Archiv: Blick auf das Rathaus in der Altstadt von Nauen am 21.09.09 (Quelle: imago/F.Berger)

Spurensuche in Nauen - Hotspot der rechtsextremen Szene

Ein Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft, Angriffe auf das Parteibüro der Linken und Hetzbriefe gegen Flüchtlinge mit einer Anleitung zum Bombenbau: Die brandenburgische Stadt Nauen geriet wiederholt durch fremdenfeindliche Ausfälle in die Schlagzeilen. Warum immer wieder Nauen? Eine Spurensuche von Anne Demmer

Die neue Traglufthalle für Flüchtlinge in Nauen (Havelland) steht. In wenigen Wochen sollen hier 300 Menschen einziehen, es ist der Ersatz für die abgebrannte Turnhalle. Die Ruine befindet sich nur einige hundert Meter entfernt von der neuen Notunterkunft, sie erinnert nach wie vor an das, was vor einem halben Jahr geschehen ist.

Die mutmaßlich rechtsextremen Täter zündeten damals Autoreifen und eine Gasflasche an, um die Flüchtlingsunterkunft in Brand zu stecken. Nun befürchtet die Polizei einen weiteren Anschlag - diesmal auf die neue Traglufthalle für Flüchtlinge und fährt deshalb häufiger auf Streife. Laut Polizeidirektion West gab es bereits Hinweise darauf, dass ein Anschlag verübt werden könnte.

Abgebranntes Gebäude in Nauen (Quelle: rbb/Anne Demmer)
Die Ruine der Turnhalle nach dem Brandanschlag: Dort hätten Flüchtlinge einziehen sollen

Markus Klein vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechts beräte die Stadt Nauen. Für ihn spitzt sich die Lage zu: "Angefangen hat alles mit der Stadtverordnetenversammlung, in der es um die Aufnahme von Flüchtlingen ging. Rechte störten die Sitzung so massiv, dass sie abgebrochen werden musste." Dann seien der Brandanschlag auf die Turnhalle, die Anschläge auf das Parteibüro der Linken und nun die fremdenfeindlichen Flugblätter mit Anleitung zum Bombenbau gekommen. "Da kann man schon von einer Radikalisierung sprechen," resümmiert Klein.

"Hohe rechtsextreme Dynamik"

Im Raum Nauen sind laut Verfassungsschutz rund 40 Rechtsextreme aktiv. Im gesamten Havelland sind es 130, davon ein Viertel gewaltbereit. Der Schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten konzentriere sich derzeit in Nauen, sagt der Brandenburger Verfassungsschützer Heiko Homburg. Da passiere derzeit mehr als in anderen Kommunen in Brandenburg. "Wir haben eine hohe rechtsextreme Dynamik, angefacht nochmal durch die aktuelle politische Situation. Dadurch fühlen sich Extremisten geradezu motiviert, aktiv zu werden, in Form von Straftaten, von Brandanschlägen, von Übergriffen oder auch Demonstrationen."

Traglufthalle in Nauen (Quelle: rbb/Anne Demmer)
Ersatz für die abgebrannte Turnhalle: Traglufthalle, in die bald Flüchtlinge einziehen sollen

Was dem Hass entgegensetzen?

Laut Homburg hat die rechtsextreme Szene Tradition in Nauen. Derzeit sehe es so aus, als würden sich die verschiedenen Akteure zusammenzuschließen und ihre Kräfte bündeln: Die NPD hat hier mehr Anhänger als anderswo, ein Abgeordneter wurde in der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Auch die Kameradschaft "Freie Kräfte Neuruppin", die rechte Musikszene und die Partei der "Dritte Weg" sind in Nauen aktiv. Die Szene sei überschaubar, man kenne sich untereinander und stimme sich ab, erklärt der Brandenburger Verfassungsschützer.

Aber was dem Hass entgegensetzen? In Nauen müsse die Zivilgesellschaft noch stärker mobilisiert werden, aber auch der Rechtsstaat sei gefordert, die Straftaten schnell aufzuklären, meint Homburg. Bislang konnten die Täter, die die Turnhalle vor einem halben Jahr angezündet haben, nicht gefasst werden. Auch wer hinter den fremdenfeindlichen Flyern mit der Anleitung zum Bau von Sprengsätzen steckt, ist ungeklärt. Der Staatsschutz ermittelt.

Nauener sind geschockt und verunsichert

Die Stadtverwaltung Nauen hat den Aufruf zur Selbstjustiz auf das Schärfste verurteilt: "Dieser offene Aufruf zu terroristischen Straftaten hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun!", steht auf der Internetseite der Stadt geschrieben. "Es ist eine Sache, die Asylpolitik nicht zu befürworten. Es ist jedoch eine völlig andere Sache, dazu aufzurufen, Menschenleben zu gefährden oder gar zu beenden, nur weil diese flüchtende Menschen oder Unterstützer einer aktiven Willkommenskultur sind."

Auch eine Woche nachdem Unbekannte die fremdenfeindliche Propaganda in Nauener Briefkästen gesteckt haben, sind viele Menschen verunsichert und geschockt. "Ich weiß nicht, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht", sagt eine Frau. Für eine andere Bewohnerin eskaliert die Situation in Nauen: "Man hört ja, wie geredet wird, es putscht sich immer mehr auf." Ein anderer Nauener will sich nicht einschüchtern lassen: "Widerstand kann sich nur so äußern, dass man zusammensteht und sagt: Wir lassen uns das nicht kaputtmachen, wir sind eine tolerante Stadt."

Beitrag von Anne Demmer

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