Mazierullah Quaderi, der Integrationsbeauftragte im Uckermark-Kreis (Brandenburg). (Quelle: rbb/Torsten Sydow)

Serie | Reden wir über Integration - "Ich habe damals als Flüchtling dieselben Fragen gestellt"

Sieben Jahre alt war Mazierullah Qaderi, als seine Familie von Kabul in die Uckermark flüchtete. Fünf Jahre Flüchtlingsheim und viele hässliche Szenen musste er überstehen. Doch inzwischen hat der jetzt 22-Jährige nach Ausbildung und zwei Firmengründungen eine Berufung gefunden - als hauptamtlicher Integrationsbeauftragter des Landkreises Uckermark.

Herr Qaderi, mehr als 1.300 Flüchtlinge sind 2015 in die Uckermark gekommen. Um deren Schicksale kümmern Sie sich. Haben Sie in Ihrem neuen Job als Integrationsbeauftragter des Landkreises Uckermark viel Stress?

Mazierullah Qaderi: Stress würde ich direkt nicht sagen. Es ist sehr aufregend. Es gibt sehr viel zu tun. Der Stress hält sich in Grenzen.  An erster Stelle muss man Geduld mitbringen. Kulturelles Hintergrundwissen ist auch ganz wichtig. Meine Hauptaufgabe ist es, zwischen der Verwaltung und Asylbewerbern zu vermitteln.

Sie sind selbst als Flüchtling von Afghanistan nach Brandenburg gekommen. Wann war das?

Wir sind vor 16 Jahren aus Afghanistan geflüchtet. Ich bin zusammen mit meinen Eltern und meinen drei jüngeren Geschwistern hergekommen. Wir sind größtenteils zu Fuß über Landwege gekommen. Wir haben dann in Eisenhüttenstadt gelebt und anschließend in Crussow in der Uckermark.

Warum hat ihre Familie Afghanistan verlassen?

Mein Vater war Oberster Richter in Kabul. Er hatte Taliban-Kämpfer als Kriegsgefangene verurteilt. Als die Taliban das Land übernahmen,  wollten sie sich an solchen Leuten rächen. Bei Kollegen meines Vaters gab es Morde und Todesfälle. Deswegen mussten wir da weg.

Sie waren sieben Jahre alt, als Sie hierherkamen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an die Uckermark?

In der Uckermark war es auf jeden Fall ruhiger als in Kabul.  Mein Eindruck war damals aber auch, dass man nicht so willkommen war, weil die rechte Szene extremer war als jetzt. Wir wurden von Gruppen angegriffen. Wir wurden beleidigt, ausgegrenzt und auch körperlich angegriffen. Das hat man schon zu spüren bekommen.

Wie haben Sie darauf reagiert? Haben Sie die Polizei gerufen oder haben Sie das erstmal weggesteckt?

Die ersten Male haben wir versucht, mit Polizei dagegen vorzugehen. Das hat aber nicht so die Wirkung gezeigt. Wir waren dann auf uns selbst gestellt. Ich musste mich als Grundschüler gegen Ältere von der Oberschule  behaupten und versuchen, jeden Tag rumzukriegen.

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, mit der Situation fertigzuwerden?

Ich habe mir gesagt: Wenn ich jetzt nachgebe, haben die Leute, die mich hier weghaben wollen, das erreicht, was sie wollten. Deswegen habe ich nach außen alles lockerer weggesteckt als es eigentlich war. Das hat mich sehr geprägt. Hätte ich diese Zeit nicht erlebt, würde ich mir heute wohl nicht so viel zutrauen.

Wie sind Sie zu Ihrem Job als Integrationsbeauftragter gekommen?

Ich habe schon als 16- oder 17-Jähriger im Flüchtlingsheim Prenzlau Briefe übersetzt und versucht, den Leuten zu helfen. Ich habe dann eine Zeit lang in Berlin gelebt, dadurch hatte ich den Kontakt ein bisschen verloren. Als ich wiederkam, erinnerten sich die Leute immer noch daran, dass ich ihnen damals geholfen hatte. Dann habe ich mich hier selbstständig gemacht.

