Sehitlik Moschee in Berlin © dpa
Audio: Inforadio | 24.12.2015 | Sophie Elmenthaler

Moscheen gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen - Wie muslimische Gemeinden Flüchtlingen helfen

Zehntausende Flüchtlinge sind in diesem Jahr nach Berlin und Potsdam gekommen, darunter viele Muslime, die jetzt hier in die Moscheen kommen. Doch was bedeutet der plötzliche Zuwachs für die muslimischen Gemeinden? Und mit welchen Erwartungen kommen die Flüchtlinge? Sophie Elmenthaler hat einen Berliner Imam bei seinem sehr langen Arbeitstag begleitet.

Freitagmorgen in der Dar Assalam Moschee in Berlin-Neukölln: Bis zum Mittagsgebet sind es noch drei Stunden. Ein Mitarbeiter saugt den dunkelroten Teppich, das goldgelbe Muster in Form stilisierter Gebetsnischen weist die Gebetsrichtung nach Mekka. Am anderen Ende des Gebäudes sitzt in einem kleinen, schmucklosen Büro Mohamed Taha Sabri, der Imam der Gemeinde. Er schreibt eine Scheidungsurkunde, vor ihm steht ein Pappbecher mit Kaffee.

Noch ist es hier ruhig, aber je näher das Gebet rückt, desto voller wird es, sagt der Imam: "Wir haben so circa 1.500 Leute, die zum Freitagsgebet kommen. Früher waren es so um die 1.000, jetzt beten die Leute auf der Straße." Die vielen neuen Besuchern kommen aus den umliegenden Notunterkünften, denn die meisten Geflüchteten sind Muslime. Wenn sie zur Moschee kommen, dann nicht nur zum Gebet, sagt Taha Sabri: "Viele suchen Rat, finanzielle Hilfe oder jemanden, der übersetzt." Viele kämen jeden Tag in die Moschee.

Seelsorger in der Moschee: Ein Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag

Für den Imam bedeutet das in der Regel einen Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag, denn die alteingesessenen Gemeindemitglieder müssen ja auch noch versorgt werden.

Das Engagement für Geflüchtete hat für viele Muslime einen besonderen Stellenwert, denn die ersten Muslime im 7. Jahrhundert mussten selbst aus Mekka nach Medina auswandern. In Medina bekamen sie Hilfe von Glaubensgeschwistern und Sympathisanten. Der Prophet Muhammad sorgte dafür, dass jeder der Unterstützer, den sogenannten Ansar, einen der Flüchtlinge (Muhajirun genannt) bei sich aufnahm. Die Ansar werden dafür im Koran besonders gelobt, zum Beispiel im Vers 9 der Sure 59.: Die vor ihnen im Haus und im Glauben Wohnung genommen haben, lieben die, die zu ihnen ausgewandert sind. Sie empfinden in ihrem Herzen kein Bedürfnis nach dem, was diesen gegeben worden ist. Sie bevorzugen sie vor sich selbst, auch wenn sie selbst Not litten. Die vor ihrer eigenen Habgier bewahrt werden, denen ergeht es gut.

Vor Al Farouk Moschee in Potsdam sitzen Menschen, weil der Gebetsraum überfüllt ist. Unter ihnen sind viele Flüchtlinge (Quelle: rbb/Sophie Elmenthaler)

Die Geschichte der Ansar als Vorbild

Neben dem Koran erzählen auch andere religiöse Quellen wie Sunna und Hadith von den Ansar. "Der Prophet hat dann am Ende seines Lebens auch gesagt: 'Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich als einer von den Ansar auf die Welt gekommen sein'", erklärt Ferid Heider, der in mehreren Berliner Moscheegemeinden als Imam tätig ist. Der Prophet habe die Ansar damit auch loben und ihren Stellenwert aufzeigen wollen, den sie bei Gott genießen.

Die Ansar und die Muahjirin halfen einander, weil sie Glaubensbrüder waren, sagt Heider. Das Gebot, Notleidenden zu helfen, beziehe sich im Islam aber eindeutig auch auf Andersgläubige.

Zum Beweis verweist Heider auf Sure 76: "'Und sie speisen, obwohl sie selbst darauf angewiesen sind, die Bedürftigen, Waisen und Gefangenen.' Und Gefangene sind ja in der Regel im koranischen Kontext Menschen, die die Muslime aufgrund ihres Glaubens bekämpft haben", sagt Heider. "Das heißt, das sind nichtgläubige Menschen. Und Gott lobt die Gläubigen, welche diese Gefangenen auch speisen, obwohl sie selbst auf das Essen angewiesen sind."

