Carolin Gaffron, Projektleiterin und Trainierin bei "Champions ohne Grenzen", beim Fußballtraining. Quelle: rbb/Nina Amin

Serie | Reden wir über Integration - "Meine Spieler wissen, dass auch Frauen Fußballtraining machen"

Für Flüchtlinge ist es schwer, in die Fußballteams der Sportvereine zu kommen. Carolin Gaffron vom Berliner Verein "Champions ohne Grenzen" will ihnen dabei helfen. Sie ist selbst Fußballerin, trainiert die meist männlichen Asylbewerber - auch wenn das für viele gewöhnungsbedürftig ist.

rbb: Frau Gaffron, Ihr Verein "Champions ohne Grenzen" bietet Fußballtraining für Geflüchtete an. Deren Zahl hat sich im vergangenen Jahr ja vervielfacht. Werden Sie überrannt?

Wir haben viel mehr Anfragen, besonders nach Training für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Deswegen haben wir letztes Jahr zwei weitere Trainings für junge Männer gestartet. Unser Ziel ist nicht nur das Fußballspielen, sondern auch die soziale Arbeit. Aber das funktioniert nicht, wenn man 40 oder 50 Spieler bei einem Training hat.

Sie sind selbst Fußballspielerin, haben bei "Champions ohne Grenzen" Frauen und Männer trainiert. Ist das für die Männer ein Problem?

Nein. Wir haben jetzt auch wieder eine weibliche Haupttrainerin. Wahrscheinlich war es aber für viele etwas Neues. Aber weder ich noch meine Kollegin hatten deswegen jemals Probleme. Ich glaube, für viele ist es normal in Deutschland. Sie wissen, dass es hier so ist. Das eben auch eine Frau ein Fußballtraining leiten kann. Wer damit ein Problem hat, kommt eben nicht wieder.

Klar, am Anfang gucken sie vielleicht ein bisschen komisch, aber wenn sie merken, dass der Großteil der Mannschaft das akzeptiert, dann machen sie es auch.

Junge Afghanen spielen Fußball in Kreuzberg. (Quellle: rbb/Nina Amin)

Fußball funktioniert ohne Sprache. Ist das Training deshalb besonders geeignet, um in den deutschen Alltag zu kommen?

Sicher, sie brauchen erstmal kein Deutsch. Aber die Afghanen, Deutschen, Syrer oder Spieler aus Mail oder Palästina müssen eine andere, gemeinsame  Sprache finden.  Und Fußball verstehen alle.

Bewegung an der frischen Luft, raus kommen aus den Unterkünften, eine feste Struktur durch die Trainingszeiten  - das hilft ihnen ungemein am Anfang.

Wir gehen auch mal schwimmen oder fahren gemeinsam weg.  Dadurch versuchen wir sie zu motivieren. So lernen sie besser Deutsch, als wenn sie die ganze Zeit zu Hause sitzen.

Was sind das für Leute, die zu Ihnen kommen?

Es kommen viele Afghanen zu uns. Das kommt daher, dass bei unserem Start vor vier Jahren der erste Spieler ein Afghane war. Das hat sich dann in der Community schnell herum gesprochen.

Einige Spieler kennen wir schon lange, teilweise begleiten wir sie schon einige Jahre. Wir waren bei Schulbesuchen bis hin zu Terminen am Gericht (wegen aufenthaltsrechtlichen Fragen, Anm. d. Red.) dabei. So sind enge Bindungen gewachsen.

Die Spieler, die lange dabei sind, sind jetzt wiederum Vorbilder für die Neuankommenden. Wir sind fast nur noch in der Vermittlerrolle und unterstützen sie dabei.

Warum braucht es ein extra Fußballprojekt für Geflüchtete? Ist es so schwer, in Berliner Sportvereine zu kommen?

Das sind unterschiedliche Gründe. Erstens sind die Berliner Vereine, also deren Teams, ziemlich voll. Sie können vielleicht einen oder zwei Spieler aufnehmen.

Zweitens gibt es Vereine, die zögern, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Die bürokratischen Hürden sind immer noch hoch. Da gibt es viele offene Fragen zu Themen wie Versicherung, Spielerpass, Aufenthaltsgenehmigung, fehlende Meldebescheinigung oder rechtliche Fragen, wenn es sich um unbegleitete minderjährige Geflüchtete handelt.  