Später habe ich das Angebot der Stadt Prenzlau bekommen, ehrenamtlicher Integrationsbeauftragter zu werden. Das habe ich angenommen. Ich wollte einen Ansprechpartner schaffen, den es in unserer Zeit nicht gab. Zu dem die Leute hingehen können, wenn sie ein Problem haben. Dann wurde der Bedarf beim Landkreis immer größer, einen hauptberuflichen Integrationsbeauftragten zu benennen. Die Stelle wurde ausgeschrieben. Ich hab mich beworben, weil ich meine Fläche erweitern wollte, mehr Leuten helfen wollte. Das hat dann auch geklappt.

Können Sie als Mensch, der ursprünglich aus einem völlig anderen Kulturkreis kommt und mehrere Sprachen spricht, die Aufgabe als Integrationsbeauftragter eines so großen Landkreises besser stemmen als Menschen, die hier aufgewachsen sind?

Ich glaube, es würde jetzt ein bisschen überheblich klingen, wenn ich sage: "Ja." Aber ich kann viel kritischer mit den Leuten reden, ohne dass ich als Ausländerfeind angesehen werde. Nehmen wir an, es gibt im Flüchtlingsheim eine Auseinandersetzung zwischen zwei Nationen. Dann kann ich fragen: "Warum seid ihr aus eurem Land geflüchtet?" Dann erzählen sie mir natürlich, dass sie vor Krieg und Gewalt geflüchtet sind. Ich antworte: "Was macht ihr hier? Geht doch zurück. Kämpft dort für euer Land. Ihr wollt doch hier Frieden, oder?" Das kann ich sagen, das kann kein anderer den Leuten so erklären.

Auch kann ich sagen: "Pass auf, du bist kriminell. Drei, vier, fünf Straftaten und dann schieben wir dich ab."  Die Flüchtlinge nehmen sich das, was ich sage, viel mehr zu Herzen, weil ich es auch in einem Ton sagen kann, der auf die kulturellen Aspekte zurückgreift.  Allein das schon ist ein Riesenvorteil.

Und die Sprachkenntnisse?

Dass ich mehrere Sprachen spreche… die kann ja jeder lernen. Aber das ist natürlich ein Bonus. Auch dadurch, dass ich das alles selbst durchgemacht habe, fühle ich mich gut in der Lage zu dieser Aufgabe. Wir standen damals auch so da wie die Flüchtlinge heute und haben dieselben Fragen gestellt. Ich denke schon, dass ich eher geeignet bin als andere.

Im vorigen Jahr sind 1.300 Frauen, Männer und Kinder als Flüchtlinge in die Uckermark verteilt worden. Wie sind sie untergebracht?

Ich muss ehrlich sagen, dass wir in der Uckermark die Leute bestmöglich unterbringen. Wir mussten zum Glück nicht auf Zelte zurückgreifen. Das Feedback der Flüchtlinge ist überwiegend gut, weil  Kontakt zu anderen Bundesländern besteht, in denen Zelte genutzt werden, wo große Turnhallen voll belegt werden. Hier sind die Leute wirklich noch dankbar -  jedenfalls der größte Teil.

"Wir schaffen das", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Kanzlerin ist - wie Sie - in der Uckermark zur Schule gegangen. Wie ist Ihr Eindruck: Kommt die Integration, die Einbeziehung der Flüchtlinge in den Alltag in der Uckermark, in Gang - oder hapert es noch?

Ich finde, dass wir in der Uckermark das ganz gut geregelt bekommen. Die Sportvereine sind sehr aktiv und holen sich die Leute. Die Sportvereine haben das Problem, dass die nach und nach aussterben. Die jungen Leute gehen weg, es kommen keine nach. Doch jetzt können die Fußballmannschaften aufstocken.  Auch die Deutschkurse haben sich etabliert, sie laufen richtig gut. Es gibt Hilfsorganisationen, die Erfahrung haben. Es werden Patenschaften übernommen. In der Uckermark ist ein Prozess im Gang, es läuft gut.

Die St. Marienkirche in Prenzlau, Brandenburg. (Quelle: imago/PEMAX)
Die Prenzlauer Marienkirche

Jetzt, wo immer mehr Flüchtlinge auch im Straßenbild zu sehen sind - sind die Uckermärker eher aufgeschlossen? Eher zurückhaltend? Eher ablehnend?