 

Eine Anzeigetafel in der Dar Assalam Moschee in Berlin (Quelle: rbb/Sophie Elmenthaler)
In der Dar Assalam Moschee in Berlin-Neukölln.

Gebet und Predigt im Dezemberregen

In der Neuköllner Dar Assalam Moschee wird es inzwischen immer voller. Zu Beginn der Predigt um halb eins ist der rot-goldene Teppich komplett belegt. Wer keinen Platz mehr auf der Galerie findet, muss draußen ins Zelt. Auch während der Predigt kommen immer noch mehr Leute.

Gemeindemitglieder in gelben Warnwesten koordinieren den Besucherstrom. Schließlich rollen die Mitarbeiter Teppiche im Hof aus. Als nach der Predigt das Gebet beginnt, stehen auf allen Teppichen Menschen und ertragen den kalten Dezemberregen mit Fassung. Es sind sechs Grad.

Auch in Potsdams Al Farouk Moschee ist nur wenig Platz für die vielen Gläubigen

Zur gleichen Zeit in Potsdam: Vor einem schlichten Nachkriegsbau nahe dem Platz der Einheit haben sich auf dem Gehsteig mehrere Reihen von Gläubigen gebildet, kritisch beäugt von den Passanten. Die Predigt wird über kleine Lautsprecher nach draußen übertragen, ist aber kaum zu verstehen. Die Al Farouk Moschee ist die einzige in ganz Brandenburg.

Die beschränkten Räumlichkeiten reichen bei Weitem nicht aus, sagt der Imam Kamal Abdallah: "Wir versuchen seit langer Zeit, Räume zu bekommen. Es gibt natürlich viele Räume, aber die sind unbezahlbar für uns, da wir keine Unterstützung vom Staat oder der Botschaft nehmen. Wir finanzieren alles von Spenden. Deswegen ist es schwierig, nur aus eigener Kraft Räume zu mieten."

Maximal 1.200 Euro kann die kleine Gemeinde monatlich für Miete aufbringen. Ohne Unterstützung der Stadt Potsdam sei es fast unmöglich, geeignete Räume zu finden, so Kamal Abdallah: "Vor kurzem war Oberbürgermeister Jann Jakobs hier zum Gebet. Wir haben darüber gesprochen und er hat versprochen, dass sie etwas finden. Das hat bisher natürlich nicht geklappt, so dass es also Platzmangel geben könnte."

(Quelle: rbb/Sophie Elmenthaler)

Die Religion ist für viele nicht der Hauptgrund für den Besuch in der Moschee

Zurück nach Neukölln: Nach dem Freitagsgebet hat sich eine Menschentraube um den Imam Taha Sabri gebildet. Zehn bis 15 Besucher bitten alle gleichzeitig um Hilfe. Drei Männer aus Afghanistan haben in ihrer Notunterkunft kaum Waschgelegenheiten, sie kommen nicht zum Duschen. Der Imam gibt ihnen seine Handynummer: Sie sollen sich bei ihm melden, falls sie sein Bad benutzen möchten. 

Tatsächlich ist die Religion für viele Moscheebesucher gar nicht der Hauptgrund für ihr Kommen. Was sie außer praktischer Hilfe in der Moschee suchten, sei vor allem Gemeinschaft, sagt Taha Sabri. Wärme und das für jeden so wichtige Gefühl dazuzugehören, das seien die wichtigsten Motive hierher zu kommen, erklärte sie. "Sie haben ihre Heimat verloren, sind entwurzelt, brauchen einen Boden. Wir sind hier willkommen, wir sind eine Familie", so Taha Sabri. Das sei das wichtigste Gefühl, das sie hier bekämen.

Viele kommen in die Moschee wie zu einer Familie

Einer der neuen regelmäßigen Besucher der Dar Assalam Moschee ist der Syrer Salim, ein nachdenklicher, schmaler Mittvierziger mit graumeliertem Haar. Er ist auch in Syrien regelmäßig in die Moschee gegangen: "Die Predigt ist ähnlich, aber unterscheidet sich natürlich auch. Uns gefällt der gemäßigte Tonfall. Deshalb kommen wir hierher." Andere sprechen davon, dass sie sich hier fühlten "wie unter Geschwistern" oder "wie in einer Familie".  

