Zwei geflüchtete Kinder stehen am 29.12.2015 am Bahnhof in Berlin-Schönefeld (Quelle: imago/Jens Jeske)
Audio: Inforadio | 06.01.2016

Serie | Reden wir über Integration - "Ehrenamtlichkeit kann man nicht zum Nulltarif haben"

Mehrere tausend minderjährige Flüchtlinge sind 2015 nach Berlin gekommen - allein, ohne Eltern, ohne Verwandte. Sie brauchen hier Erwachsene, die sich um ihr Asylverfahren kümmern. Das Problem: Es gibt nicht genügend Menschen für diesen Job. Claudia Schippel versucht mit ihrem Netzwerk Akinda, welche zu finden. Eine vielschichtige Angelegenheit, erzählt sie im Interview.

Das Phänomen der allein reisenden, unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge ist nicht neu. Wann hatten Sie das erste Mal mit diesen jungen Flüchtlingen zu tun?

Ich hatte Ende der 1980er Jahre erstmals Kontakt mit solchen Jugendlichen und das war für mich ein faszinierendes Erlebnis. Ich hatte weniges darüber gelesen und mich haben die Jugendlichen von Anfang an neugierig gemacht. Es gab damals ziemlich viele Jugendliche aus Angola, die vor dem Bürgerkrieg flohen, der dort damals tobte. Familien haben Kinder und Jugendliche deswegen irgendwo alleine hingepackt. Das ist bis heute so. Die Hintergründe, warum die Jugendlichen alleine herkommen, sind sehr verschieden. Oft ist es aber so, dass die Familienbeziehungen aufgrund großer Störungen im Herkunftsland zerrüttet sind, die Familien keine Existenzgrundlagen mehr haben und in alle möglichen Richtungen auseinanderdriften. Die Kinder und Jugendlichen entscheiden dann nicht selber, dass sie hierher kommen wollen, sondern sie werden ziemlich unvorbereitet hier abgesetzt.

Sie haben eben die Brücke schon geschlagen, von der Vergangenheit in die Gegenwart. Haben sie eine aktuelle Zahl, wie viele junge Alleinreisende wir hier haben?

Nein. Ich weiß, dass es aktuell eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen gibt, die nicht in Jugendhilfe-Einrichtungen leben, sondern in Notunterkünften. Dort warten sie über Monate darauf, dass sie durch sogenannte Clearingverfahren laufen. Dadurch wird festgestellt, ob sie überhaupt hier bleiben können, ob sie einen Anspruch auf Jugendhilfe haben, ob sie weiterhin als Minderjährige gelten. Weil die Behörden mit diesem Verfahren nicht hinterher kommen, gibt es entsprechend lange Wartezeiten. Aktuell existieren um die 180 Unterkünfte hier in der Stadt: Hotels, Wohngemeinschaften von freien Trägern etc., in denen sie warten. Ich vermute, dass es bestimmt an die 2.500 Jugendliche sein müssten. Intern habe ich gehört, dass um die 4.000 Vormunde in Berlin gesucht werden. Demnach müsste die Zahl der Minderjährigen, die allein hier sind, noch größer sein als 4.000. Man kann nur spekulieren.

Claudia Schippel vom Netzwerk AKINDA - Foto: rbb Inforadio/Sylvia Tiegs
Claudia Schippel vom Netzwerk Akinda

Sie versuchen mit Ihrem Netzwerk, Menschen wie "du und ich" für Vormundschaften zu schulen. Wie gut funktioniert das?

2011 gab es eine Novelle des Vormundschaftsrechts, die ich sehr vernünftig finde. Sie beinhaltet, dass bis zu 50 Mündel pro Amtsvormund gestattet sein sollen und die Vormünder persönliche Beziehung zu ihren Mündeln haben sollen.  […] Das war vorher nicht der Fall gewesen. Das führte dazu, dass die Amtsvormundschaften, die hier in Steglitz-Zehlendorf für unbegleitete Minderjährige zuständig sind, nur noch eine sehr begrenzte Zahl nehmen könnten. Deswegen sind jetzt Ehrenamtliche gefragt. Wir haben ein kleines Netzwerk für diese Menschen gegründet - anfänglich im kleinen Stil. Wir bieten unter anderem Informationsabende an. Bis vor einem Jahr kamen dorthin im Schnitt sechs bis acht Menschen, heute sind es um die 60. Als uns Mitte Februar dann die finanziellen Mittel ausgingen, weil eine EU-Förderung auslief, standen wir vor einem Dilemma. Das Telefon stand nicht mehr still und wir mussten Wartelisten anlegen. […] Auf dieser Liste standen im Oktober 800 Namen. Schließlich bekamen wir dann eine Förderung vom Senat für das restliche Jahr, sozusagen eine kleine Finanzspritze. Sie ermöglichte uns, wieder auf die schnelle eine Gruppe von Ehrenamtlichen zu schulen. Das haben wir dann in Schnellverfahren gemacht. Im Dezember hatten wir 60 neue Ehrenamtliche geschult und bereit, um sich jetzt als Ehrenamtliche einzusetzen.

