Asylbewerber und eine Ehrenamtliche bei der Aktion "Deutsch lernen durch Kochen!" (Quelle: Mathis Oberhof)

Serie | Reden wir über Integration - "Nicht nur die Flüchtlinge müssen sich verändern"

Wandlitz vor drei Jahren: 50 Flüchtlinge sollen in eine Unterkunft ziehen. Viele Wandlitzer sträuben sich dagegen. Der Autor und Flüchtlingshelfer Mathis Oberhof berichtet im Interview, warum viele von ihnen anschließend ihre Meinung änderten - und wie ein Syrer reagierte, der an einem See regelmäßig eine Frau nackt in der Sonne baden sah.

Die wichtigsten Aussagen:

  • "Wichtig wäre ein Begleiter für jeden Flüchtling, z.B. für Arzt- und Amtsbesuche."
  • "Frauenfeindlichkeit ist oft ein Problem, aber je mehr Kontakt Flüchtlinge mit Deutschen haben, desto mehr ändern sie ihre Meinung."
  • "Viele Helfer fühlen sich überfordert."

Herr Oberhof, vor drei Jahren gab es viel Protest gegen die Flüchtlingsunterkunft in Wandlitz. Auf einer Bürgerversammlung haben Sie beschlossen, den Mund aufzumachen. Wie kam es dazu?

Ich bin damals in der Nacht vor dieser Versammlung aufgewacht und habe gedacht: Ganz egal wie die dich auspfeifen, du musst aufstehen und sagen: "Die Flüchtlinge haben unsere Hilfe verdient." Ich habe in der Rede dann zum Beispiel erzählt, dass meine Mutter auch aus Ostpreußen geflüchtet ist. In den Tagen zuvor und auch an diesem Abend noch schien die Mehrheit gegen ein Flüchtlingsheim zu sein. Doch dann kam überraschend eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft.

Wie sieht denn ihre Arbeit als "Flüchtlingshelfer" aus?

Es gab bei mir drei Phasen: Im ersten Jahr habe ich die Hilfe nur koordiniert. In Wandlitz haben wir von Anfang an gefragt: "Wozu seid ihr bereit? Was wollt ihr tun?" Es gab zum Beispiel einen Regisseur, der einen Kinderfilm gedreht hat. Für ihn habe ich Kontakte zur Grundschule vermittelt. Oder es ging darum, eine Halle für Spenden zu organisieren. Ich habe auch ganz viel Pressearbeit gemacht. Das war ohne Übertreibung ein Halbtags-, manchmal sogar ein Ganztagsjob.

Das klingt anstrengend.

Heute, wo auch immer wieder von der Überforderung der Helfer gesprochen wird, weiß ich, dass das ein Thema für ganz viele ist. Ich dachte: "Ich will jetzt nicht zur Maschine werden."

Wie ging es dann weiter?

In der zweiten Phase habe ich ein Buch über Wandlitz geschrieben. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so eine faszinierende, unglaubliche Hilfsbereitschaft erlebt. Die letzte Phase ist jetzt gerade mal vier Tage alt. Am Freitag haben wir zwei syrische Flüchtlinge zum Essen eingeladen. Der eine hat schon die Anerkennung, darf also jetzt privat wohnen. 245 Euro kann er für die Miete ausgeben. Dafür ist hier fast nichts zu haben. Meine Frau und ich haben dann eine Nacht lang diskutiert und gesagt: "Das Gästezimmer und das Gästebad kann man zu einer eigenständigen 1-Zimmerwohnung umbauen." Ab nächsten Montag wird also ein Syrer bei uns wohnen. Das ist sehr spannend und sehr beglückend.

In der Gemeinde Wandlitz leben heute circa 300 Asylbewerber – 150 von ihnen in einer großen Unterkunft. Wie hat sich der Alltag verändert?

Man sieht verschleierte Frauen bei Lidl und Penny und es gibt mehr Fahrräder. Ein Auto können sich die meisten Flüchtlinge ja nicht leisten. Aber nirgendwo hat es sich zum Negativen verändert.