Der große Andrang in den Moscheen erweckt den Eindruck, dass alle geflüchteten Syrer, Afghanen oder Iraker fromme Muslime sind, die jeden Freitag zur Moschee gehen. Der Eindruck täuscht. Tatsächlich seien, ähnlich wie bei den ansässigen Muslimen, nur etwa 20 Prozent mehr oder weniger praktizierend, sagt Andreas Götze, der bei der Evangelischen Landeskirche für interreligiösen Dialog zuständig ist: "Syrien selber ist ein sehr multireligiöses, multikulturelles Land gewesen, muss man ja sagen, wo verschiedene Religionsgruppen auch nebeneinander gelebt haben." Nach Götzes Einschätzung sind viele der Flüchtlinge aus Syrien eher säkular geprägt. "Natürlich in dem Wissen: 'Mein kulturelles Setting ist der Islam.' Aber man hat einen freieren Umgang damit gepflegt", so Götze.

Auf der Suche nach Anschluss und praktischer Hilfe

Viele der Geflüchteten suchen in den Moscheen vor allem Anschluss oder praktische Hilfe. Würde es den Moscheevereinen gelingen, diese eher säkularen Besucher langfristig zu halten, würde das die Gemeinden quasi säkularisieren. Unter den muslimischen Syrern, die wirklich fromm sind, sind wiederum einige theologisch hoch gebildet. Einer von ihnen ist der Imam Baschar Al Ghayes, der bereits seit mehreren Monaten im Haus der Weisheit in Moabit tätig ist. In Damaskus arbeitete er für das Religionsministerium und die Vereinten Nationen.

Baschar Al Ghayes meint, die alteingesessenen Berliner Muslime seien weniger religiös als die syrischen, vor allem weniger religiös gebildet: "Syrien ist ein islamisches Land, das religiöse Leben ist sehr lebendig, es gibt überall Moscheen. Dazu kommen die theologischen Zirkel und die großen Gelehrten, und dass sich die Gläubigen gegenseitig ans tägliche Gebet erinnern. In Berlin ist das anders: Die Leute haben viele Termine, manche sind bis sechs Uhr abends nicht zuhause."

Das Engagement in den Moscheen seiner Landsleute in Berlin sei also eher gering. "Wenn ich hier Islamunterricht gebe, kommen höchstens 15 Leute. In Syrien kamen mehr als 150." Der religiöse Analphabetismus könne es Extremisten leichtmachen, Leute zu überzeugen. Es gibt ganz einfach kein Wissen darüber, dass diese Religion den Extremismus ablehnt.

Ganz oben steht die moralische Betreuung

In Neukölln hat sich die Menschentraube um Imam Taha Sabri inzwischen gelichtet, gleich beginnt das Nachmittagsgebet. Der Imam allerdings hat noch einen Beratungstermin, will aber eigentlich nach Hause. Er sieht müde aus: "Diese Arbeit ist ehrenamtlich und braucht enorme Mittel, und die haben wir nicht." Und er ergänzt: "Und so fühle ich mich. Manchmal fühle ich mich so unter Druck."  

Taha Sabri ist nicht der einzige in der Gemeinde, der sich so engagiert. Die Tunesierin Chiraz Ben Jibara hat Arabistik an der Freien Universität Berlin studiert und bietet insbesondere geflüchteten Frauen Hilfe an: "Wir machen Besuche im Heim und wir begleiten die Flüchtlinge ins Jobcenter, zur Krankenkasse oder gehen mit ihnen in den Laden." Die Flüchtlinge bräuchten nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern vor allem moralische, sagt Tha Sabri: "Die meisten haben sehr schwierige Situationen hinter sich. Viele kämpfen mit Depressionen. Wir möchten auch moralisch helfen, nicht nur finanziell."

Verdienstorden für ehrenamtliche Tätigkeit

Bei ihren Besuchen in den Unterkünften wird sie oft von Rahma Jauani begleitet, die als zahnmedizinische Fachangestellte arbeitet. Die Frauen bringen Sachspenden vorbei. "Bettwäsche, Spielsachen, oder wir informieren uns dann auch. Bei der einen Familie fehlt das und das, dann machen wir eine Anzeige auf Facebook und das bringen wir dann in die Heime", erzählt Jauani.