Der Großteil ist aufgeschlossen. Wenn ich das vergleiche mit der Zeit vor 16 Jahren, als ich herkam, dann ist das eine komplett andere Welt. Damals hat sich jeder Dritte umgedreht, hat geguckt, und ein Spruch kam noch dazu. Das ist nicht mehr so, zum Glück. Die Menschen sind weltoffener, vielleicht durch die Generation, die in Berlin studiert hat oder die nach der Ausbildung jetzt wieder zurückgekommen ist. Die Leute sind viel aufgeschlossener jetzt.

Was ist mit den flüchtlingskritischen Demonstrationen, die es vor der Marienkirche in Prenzlau gegeben hat?

Die gibt es in jeder Region, und die gibt es hier auch. Zum Glück sind die Demonstrationen überwiegend friedlich geblieben. Im Stadtbild kann ich das jetzt nicht so wiedergeben – ich bin ja an das gebunden, was die Leute mir erzählen. Und sie erzählen nicht, dass sie angepöbelt wurden oder so. Es gibt natürlich Ausnahmefälle. Aber wenn das so stark wäre, würde mir ja jeder Zweite davon berichten. Das ist nicht so.

Sie sind für viele so ein Musterbeispiel für Integration. Wie schwer war es vor 16 Jahren, als kleiner Junge in einer Schule in der Uckermark in Angermünde Deutsch zu lernen?

Das war sehr schwer. Aber als Kind lernt man ja viel schneller. Ich bin meinem damaligen Schuldirektor sehr dankbar, der hat mich damals immer aus dem Musik- und Sportunterricht genommen, was ich damals nicht so toll fand. Im Nachhinein hat es mir viel gebracht. Er hatte einen ganz großen Spielzeugkarton und hat mir die Spielzeuge gezeigt. Wenn ich die Namen wusste, durfte ich sie behalten. Somit habe ich mir gemerkt, was ich haben möchte, und wenn er mich in der nächsten Woche gefragt hat, konnte ich diese drei oder vier Begriffe sagen und die Spielsachen mitnehmen.

Auch der Sport hat eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben gespielt, ganz besonders Fußball.  Als kleiner Junge haben die Sportvereine mich noch geblockt. Aber dann habe ich bei Rot-Weiß Prenzlau die Juniorenbereiche durchlaufen,  später bin ich nach Gramzow gewechselt.

Der Integrationsbeauftragte der Uckermark Mazierullah Qaderi besucht am 15.02.2016 ein Flüchtlingsheim in der Uckermark. (Quelle: rbb Fernsehen/Abendschau)
Der Integrationsbeauftragte im Flüchtlingsheim.

Sie haben als junger Mensch zwei Firmen gegründet. Wer kümmert sich jetzt um Ihre Unternehmen? Was sind das für Unternehmen?

Wir haben die Dolmetscherfirma, die insgesamt 27 Nationen abdeckt.  Wir haben Muttersprachler in der Uckermark. Allein schon mein Papa, der bei mir arbeitet, spricht sieben Sprachen, zum Beispiel Arabisch, Persisch, Urdu oder Russisch. Alles, was jetzt gebraucht wird. Dazu haben wir einen Betreuungsdienst, der Seniorenarbeit und Pflege anbietet.

Heißt das, Sie fahren über die Dörfer und schauen, dass die älteren Leute morgens aufstehen, dass ihnen beim Anziehen geholfen wird, es wird Essen gemacht,  die Wohnung geheizt?

Und auch stationäre Einrichtungen. Das ist unser Betreuungsdienst.

Der Integrationsbeauftragte der Uckermark Mazierullah Qaderi besucht am 15.02.2016 eine Seniorin, die durch seine Pflegedienstfirma betreut wird. (Quelle: rbb Fernsehen/Abendschau)

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in die Pflegebranche einzusteigen?

