Amin Ballouz ist Landarzt in der Uckermark. (Quelle: rbb/Björn Haase-Wendt)

Serie | Reden wir über Integration - "Wir sitzen alle in einem Boot"

Seine Geschichte könnte kaum aktueller sein: Als 17-Jähriger flieht Amin Ballouz vor dem Bürgerkrieg im Libanon in die DDR. Nach weiteren Stationen in Nordrhein-Westfalen, England und Schottland zieht es den heute 57-Jährigen zurück nach Deutschland - in die Uckermark. Dort arbeitet er als Landarzt und engagiert sich für die Flüchtlinge in Schwedt. Er sagt: Die Integration braucht vor allem Zeit.

Herr Ballouz, die Flüchtlingssituation war im vergangenen Jahr das bestimmende Thema. 47.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Brandenburg, mehr als die Hälfte ist geblieben. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

Wir sind auf jeden Fall sehr dankbar, dass wir aufgenommen werden. Es geht um die Aufnahme und die Bereitschaft eines Volkes, das sagt: Kommt zu uns, wir helfen euch. Allein das Wort Hilfe ist enorm. Wie ich aus meinem Bekanntenkreis höre, hat man die Flüchtlinge hier im Land gerne, sie sind keine Fremdkörper. Viele meiner Patienten haben den Asylbewerbern Betten angeboten oder Spielzeuge für die Kinder. Die Flüchtlinge verstehen dadurch, dass man auch mit anderen gemeinsam leben kann, ganz nach dem Motto: 'Ich reiche meine Hand, eine Hand kommt zurück und zwei Hände können etwas aufbauen'.

Aber es gibt auch Probleme, viele Flüchtlinge wollen arbeiten und können es nicht. Muss Deutschland in diesem Bereich offener werden?

Ich sage: Das ist noch ein grüner Ast, der bis jetzt noch keine Blüten hat. Wir müssen erst einmal warten, bis die Knospen raus kommen. Die Voraussetzung für Arbeit ist die Sprache und ich hoffe, dass in den nächsten Monaten der ein oder andere ein gewisses Level hat, wo er mit den anderen kommunizieren kann. Ich sehe überhaupt keine Einwände, dass die deutsche Industrie die Flüchtlinge nicht beschäftigt. Zumal sie auch Berufe erlernt haben, die man hier gebrauchen kann. Ich kenne zum Beispiel einige Ärzte, die ich eingeladen habe. Ich hoffe, dass ich jemanden für meine Praxis gewinnen kann. Es gibt also Potenzial, das man nutzen kann. Selbst wenn es Nachholbedarf gibt, können die Flüchtlinge lernen. Ich bin davon überzeugt, dass die Flüchtlinge eine Hilfe für die Gesellschaft sein können.

Nun gibt es aber auch Menschen, die Ängste vor den Flüchtlingen und der Situation haben. Wie nimmt man diese mit?

Man muss miteinander sprechen. Ich kann die Leute schon verstehen. Wenn sie in die Uckermark schauen, müssen sie auch die soziale Struktur betrachten. Es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit und da kommen schnell die Gedanken, dass die Flüchtlinge die wenigen Arbeitsplätze auch noch wegnehmen. Ich teile diese Meinung aber nicht. Es gibt genug Arbeit, daran wird es nicht scheitern. Wenn man mit den Leuten redet und sie auch versteht, dann wird die Akzeptanz größer. Aber man sollte den Flüchtlingen auch etwas Zeit geben. Sie sind sehr traumatisiert. Wenn sie auf meine eigene Vergangenheit schauen, dann sehen sie, dass auch ich ein gewisses Trauma seit 40 Jahren auf meinem Rücken trage. Also das ist eine Zeitsache, und bis sich die Flüchtlinge von ihrem Trauma befreien können, ist es sehr gut, diese Zeit für die Gespräche miteinander zu nutzen.

Sie haben ihre Vergangenheit angesprochen. Sie erlebten vor 40 Jahren den Bürgerkrieg im Libanon hautnah mit. Wie gut können sie sich an die Ereignisse damals erinnern?

Ich kann mich besonders an zwei Nächte erinnern. Beirut wurde richtig bombardiert. Allein auf unser Haus sind sieben Bomben gefallen, einige sind durch das Dach gedrungen, einige sind explodiert. Wir sind dann in einen Keller geflohen und auch dort flog eine Bombe herein, es gab mehrere Tote und Verletzte. Das ist ein enormes Trauma.

Sie sind dann nach Syrien gekommen, haben dort ihr Abitur gemacht. Ihr Vater hatte aber entschieden, es ist auch dort nicht sicher genug und hat sie mit 17 nach Kairo geschickt. Wie lief die Flucht ab?