Flüchtlinge singen auf dem 3. Bürgerbegegnungsfest im Oktober 2013 (Quelle: Mathis Oberhof)

Damals haben manche Anwohner des Heims gesagt: "Ich habe Angst, dass unsere Frauen vergewaltigt werden, dass wir beklaut werden und dass die Grundstück-Preise sinken." Jetzt hat mir eine Anwohnerin gesagt: "Ja, so laut sind die ja gar nicht." Das Dorf hat sich über die Flüchtlingshilfe aber auch selbst kennengelernt. Ein neues "Wir-Gefühl" ist entstanden. Was ich von den Wandlitzern auch ganz oft gehört habe: "Wir haben gar nicht gewusst, was hier für tolle Leute wohnen."

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Gibt es nicht auch Probleme?

Mir war schon von Anfang an klar, dass die Stellung der Frauen und das Thema Gleichberechtigung die größte kulturelle Distanz zwischen der europäischen und anderen Kulturen ist.

Wie gehen Sie damit um?

Ganz lapidar gesagt: Die Migranten sind umso weniger frauenfeindlich, je mehr Kontakt sie mit Deutschen haben. Ein Beispiel: Ein syrischer Flüchtling ist im Sommer an den See gegangen. Dort lag eine Frau nackt in der Sonne. Das hat ihn schockiert. In Syrien hatte er noch nicht einmal den nackten Oberarm einer Frau gesehen. Aber nachdem er jeden Tag an den See gegangen ist, musste er irgendwann nicht mehr hinstarren. Er sagte mir: "Ich weiß, dass das ihre Freiheit ist. Sie will das so und das muss ich ihr lassen und darf sie da nicht mit meinen Blicken einengen."

Hat sich die Stimmung im Dorf nach Köln verändert?

Schon davor. Im Oktober letzten Jahres wurden für Basdorf, einem Ortsteil in Wandlitz, 100 Flüchtlinge angekündigt. Es gab dann eine Bürgerversammlung und die Diskussionsbeiträge waren im Grunde wie nach Köln: "Die alleinreisenden Männer, die ihre Frauen und Kinder im Krieg zurückgelassen haben, vergewaltigen unsere Frauen." Die Polizei hat darauf hingewiesen, dass es in drei Jahren keine einzige Anzeige wegen Eigentumsdelikten geschweige denn Sexualdelikten gab. Aber das wollten sie gar nicht hören. Und ich habe dann wirklich im ersten Moment gedacht: "War all unsere Arbeit umsonst?" Bis ich gemerkt habe, diese Menschen treibt eine Angst um, die ihnen die Ohren verschließt. Viele von denen sind nicht dialogfähig. Ich habe dann auch das erst Mal in meinem Leben auf meiner Facebook-Account eine Hasswelle gegen mich erlebt. Das ging bis zu Kommentaren wie "vergasen" und "ertränken".

Wie haben Sie darauf reagiert?

Drei Wochen nach dieser Bürgerversammlung hatten wir ein überfülltes Gemeindehaus, in dem sich Menschen getroffen haben, die gesagt haben: "Das darf nicht Basdorf sein!" – und die sich jetzt begeistert in der Flüchtlingshilfe engagieren. In Wandlitz war das vor drei Jahren auch so, ohne die negative Versammlung, hätte es die positive Antwort vielleicht gar nicht gegeben.

Was sind jetzt die nächsten Schritte? Wie kann das langfristige Zusammenleben funktionieren?

Wichtig ist, dass jeder einzelne Flüchtling einen Begleiter bekommt. Ich war zum Beispiel mit einem Asylbewerber beim Jobcenter. Für mich eine Überraschung: Wir wurden dort sehr höflich behandelt. Aber natürlich nur, weil sie sich nicht mit einem Syrer rumquälen mussten, der nur gebrochen englisch kann. Ich hatte ganz viel vorbereitet und konnte übersetzen. Für die Bearbeiter war es also einfacher und damit haben sie auch freundlich auf uns beide reagiert.

Das ist aber eine sehr zeitintensive Aufgabe.

Es geht auch um ganz normale Begegnungen und Kontakt. Viele sind so glücklich, wenn sich Einheimische mit ihnen nur mal zehn Minuten unterhalten. Dann bricht Rassismus generell in sich zusammen, wenn man denen einmal die Hand geschüttelt hat. Ich kenne Leute, die gegen das Heim waren. Aber unter dem Eindruck einer Begegnung haben sie monatelang in der Spendenhalle mitgeholfen. Wir müssen alle umdenken. Nicht nur die Flüchtlinge müssen sich anpassen und verändern, die haben im Moment ja den größten Veränderungsschock.

Das Gespräch führte Mara Nolte, rbb online

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