Außerdem wissen die Geflüchteten nicht unbedingt, dass es sowas wie Fußballvereine gibt. Die kennen die Profivereine wie Bayern München oder Borussia Dortmund. Sie wissen aber nicht, dass es in Berlin oder Deutschland Breitensportvereine gibt, wo eigentlich jeder auf seinem Niveau spielen kann. Das zu verstehen, dauert eine Weile.

Und dann sind da die Geflüchteten selbst, die manchmal Probleme mit einem Wechsel haben. Bei "Champions ohne Grenzen" haben sie Freunde, die ihre Sprache sprechen. Sie fühlen sich wohl, auch wenn sie zum Beispiel keine passenden Fußballklamotten haben.  Manche spielen in Jeans oder ihren Straßenschuhen. Das ist uns ziemlich egal. Sie können hier spielen, wie sie wollen und das ist in normalen Vereinen eben nicht möglich.

Was bräuchte der Verein "Champions ohne Grenzen" am dringendsten?

Wir bekommen Fördergelder, könnten aber gut noch mehr gebrauchen. Wir haben jetzt mittlerweile 11 Trainingseinheiten, zahlen Übungsleiterpauschalen. Das muss alles koordiniert werden. Wir planen Bildungsprojekte, die realisiert werden sollen. Der Großteil des Geldes fließt in Personalkosten.

Ali Hashemi beim Fußballtraining. Quelle: rbb|Nina Amin

Was ist langfristig nötig, um die Aufgabe zu packen, um Geflüchtete in Vereine zu integrieren?

Unser nächstes Projekt soll sein, dass wir die Vereine sensibilisieren und ermutigen, auf die Geflüchteten zu zugehen. Bei jedem Verein gibt es um die Ecke garantiert ein Heim. Bei Fragen oder Hemmungen können wir mit unseren Erfahrungen helfen.

"Champions ohne Grenzen“ will die Vereine dabei unterstützen und begleiten. Wir können Kontakte herstellen.  Wir haben mittlerweile in Berlin ein großes Netzwerk, gerade was den Bereich Flüchtlinge, Sport und Fußball angeht.

Das ist unser Ziel. Wir wollen keine weiteren Trainings selber anbieten, sondern das Wissen, was wir jetzt haben, weitergeben. Da steckt so viel Potenzial drin. Auch wenn man nur 10, 15,  20 Menschen aus dem Heim in umliegende Sportvereine integriert, ist es super.

Sind die Vereine dafür offen?

In Berlin gibt es schon Vereine, die das machen. Ich finde aber, es müsste viel mehr passieren. Jeder Verein sollte mitmachen, sich öffnen. Sie müssen ja kein eigenes Training anbieten, sondern das, was sie leisten können.

Es gibt auch Vereine, die nicht so offen sind oder Angst haben, dass ihre Mitglieder mit der Aufnahme von Geflüchteten ein Problem hätten und dann wegblieben. Da müssen wir ansetzen.

Was kommt noch zu kurz in der Debatte um Integration durch Sport. Über welche Aspekte wird noch zu wenig geredet?

Es ist schwierig für die Geflüchteten, in die Sportvereine rein zu kommen. Wenn sie drin sind, dann funktioniert es.

Einige Vereine sagen, sie bieten ja Mitgliedschaften an, aber die Geflüchteten müssten auch kommen. Sie beschweren sich, dass die Geflüchteten wegbleiben, nicht regelmäßig oder zu spät zum Training kommen. Diese Vereine müssten sich Gedanken machen, warum das so ist. Warum kommen sie nicht, wenn doch ein Zettel in der Unterkunft aushängt wurde?

Die Sensibilität für die Lebenssituation der Geflüchteten, gerade in ihrem ersten Jahr, fehlt oft. Die Medien berichten von Flüchtlingen in den Heimen, die Langeweile haben. Dann gehen Ehrenamtliche oder Vereine dorthin und wollen etwas anbieten - und sind dann enttäuscht, wenn keine Reaktion kommt. Die Leute in den Heimen haben aber zu tun. Sie müssen am Lageso anstehen oder machen sich Sorgen um ihre Familie in der Heimat, so dass sie nicht den Kopf für ein regelmäßiges Training frei haben.

Bei uns ist der Druck nicht da. Entweder sie kommen oder halt nicht. Sie müssen sich nicht abmelden oder anmelden oder sonst irgendeine Verpflichtung eingehen.

Das Interview führte Nina Amin

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