Sonntag noch nicht.

Die Gemeinde geht von einer gezielten Einschüchterungsaktion aus. In der Begegnungsstätte in Jüterbog bietet die Kirchengemeinde St. Nicolai wöchentlich Treffen mit Flüchtlingen an. In den Räumen versammelt sich normalerweise die "Junge Gemeinde" der Stadt. Am Wochenende finden dort Deutschkurse und Begegnungstreffen für Flüchtlinge statt.

Seitenhiebe gegen den Bürgermeister

Am Samstagmittag besichtigte Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) gemeinsam mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge den Tatort in der Jüterbogener Mönchenstraße. Dabei sagte Schröter, der Verdacht eines rechtsgerichteten Anschlags liege nahe. "Alles andere ist eher sehr unwahrscheinlich", so der Innenminister. Es müssten jedoch die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Staatsschutz abgewartet werden. "Wir werden vor denen, die Flüchtlinge und Helfer bedrohen, keinen Zentimeter zurückweichen", betonte Schröter aber bereits.

Der Bischof der Evangelischen Kirche-Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, sprach von einer menschenverachtenden Tat, die "unser Gemeinwesen trifft". Zugleich kritisierte er scharf politische Polemik: "Politiker, die derzeit verächtliche Reden über Flüchtlinge halten, sollten sich angesichts dieser und anderer Taten überlegen, ob sie das nicht mit zu verantworten haben."

Bürgermeister war auf einer Beisetzung

Mit dem Innenminister und dem Bischof hatten sich nach Angaben von Ministeriumssprecher Ingo Decker etwa 100 Menschen vor der zerstörten Begegnungsstelle versammelt. Jüterbogs parteiloser Bürgermeister Arne Raue blieb laut Decker der Versammlung allerdings fern. "Wir haben ihn zwar zuvor gesehen, aber er war nicht dabei", sagte Decker dem Evangelischen Pressedienst (epd). Gegenüber der Zeitung "Märkische Allgemeine" begründete Raue sein Fernbleiben mit einem Beisetzungstermin. Er teilte der Zeitung jedoch mit, dass er zutiefst erschüttert sei und hoffe, dass die Täter schnellstmöglich gefasst werden würden.

Am Sonntag verschickte Raue zudem eine Pressemitteilung, in der er sich bei den Bürgern bedankt. "Es hat mich sehr berührt und ich freue mich, dass so viele Jüterboger Anteil genommen und Zusammenhalt signalisiert haben - ein tolles Zeichen des Miteinanders."  

Raue hatte vor Einschleppen von Krankenheiten gewarnt

Raue hatte Anfang November für Unruhe gesorgt, weil er auf Facebook vor dem Einschleppen von ansteckenden Krankheiten durch Flüchtlinge gewarnt hatte und den Bürgern seiner Stadt von dem Kontakt mit Asylbewerbern abriet. Davon habe Raue sich mittlerweile distanziert, sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Doch die Geister, die er rief, wird der Bürgermeister jetzt nicht mehr los."

Ein Polizeiwagen steht vor dem evangelischen Jugendklub in Jüterbog (Quelle: dpa)
Polizei am Jugendclub in Jüterbog

Anti-Asyl-Demo und Gegenkundgebung kurz vor der Explosion

Die Kirchengemeinde vermutet auch einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und einer NPD-Demonstration wenige Stunden vor der Explosion. Innenminister Schröter vermutete als Hintergrund der Explosion eine "Frust- oder Wutaktion" der Rechten, weil die Gegendemonstration am Freitagabend sehr viel größer und von Einheimischen getragen war.

Am Freitagabend waren rund 200 Asylgegner und Rechtsradikale unter dem Motto "Nein zum Asylwahn, Ja zu Jüterbog" durch die Stadt gezogen. Anmelder war der Nauener NPD-Stadtverordnete Maik Schneider.

An einer Gegenkundgebung unter dem Motto "Jüterbog - Wir lassen uns nicht ausspielen" nahmen rund 500 Menschen teil - auch die Evangelische Gemeinde war beteiligt. Nach Beendigung des Aufmarsch der Asylfeinde hatten die Gegendemonstranten den Jüterbogener Marktplatz "symbolisch ausgefegt".

"Das passt nicht zusammen"

Kornelia Wehlan, Landrätin in Teltow-Fläming, nannte den Vorfall am Samstag "unfassbar" und "durch nichts zu tolerieren". Sie persönlich habe an der Gegenkundgebung teilgenommen. "Das war ein positives Signal für die Stadt, und ich war sehr froh darüber, dass die antidemokratischen Kräfte deutlich gesehen haben, wie und wo die Menschen in Teltow-Fläming stehen."

"Sollte sich herausstellen, dass sich dahinter eine rechtsextreme Motivation verbirgt, zeigt sich erneut, dass die sogenannten Asylkritiker vor nichts mehr zurückschrecken", teilten die Brandenburger Grünen am Samstag mit. "Und letztlich zeigen solche Taten auch nur, wie hohl ihre Parolen sind. Vor einer Islamisierung des Abendlands zu warnen und dann kirchliche Einrichtungen anzustecken, passt nicht zusammen."

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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