Die wertvolle ehrenamtliche Arbeit der Moscheevereine ist nicht unbemerkt geblieben: Erst vor kurzem bekam Imam Taha Sabri den Verdienstorden des Landes Berlin, auch weil er sich immer wieder dezidiert gegen den islamistischen Extremismus wendet. Er ist froh, dass zumindest seine Gemeinde nicht mehr nur als Bedrohung, sondern als wichtige zivilgesellschaftliche Institution gesehen wird: "Ich merke auch, dass unser Verein jetzt oft eingeladen wird, von Kirchen, Stiftungen, von anderen Institutionen. Ich habe Hoffnung, dass sich damit auch die Lage ändert". Dass also Projekte finanziert werden.

Das große Gewicht der Einschätzungen des Verfassungsschutzes

Die Finanzierung sozialer Projekte, die von Moscheevereinen betrieben werden, ist bisher noch eine große Seltenheit. Zu groß ist das Misstrauen vieler Geldgeber, dass die Gelder nicht für Sozialarbeit oder Deutschkurse, sondern für religiöse Zwecke verwendet werden. In einigen Fällen sind die Skrupel nicht ganz unbegründet, sagt Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauftragter im Bezirk Neukölln: "Solange der Verfassungsschutz bestimmte Moscheen erwähnt, muss die Politik entscheiden, ob sie die Bemühungen der Moschee unterstützt und sagt: 'Das ist eine gute Sache, wir wollen das jetzt, wir brauchen das.' Oder ob sie sagt: 'Das, was der Verfassungsschutz warnend schreibt, nehmen wir ernst.' Und dann werden wir diese Zusammenarbeit eben nicht haben."

Nicht jede Moschee, die der Verfassungsschutz erwähnt, ist auch tatsächlich islamistisch orientiert. Es reicht oft schon, wenn ein einziges Gemeindemitglied Organisationen wie der Muslimbruderschaft oder Milli Görüs nahesteht, damit die ganze Gemeinde unter Generalverdacht gerät. Wie zum Beispiel auch die Dar Assalam Moschee. 

Ein Signal mit einem Orden

Im Fall der Neuköllner Moschee hat der Berliner Senat mit der Verleihung des Verdienstordens an Taha Sabri allerdings ein deutliches Signal gesetzt. Ganz abgesehen von den Vorbehalten gebe es aber derzeit auch einfach schlicht keine Gelder für soziale Projekte, egal von wem die kämen, sagt Mengelkoch: "Sollte in Berlin ein Programm zur Finanzierung solcher Projekte in Moscheen aufgelegt werden, dann wäre das wunderbar. Daran würden wir uns gerne beteiligen."

Wahrscheinlich können es sich die Stiftungen und Behörden bald gar nicht mehr leisten, Moscheevereine von Förderungen auszuschließen - zu groß ist jetzt schon der Bedarf etwa an Deutsch- und Integrationskursen. Fraglich ist auch, wie lange die Gemeinden der Überlastung noch standhalten, denn es wird noch eine Weile dauern, bis aus den bedürftigen Neuankömmlingen voll integrierte Gemeindemitglieder geworden sind, die auch Mitgliedsbeiträge zahlen können.

Taha Sabri sitzt jetzt im Besprechungszimmer, die Frau mit dem Beratungstermin ist nicht gekommen. Frei hat er trotzdem nicht, ständig ruft jemand auf dem Handy an. Neben den nie endenden Hilfegesuchen macht ihm vor allem die Politik zu schaffen: "Ich wünsche mir, dass ich mehr Ruhe habe." Vor allem durch die Terrorakte - in Europa und in anderen Teilen der Welt - fühle er sich in seinem Glauben verletzt, habe das Gefühl, ständig "Schläge auf den Kopf und ins Herz" zu bekommen. "Ich muss immer erklären, dass der Islam mit diesen Taten nichts zu tun hat." Ein wichtiger Schritt, um genau auch diese Trennung zu dokumentieren, sei die Anerkennung des Islam als Religion und als Teil dieser Gesellschaft.

Und dann erzählt Taha Sabri noch, dass er überlegt, in seine Heimatstadt Bremen zurückzugehen. Weil ihm das hier alles zu viel wird.

Beitrag von Sophie Elmenthaler

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