Worauf lassen diese ehrenamtlichen Vormünder sich ein?

Das ist sehr vielschichtig. Es gibt Sachen, die durchaus nicht einfach und manchmal prekär sind. Beispielsweise, wenn sich Familienangehörige plötzlich melden, die sich im Umfeld befinden, aber sich nicht offiziell den Behörden gegenüber melden wollen. Es gibt viele Situationen dieser Art, die dann die Jugendlichen in ganz schwierige Konfliktsituationen bringen. Und wenn sie Vertrauen zu ihrem Vormund haben und davon erzählen, dann erwarten sie auch, dass er es auch nicht weiter erzählt […]. Gerade die syrischen Jugendlichen haben häufig Eltern, die darauf warten von ihren Kindern als dann anerkannte Flüchtlinge nachgeholt zu werden. Das Gesetz sieht es vor, so lange sie minderjährig sind. Das heißt, da ist ein ungeheurer Druck: Die Jugendlichen müssen sehen, dass sie möglichst rasch ihren Antrag stellen, damit es möglichst rasch zur Anerkennung kommt. […]. Das ist kompliziert: Man muss die Botschaft in Beirut kontaktieren, da müssen Papiere übersetzt werden, es müssen die Anträge bei der Ausländerbehörde gestellt werden. Die Jugendlichen sind wahnsinnig aufgeregt und gestresst, wenn sie spüren, dass es hier nicht voran geht. Wir haben einige Ehrenamtliche, die Jugendliche auf der Straße kennen gelernt haben – in absoluter Verzweiflung, ob sie eine Chance hier haben. […] Natürlich gibt’s dann einige, die eine ehrenamtliche Person oder Vormund ins Vertrauen ziehen und sagen 'du hör' mal, mir haben Landsleute gesagt, ich soll das jetzt als Fluchtgrund angeben, aber im Grunde ist es doch ein bisschen anders, was soll ich denn jetzt machen?' und das sind die Situationen, in denen die Ehrenamtlichen, die in diese Geschichte wenig Erfahrung haben, doch sehr an ihre Grenzen stoßen. Und wo sie jemanden brauchen, der sie vernünftig begleitet, unterstützt und rechtlich berät. Also: Ehrenamtlichkeit kann man nicht zum Nulltarif haben. 

Das sind die Schicksale, harte Geschichten. Sie sind Profi, aber ich denke, vieles geht auch Ihnen unter die Haut. Wie halten sie es aus?

Wenn man das professionell macht, ist es schon etwas anderes und mit den Jahren entwickle ich dann schon einen gewissen Abstand. Ich muss aber auch sagen, dass man nicht zu sehr den Eindruck haben darf, dass sind alles hilflose, völlig ohnmächtige, arme kleine Wesen, die da kommen. Das sind ganz oft sehr starke, sehr beeindruckende Persönlichkeiten und ich habe auch immer den Ansatz gewählt, ihre Ressourcen, ihre Potenziale, ihre Stärken zu sehen und an denen zu arbeiten. Also möglichst rasch wieder aufbauen. Tatsächlich ist es so, dass sie hier in dieser Gesellschaft schnell durchstarten müssen, wenn sie eine Chance haben wollen. Die Arbeit mit den meisten von ihnen hat viel Spaß gemacht. Ich habe absolut lustige Zeiten mit dieser Zielgruppe gehabt.

Also positiv gedacht und positiv denken – das ist Ihr Motto.

Es ist wichtig, vor allem ganz, ganz viel Humor mitspielen zu lassen, weil es sich alles nur so aushalten lässt.

Mit Claudia Schippel sprach Sylvia Tiegs für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und überarbeitete Version des Interviews, das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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