Wünsdorf - Erstaufnahmelager für Flüchtlinge auf dem ehemaligen Militärgelände, Foto (c): rbb/Magdalena Bienert
Wünsdorf - Erstaufnahmelager für Flüchtlinge auf dem ehemaligen Militärgelände, Foto (c): rbb/Magdalena Bienert

Wünsdorf soll 1.700 Flüchtlinge beherbergen - "Man darf Bürger, die Angst haben, nicht als Pack beschimpfen"

Der Standort ist brisant: Wünsdorf im Landkreis Teltow-Fläming galt lange als eine Hochburg der rechten Szene. Seit einem Monat leben dort in der neuen Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt Flüchtlinge. Derzeit geht im Ort alles seinen Gang, aber manchem Wünsdorfer ist wohl dennoch mulmig zumute. Von Lisa Steger

Er flüchtete vor dem Krieg und fand Frieden in einer ehemaligen Kaserne: Ein weißer Block am Waldrand ist die neue Adresse für den 21-jährigen Khaled Ramadan aus Damaskus. Vor der Wende war hier die Rote Armee stationiert, zuvor die Wehrmacht. Von diesen Hintergründen weiß Khaled nichts. "Wünsdorf ist sehr schön und die Leute sind gut. Ich bin glücklich hier", sagt der 21-Jährige. "Ich möchte meine Zukunft in Deutschland verbringen." Seine Ziele: Deutsch zu lernen und eine Stelle als Anstreicher zu finden.

Khaled Ramadan (Quelle:rbb/Steger)
Khaled Ramadan aus Damaskus fühlt sich wohl in Wünsdorf

Khaleds Haus ist eines von dreien auf dem "Behördenzentrum B" in Wünsdorf, das für Flüchtlinge hergerichtet wurde. Wohncontainer sollen hinzukommen. Insgesamt wird es 35 Millionen Euro kosten, die Liegenschaft für Flüchtlinge umzugestalten, so das Potsdamer Innenministerium.

Gastfreundschaft und gemischte Gefühle

Auf der anderen Straßenseite klopfen zwei Arbeiter Pflastersteine in den nahezu gefrorenen Boden, für einen neuen Weg. "Es ist traurig, dass auf einmal Geld da ist für Ausländer und in den Kindergärten fällt der Putz von der Wand. Dafür ist kein Geld da", sagt der 44 Jahre alte Familienvater René Lehmann. "Für uns müsste auch mal was getan werden."

René Lehmann (Quelle: rbb/ Steger)
Familienvater René Lehmann wünscht sich mehr Investitionen für Kindergärten und Schulen

Sein Kollege Michael Voßberg hat festgestellt, dass im Heim viel Essen weggeworfen werde, manchmal zwei Tonnen voll. "Das muss doch logistisch besser gemacht werden. Auf der einen Seite will man, dass wir Rohstoffe sparen, und dann wird das alles weggeschmissen: Schnitzel, Fleisch, Belag, Wurst. Alles voll bis obenhin." Der 53-Jährige kann die Flüchtlinge gut verstehen, die hier leben: "Jeder wusste, dass die Menschen eines Tages kommen, sie haben doch in ihren Heimatländern keine Existenz. Die EU ist mitverantwortlich, sie macht die Landwirtschaft und Fischerei da unten kaputt." Voßberg kritisiert die Bundesregierung: "Die haben richtig gepennt, richtig blöd, dilettantisch. Sogar ich habe es kommen sehen. Aber die tun so, als hätten sie nichts gewusst."

Deutschrussin in Angst vor dem Islam

Eine dick eingemummelte Frau mit Mütze läuft über die Hauptallee. Es ist eine 69 Jahre alte Spätaussiedlerin, die vor 15 Jahren aus dem Kaukasus kam. Dort hat sie als Lehrerin gearbeitet; in Deutschland hat sie keine Stelle mehr gefunden – ihre Deutschkenntnisse seien nicht gut genug, glaubt sie. "Ich habe mit den Flüchtlingen sehr viel Mitgefühl, es geht ihnen sehr schlecht. Ich bin vor dem Krieg mit Tschetschenien geflohen. Es ist schlimm. Und es ist so schön, dass  diese Leute Hilfe kriegen können."

Trotzdem ist der Rentnerin jetzt mulmig zumute; es liege daran, dass die meisten Asylbewerber Muslime sind. "Wenn sie alle kommen, dann wird es hier ein syrisches Dorf sein und kein deutsches Dorf. Daher haben viele Angst, dass langsam unsere Kultur verschwindet. Es kommen viel zu viele Leute her." Die Deutschrussin ist überzeugt, dass Muslime sich schlechter integrieren als andere: "Die islamische Religion drückt auf die anderen Leute. Sie drängen den Koran auf, auch, wenn man das nicht will."

