Kazim Erdogan (Quelle: rbb / Sabrina Wendling)

Serie | Reden wir über Integration - "Warum können wir diesen Mob nicht bloßstellen?"

Nach den Übergriffen in Köln stellt sich die Frage, ob sexuelle Gewalt etwas mit der Herkunft zu tun hat. Der Integrationsexperte Kazim Erdogan erklärt im Interview, welche Folgen falsch verstandene Religion für das Frauenbild haben kann - und er fragt sich, warum es jetzt keine Demos von Männern gibt, um zu zeigen, dass nicht alle Muslime so ticken.

Kazim Erdogan, Sie lernen in Ihren Vätergruppen seit Jahren viele Männer aus dem türkischen und arabischen Raum kennen. Was ist Ihre Erfahrung: Unterscheidet sich das Frauenbild dieser Männer von dem eines in Deutschland aufgewachsenen Mannes?

Obwohl fast alle Männer der Welt ungefähr die gleichen Probleme haben, gibt es doch Unterschiede - kulturelle, religiöse und Erziehungsprobleme. Immer wieder, wenn die Kombination aus Unwissenheit, nicht adäquater Erziehung und einer falsch verstandenen Religion zusammenkommt, ist das Ergebnis zu 95 Prozent in unserem Sinne negativ.

Wir sind in Deutschland sehr vorsichtig, wenn es darum geht, die Herkunft in Verbindung mit Straftaten zu benennen. Gibt es Ihrer Meinung nach bei den Fällen in Köln und Hamburg einen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Täter und den sexuellen Übergriffen?

Dass viele es für wahrscheinlich halten, dass dieser Mob aus nordafrikanischen oder so genannten muslimischen Ländern kommen kann, kann ich nachvollziehen - und ich kann es auch begründen: Sie haben keinerlei Informationen über die Realität in Deutschland, keine Informationen über das Frauenbild und sie denken, dass die deutschen Frauen auf der Straße auf die Männer warten und sich freuen, wenn sie von Männern angemacht und angefasst werden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele von diesen Männern in Köln, die sich im wahrsten Sinne des Wortes schweinisch verhalten haben, wahrscheinlich zum ersten Mal die Möglichkeit hatten, mit jungen Frauen oder Mädchen Silvester zu feiern. Und da kann, wenn der Mensch nicht vorbereitet ist, die Sicherung durchbrennen. 

Das klingt sehr verallgemeinernd. Werfen Sie nicht alle Männer aus Nordafrika und dem arabischen Raum in einen Topf, so wie Sie das formulieren?

Das ist keine Verleumdung. Ich sehe doch täglich, welche Sprüche die Männer aus diesen Ländern über Frauen machen, über Liebe, über Sex. Und ich weiß, wie die Religion tickt. Bevor man heiratet, darf man keinen Sex haben. Das sind alles Druckmittel, die dafür sorgen, dass man austickt und die richtige Bahn verlässt. Da müssen wir präventiv handeln, je früher desto besser. Das ist wirklich keine Verleumdung.

Ich habe vermisst, dass überall in Deutschland mehrere zehntausend Männer, junge Männer, die hier sozialisiert worden sind, muslimische Männer, egal aus welchem Teil der Welt, demonstriert und gesagt hätten, wir ächten das, wir ekeln uns vor sowas. Warum ist das nicht so? Warum sind wir so unempfindlich? Warum können wir diesen Mob nicht bloßstellen?

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Gehen viele Männer nicht auf die Straße, weil sie ähnlich wie der Mob denken? Oder weil sie glauben, dass das nichts mit ihnen zu tun hat und sie sich davon gar nicht distanzieren müssen?

Wenn ich auf die Straße gehe und gegen Gewalt demonstriere, identifiziere ich mich doch nicht mit der Gewalt, sondern mit den Menschen, die diese Gewalt erfahren. Diese jungen Frauen brauchen jetzt unsere Unterstützung und unsere Solidarität. Wenn sie sehen würden, dass mehrere Zehntausend auf die Straße gehen, dann würden sie sagen: Aha, wir haben Unterstützung. Nicht alle muslimischen, arabischen, türkischen oder kurdischen Männer ticken so.

Seit ich gelesen habe, dass die Täter mehrheitlich Männer mit Zuwanderungsgeschichte und Muslime sind, seitdem habe ich auch Schamgefühle. Wenn mich deutsche Landsleute angucken, frage ich mich: Was denken sie von mir, welches Bild haben sie von mir? Weil das positive Bild erst mal ruiniert ist. Wir müssen auf mehreren Baustellen Reparaturen vornehmen, der erste Schritt könnte sein, eine Großdemo zu organisieren.

Wie könnte es danach weitergehen. Wie können wir es langfristig schaffen, dass die Männer, die das noch nicht tun, unser Frauenbild teilen?

Wir müssen heute noch damit anfangen, Infoblätter, Flyer und Informationen in unterschiedlichen Sprachen anzubieten. Wir müssen bereits in Grenzländern wie der Türkei und Griechenland anfangen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wenn die Leute sagen, sie wollen nach Europa und nach Deutschland kommen, müssen wir ihnen sagen, welche Gesetze, Werte und Normen dort herrschen.

Aber wer kann das leisten? Die Bemühungen der EU und der Bundesregierung reichen da vermutlich nicht aus…

Das können selbst organisierte Migranten sein. Das können Moschee-Dachverbände sein, die Regierungen, die Botschaften und Konsulate der jeweiligen Länder. Sie können dort, bevor Menschen ausreisen wollen, Informationen über die jeweiligen Länder geben. Keine EU, keine Regierung der Welt wird das alleine schaffen, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ich rufe uns alle - einschließlich mich selbst - dazu auf, das überall zu thematisieren: mit Ehrenamtlichen, in Väter- und Frauengruppen, in Kinos, im Theater und Kabarett, in der Werbung. Immer wieder vor Augen führen ist das beste Rezept.

Halten Sie eine Integrationspflicht für sinnvoll, um den Integrationsprozess zu beschleunigen?

Zwang hat noch zu keinem Erfolg geführt. Nur wenn man selbst motiviert ist, lernt man Deutsch. Wenn wir ohne zu zwingen Angebote machen, kommt das immer besser an. Wir dürfen diesen leidigen Begriff Integration nicht auf gute oder schlechte Deutschkenntnisse reduzieren. Nicht alle, die perfekt Deutsch können, sind gut integriert.

Wie sollte man mit Flüchtlingen und Zuwanderern verfahren, die wie die Täter in Hamburg und Köln straffällig geworden sind?

Es fällt mir zwar menschlich schwer, aber da habe ich eine klare Meinung: Wir müssen großzügig ausweisen. Die haben in unserem Land nichts zu suchen. Sie haben Schutz gesucht, aber schaden den Menschen und den Werten und Normen der hiesigen Gesellschaft. Das ist kein Verlust, solche Leute auszuweisen. Das ist ganz klar meine persönliche Einstellung dazu.

Das Interview führte Sabrina Wendling.

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