Ich bin Sozialarbeiter, das habe ich in Berlin gelernt. Ich hatte schon vor klein auf die Idee: Ich wollte Chef sein. In welchem Bereich wusste ich damals noch nicht. Als ich von Berlin zurück in die Uckermark kam, musste ich überlegen, was sich denn hier trägt. Das war sehr überschaubar: Seniorenarbeit. Da ich im Lehrgang viel darüber gelernt und in dem Bereich viel gearbeitet hatte,  dachte ich mir, ich übernehme das mit. Dass später eine Dolmetscherfirma dazukommt und viel größer wird als die Pflegebranche, das war mir damals noch nicht klar.

Spüren Sie bei der Pflege manchmal so etwas wie Zurückhaltung? Da kommt ja nicht der Pflegedienst Müller mit einheimischen Personal, sondern Herr Qaderi von weither. Wird in der Uckermark noch so gedacht?

Ich glaube, mit meinem Namen können viele jetzt etwas anfangen. Mein Personal ist ja auch größtenteils einheimisch. Vor allem die Kinder der älteren Menschen sind sehr medienaktiv, die lesen die Zeitung, wissen ein bisschen über meine Geschichte. Meistens tragen ja die Kinder die Verantwortung für die Eltern. Und für die ist das kein Problem.

Qaderi betreut mit seinem Pflegedienst eine ältere Uckermärkerin.

Kommt es auch mal vor, dass Sie von Schulklassen eingeladen werden und dann wird gefragt: "Mazierullah, du bist selbst gerade erst fünf Jahre aus der Schule 'raus. Erzähl uns doch mal etwas über den Islam."

Das ist mein Lieblingsbereich. Ich werde von vielen Schulen eingeladen. Mit dem Christa- und-Peter-Scherpf-Gymnasium arbeite ich viel zusammen, ich habe gerade eine Einladung vom Gymnasium in Schwedt bekommen. Ich war in Potsdam eingeladen, in Eberswalde. Mit den jungen Leuten zu arbeiten, den etwas zu erklären, viele Vorurteile wegzunehmen – das ist wirklich der Bereich, der mir am meisten liegt. In den Schulklassen bin ich echt gerne.

Welches sind die zwei häufigsten Fragen oder auch größten Irrtümer, die junge Leute in Brandenburg in Sachen Islam mit sich herumschleppen?

"Frauen haben nicht die gleichen Rechte" ist das Erste, was ich klären muss. Die zweite Frage ist, ob alle Islamisten sind. Da muss ich dann erklären, dass Islam und Islamisten gar nichts miteinander zu tun haben.

Gibt es Flüchtlinge, die sich der Integration oder diesen Angeboten verschließen?

Wir haben grade 340 Leute im Prenzlauer Asylbewerberheim. Klar gibt es unter den 340 Menschen eine kleine Prozentzahl, die so denken.  Ich versuche, denen zu erklären: Ihr seid jetzt hier in diesem Land. Ihr müsst mindestens die Sprache lernen. Das ist das absolute A und O.

Würden Sie einem Flüchtling eher raten, den Neustart als Flüchtling lieber in der Uckermark zu machen als in Berlin?

In der Uckermark zu starten ist die bessere Option, weil man nicht monatelang auf Bescheide warten muss, weil 50 Leute vor dem Amt sitzen. Es gibt die kürzesten Wege, man knüpft schnell Kontakte zu Freunden, zu den Nachbarn. Dadurch können viele Probleme schneller gelöst werden.

Sie spielen immer noch Fußball. Auf welcher Position?

Ich hab im oft im offensiven Mittelfeld gespielt, auch im Sturm sehr viel gespielt. Im Offensivbereich hab ich mich am wohlsten gefühlt.  Verletzungsbedingt musste ich ein komplettes Jahr aussetzen. Ich hatte einen Kreuzbandriss. Aktuell bin ich beim SV90 Pinnow aktiv, die mich aber ein halbes Jahr nach Göritz ausgeliehen haben. Da habe ich am Wochenende mein erstes 90-minütiges Spiel gemacht. Das lief ganz gut. Ich bin erstaunlicherweise nicht nach 70 Minuten umgekippt, wie ich befürchtet hatte, sondern konnte bis zur 90. Minute durchhalten. Ich denke, nach und nach kommt das wieder alles.

Herr Qaderi, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Torsten Sydow für Antenne Brandenburg

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