Grafitti in Wünsdorf (Quelle: rbb/Steger)
Graffiti in Wünsdorf

Erste Kontakte zwischen Flüchtlingen und Deutschen

Am Wünsdorfer Bahnhof ruft ein Plakat zu einer Demonstration gegen das Flüchtlingsheim auf. Neben dem örtlichen Supermarkt hat jemand ein Graffito gesprüht: "Köln: Refugees welcome???" heißt es da in Anspielung auf die Übergriffe in der Silvesternacht. Gerhard Guth, der vor dem Discounter Würstchen und Brathähnchen verkauft, kann damit nichts anfangen. "Jeder, der Hilfe braucht, muss sie kriegen, wir sind alle Menschen", findet der Koch. "Sehr viele Flüchtlinge kommen zu mir jeden Montag, sie sagen, es schmeckt gut, und sie kommen immer wieder. Freundliche, hilfsbereite Leute. Ich finde das in Ordnung, dass sie hier sind."

Die Sozialarbeiterinnen Kerstin Haase (rechts) und Rosemarie Vogt-Hoffmann (links) betreuen auch Flüchtlinge (Quelle: rbb/Steger)
Die Sozialarbeiterinnen Kerstin Haase (rechts) und Rosemarie Vogt-Hoffmann (links) betreuen auch Flüchtlinge

Auch die Sozialarbeiterinnen Kerstin Haase und Rosemarie Vogt-Hoffmann vom freien Träger "Internationaler Bund" haben regelmäßig  mit Flüchtlingen zu tun. "Die ausländischen Jugendlichen sind nett, höflich und zuvorkommend, was man von manchen Deutschen nicht sagen kann - die grüßen uns nicht", berichten sie. Einer ihrer Schützlinge ist 17 Jahre alt und lernt gerade Deutsch. Er will eine Lehrstelle als Sanitär- und Heizungs-Anlagenmechaniker bekommen. Die Frauen sind optimistisch, dass das klappt.

Es brodelt unter der Oberfläche

Noch im November demonstrierten 300 wütende Menschen, als Innenminister Karl-Heinz-Schröter in Wünsdorf die Pläne für das Heim vorstellte. Heute erscheint der Alltag im Ort unspektakulär, friedlich. Unter der Oberfläche gärt es aber weiter, erzählt der 65 Jahre alte Konrad Tschorn, der sich im Ortsbeirat engagiert. So gibt es eine Gruppe namens "Wünsdorf wehrt sich", die anonym auf Facebook agiert und regelmäßig Demonstrationen auf dem Zossener Marktplatz abhält. "Da sind viele dabei, denen einfach die Politik mit den Flüchtlingen nicht gefällt, aber es geht auch an den rechten Rand heran", erzählt der gelernte Autoelektriker.

400 Demonstranten seien zuletzt gezählt worden - für eine Kleinstadt ziemlich viel. Wünsdorf, ein Ortsteil von Zossen, hat rund 6.000 Einwohner. Tschorn ist überzeugt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel für das Erstarken des Rechtsextremismus mitverantwortlich ist: "Sie kommuniziert nicht, was sie vorhat. Sie geht nicht auf die Ängste  der Bürger ein. Recht schnell werden Bürger, die Ängste haben, aus Uninformiertheit meist, abqualifiziert. Als Nazi, als Pack. Und das geht nun auch wieder nicht." Konrad Tschorn, Mitglied der Linken, ist sicher: "Diejenigen, die sich als Pack und Nazis beschimpft fühlen, es aber gar nicht sind, die werden sich komplett abwenden und werden den Rattenfängern von Pegida und AfD hinterherlaufen."

Tschorn und andere in Wünsdorf wollen es anders machen. Es gibt die "Flüchtlingshilfe Zossen", die aus hundert Menschen besteht und Deutschkurse, eine Kleiderkammer, aber auch eine 'Arbeitsgemeinschaft Politik' organisiert. "Wir müssen uns auch um die Bürger hier vor Ort kümmern", sagt der 65-Jährige zur Begründung. Der Stammtisch ist gut besucht. Fanatische Flüchtlingsgegner, sagt Tschorn, sind aber bisher nicht gekommen. Sie äußern sich weiterhin bevorzugt im Internet.

Beitrag von Lisa Steger

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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