Kinder spielen in den Hangars im Flughafen tempelhof (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)

Interview | Massenunterkünfte für Flüchtlinge - "Die Perspektivlosigkeit ist kaum auszuhalten"

Mehr als 20.000 Flüchtlinge leben in Berlin immer noch in Notunterkünften, die kaum Privatsphäre bieten. Was bedeuten Enge und Ungewissheit für die Psyche der Menschen?  Nichts Gutes, sagt die interkulturelle Psychologin Ulrike Kluge.

rbb|24: Frau Kluge, welche Auswirkungen hat es auf die Psyche von Flüchtlingen, in Massenunterkünften leben zu müssen?

Es bedeutet, wenig Privatsphäre zu haben und viel Stress ausgesetzt zu sein. Je nachdem, ob wir von einer Turnhalle mit provisorischen Trennwänden oder von einer Unterkunft mit separaten Zimmern sprechen, gibt es ganz unterschiedliche Probleme. In manchen Unterkünften ist es zum Beispiel sehr laut. Ich kenne eine geflüchtete Frau, die schwer traumatisiert ist und nachts nicht schlafen kann, weil auf dem Flur ihrer Unterkunft ständig Menschen entlanglaufen, rufen. Jedes Mal schreckt sie auf und fühlt sich wieder hineinversetzt in die Bedrohungssituationen, die sie erlebt hat. Unsere Patienten unterstützen wir dabei, so schnell wie möglich aus einer Notunterkunft in eine andere Unterkunft mit mehr Privatsphäre zu wechseln. Das ist unabdingbar, damit sie sich erholen können.

Welchen Einfluss hat die mangelnde Privatsphäre in den Massenunterkünften auf die Psyche?

Das hängt ganz von der Person ab. Für einen jungen Mann, der allein geflohen ist, ist das unter Umständen nicht ganz so problematisch wie für eine Familie mit kleinen Kindern oder eine junge religiöse Frau. Aus den Erzählungen unserer Patienten wird deutlich, dass für viele Muslimas eine Situation mit so wenig Rückzugsraum extrem belastend ist. Ich höre immer wieder von geflüchteten Frauen, dass sie Angst haben, ohne Kopftuch von fremden Männern gesehen zu werden, wenn sie sich in sanitären Einrichtungen in Massenunterkünften waschen gehen. Eine sichere Intimsphäre gibt es in Massenunterkünften leider für niemanden.

Würden Sie auch sagen, dass das Leben in einer Massenunterkunft einen vorher gesunden Menschen psychisch krank machen kann?

Ich würde die Betonung auf das Wort "kann" legen. Auf jeden Fall kann es jemanden geben, der die Flucht psychisch relativ stabil überstanden hat und dann kann hier in Deutschland die Massenunterkunft das sein, was das Fass bei ihr oder ihm zum Überlaufen bringt. Viele Menschen kommen hierher mit der Hoffnung, sich ein neues Leben aufzubauen, schnell zu arbeiten und die Familie nachzuholen. Wenn diese Hoffnung enttäuscht wird und die Geflüchteten feststellen: Es ist völlig unklar, ob und wann das klappt – das ist eine große psychische Belastung.

Viele Flüchtlinge erleben ihren Alltag in den Heimen als gleichförmig und langweilig. Wie wirkt sich das auf die Psyche aus?

In den Unterkünften fehlt den Geflüchteten die Tagesstruktur. Das ist etwas ganz Essenzielles, das wir in jeder Psychotherapie herzustellen versuchen. Und dafür braucht es Arbeit und Wohnung – das sind wichtige Faktoren für jeden, um sich psychisch zu stabilisieren. Hinzu kommt diese Widersprüchlichkeit: einerseits der Auftrag "Integriert euch!", andererseits die räumliche Isolation in den Asylbewerberheimen und der oft langandauernde Ausschluss vom Arbeitsleben. Dadurch ist Teilhabe nur sehr mühsam möglich.

Für die Integration sind Massenunterkünfte also kontraproduktiv?

Ja, das würde ich so sehen. Man hört immer wieder von Konflikten zwischen den Geflüchteten in den Heimen. Und wenn ich mir die Stressfaktoren anschaue, die in den Massenunterkünften dauerhaft wirken, und mir überlege, wie belastet die Geflüchteten aufgrund ihrer Erlebnisse im Herkunftsland und auf der Flucht sind, ist das kein Wunder. Und dann sind sie in Deutschland mit all den Ungewissheiten konfrontiert: Wird mein Asylantrag bearbeitet, wird er positiv beschieden? Werde ich arbeiten dürfen? Werde ich meine Familie nachholen können? Diese Perspektivlosigkeit ist für viele kaum auszuhalten. Sie kann zu Resignation, Apathie, Depressionen führen, aber auch zu Wut und aus dieser Hilflosigkeit heraus zu aggressivem Verhalten.  

Hätte eine andere Art der Unterbringung positive Effekte auf die Psyche der Menschen?

Ich habe es häufig bei Geflüchteten erlebt, die eine Wohnung bekommen haben, wie das ihr Wohlbefinden gesteigert hat: Sie haben dadurch wieder Hoffnung bekommen, dass sie hier ein neues Leben beginnen können. Sich wieder seine eigenen Töpfe, seine eigenen Vorhänge zu kaufen, ist wichtig, um sich einen eigenen Ort zu schaffen. In den Unterkünften dagegen gibt es oft keine Möglichkeit, selbst zu kochen. Für viele Frauen ist das Kochen aber essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Wenn sie in Notunterkünften leben ohne Haushalt und Kochmöglichkeit, berichten diese Frauen oft vom Gefühl, zu nichts mehr nutze zu sein, nichts mehr geben zu können. In einer Situation, in der das Gefühl der Abhängigkeit sehr stark ist und sie das Gefühl haben, dass es keine Möglichkeit gibt, sich dankbar zu zeigen, belastet sie das sehr.

Was müsste Ihrer Meinung nach anders laufen?

Im vergangenen Jahr sind aus der Zivilgesellschaft heraus viele gute Initiativen entstanden: Patenschaften zum Beispiel, die Deutsche und Geflüchtete zusammengebracht haben oder WGs, in denen Deutsche und Geflüchtete zusammenleben. Notunterkünfte sind Teil der Krisensituation in der sich Geflüchtete befinden. Für eine psychische Stabilisierung ist aber eine Normalisierung des Alltags essenziell. Es wäre daher sinnvoller, die Geflüchteten in das hiesige Normalleben weitestgehend einzubeziehen und dann zu schauen, wo eventuell Konflikte entstehen. Dort bräuchte es dann gut koordiniertes Mentoring und Begleitung. Auf eine solche Art der Integration für Geflüchtete wie für Einheimische sollten staatliche Institutionen einen stärkeren Fokus legen – mehr als auf Sondermodelle wie Notunterkünfte.

Das Gespräch führte Anne Kohlick.

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