Der Flughafen von Beirut war zerbombt. Wir sind dann mit dem Auto nach Sidon gefahren. Das ist ein Hafen südlich von Beirut. Dort bin ich mit der letzten Fähre, einem Tiertransporter, nach Port Said gefahren. Ich kann mich an die Situation erinnern, als mich meine Mutter nicht gehen lassen wollte und sich an mich geklammert hat. Mein Vater hat mich weggenommen und gesagt: Jetzt musst du weg. Ich vergesse das Schreien und Weinen meiner Mutter nicht mehr.

Anfang der 2000er kamen Sie nach Zwischenstationen in Großbritannien zurück nach Deutschland, in die Uckermark. Dort arbeiten Sie als Landarzt. Ihre Patienten sagen, Sie seien einer von ihnen. Können Sie sich das erklären?

Wir sind alle zusammen in einem Boot. Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge aus den ostpreußischen Gebieten damals. Ich bin auch ein Flüchtling. Wir sprechen also dieselbe Sprache und haben auch fast dieselben Gefühle.

Nun gab es in der Silvesternacht die Übergriffe in Köln. Wie nehmen Sie die Diskussion über Werte und den Umgang zwischen Deutschen und Flüchtlingen wahr?

Ich und meine Freunde sind darüber erschüttert, was in Köln passiert ist. Das ist fürchterlich. Aber es gibt mit Sicherheit auch den ein oder anderen Grund, warum die Leute so reagiert haben. Klar ist eines: Wir haben uns gegenseitig zu respektieren, das darf nicht einseitig sein. Da spreche ich auf jeden Fall die Flüchtlinge an, die sich hier in einer gewissen Form anpassen müssen.

Welche Gründe sehen Sie?

Es ist ein kulturelles Problem. Die Flüchtlinge kommen aus einer ganz anderen Kultur, wo die Männer dominant sind. Und vielleicht versuchen sie auf dieser Ebene, das auch hier zu praktizieren. Dabei haben sie auch vergessen, dass die Frauen hier gleichberechtigt sind und die Frauen auch etwas zu sagen haben. Die Frauen haben hier die Möglichkeit das Wort 'Nein!' zu benutzen, was für manche Männer nicht einfach zu verstehen ist. Nicht zu vergessen: Viele der Flüchtlinge sind junge Männer zwischen 20 und 30. Sie kommen ohne Frauen. Durch die Flucht ist ihnen vielleicht die Möglichkeit entgangen, eine Familie aufzubauen. Und das versuchen sie auf diese falsche Art und Weise zu kompensieren, die auf keinen Fall akzeptabel ist.

Erleben Sie das auch in der Arbeit mit den Flüchtlingen in ihrer Praxis?

Ja, wenn eine Familie zu mir in die Praxis kommt, dann spricht der Mann über die Krankheit seiner Frau. Ich muss ihn dann bitten, dass er die Frau selbst über ihre Probleme reden lassen soll und muss dann sagen: Wir sind hier in Deutschland und die Frau hat auch das Recht auch zu sprechen, genauso wie sie. Da entsteht dann eine gewisse Distanz.

Wie werden diese kulturellen Unterschiede überwunden?

Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Ich bin der Meinung, dass die Flüchtlinge auch die Gesellschaft mit ihren zwei Augen sehen und erkennen, wie es funktioniert. Dass Frauen in führenden Positionen arbeiten und nicht nur für Kinder und Küche zuständig sind. Dadurch werden sie das Leben hier schon verstehen. Man kann aber auch die religiösen und kulturellen Kreise ihrer Heimat mit der Situation in Westeuropa nicht vergleichen. Der Unterschied zwischen den Kulturen ist sehr groß. Und die Flüchtlinge haben keine Zwischenstufe. Sie kommen von Schwarz in Weiß und es gibt keine Grauzone. Diese Zone ist aber die Zeit, die sie nicht haben. Man muss ihnen dann beibringen, das ist die Kultur hier in der sie leben. Sie müssen nicht für alles den Kopf neigen, aber sie müssen verstehen, wie man hier lebt: in Freiheit, in Frieden und sie sind für eine gewisse Freiheit gekommen.

Sie engagieren sich in Schwedt für die Flüchtlinge, sprechen ihre Sprache. Mit welchen Fragen kommen die Flüchtlinge zu Ihnen?

Sie kommen nicht mit einem Problem, sondern mit vielen. Die müssten oft sofort an Ort und stelle gelöst werden, aber das kann ich nicht leisten. Die Flüchtlinge sind aber überrascht, über die Leistungen, die sie hier erhalten. Es gibt sehr viele Fragen zu den Formalitäten für die Asylanträge. Meine Arzthelferinnen helfen dankenswerterweise auch bei der Beantwortung der Briefe an Rechtsanwälte zum Beispiel. Die Flüchtlinge sind aber für jede Hilfe dankbar. Man sieht, wie glücklich sie sind.

Das Gespräch führte Björn Haase-Wendt, Antenne Brandenburg

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