Freiwillige helfen Flüchtlingen (Quelle: imago/ZUMA Press)

Serie | Reden wir über Integration - "Den Schock aussprechen"

Eine vergewaltigte Frau schläft in einer Halle zusammen mit hunderten Menschen, im Bett neben ihr liegt ein Fremder: Geflüchtete leben in Berlin teils am Rande der Belastungsgrenze. Über die psychischen Verletzungen sprechen hilft, sagt der Psychiater Andreas Heinz. Im Interview erzählt er von Kriegstraumata, Alltagssorgen und flüssiger Kultur.

Die wichtigsten Aussagen:

  • "Nicht alle Menschen sind nach der Flucht schwer traumatisiert."
  • "Die Sorgen der Menschen sind oft alltäglich."
  • "Regeln sind keine Geschmackssache."

Herr Heinz, Sie bieten als Psychotherapeut in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Berlin-Mitte Sprechstunden für Flüchtlinge an. Mit welchen Nöten kommen die Menschen zu Ihnen?

Sie kommen nicht gleich und sagen: „Ich bin traumatisiert, weil ich etwas Schreckliches erlebt habe.“ Wenn eine Frau beispielsweise vergewaltigt worden ist, dann ist das eine mit viel Scham besetzte Situation, die nicht einfach mal bei einer Sprechstunde auf den Tisch kommt.

Worum geht es dann in den Sprechstunden?

Ganz oft erstmal darum, das einfache Leben zu sichern. Zu wissen, wie das mit dem Aufenthaltsstatus ist und mit der Versorgung von akuten Erkrankungen, gebrochenen Armen, oder Durchfällen. Ganz oft geht es um die Kinder. Gerade dann, wenn Mütter mit Kindern flüchten, zwar den Großvater dabei haben, aber der Vater fehlt. Der fehlt ja auch bei der Erziehung. Die Kinder sind unruhig, weil sie ihren Vater vermissen. Das sind ganz alltägliche Dinge, die da zur Sprache kommen. Oder es geht um Beschwerden, die nicht nur etwas mit Traumatisierung zu tun haben.

Zum Beispiel?

Jemand hat eine Psychose oder eine Depression und schon lange keine Medikamente mehr bekommen, geschweige denn eine Psychotherapie. Natürlich geht es den Menschen durch die Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht nicht besser, aber man muss auch sehen, dass sie eine Flucht aus Afghanistan, oder dem Irak geschafft haben. Man darf nicht denken, dass sie deshalb jetzt alle psychisch beeinträchtigt und krank sind.

Wie viele der Geflüchteten sind denn traumatisiert?

Es gibt Zahlen, dass ein Viertel oder vielleicht sogar ein Drittel der Menschen, die hierher kommen, traumatisiert sind. Man kann sich das wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft vorstellen: Damals waren auch sehr viele Menschen durch die Bomben oder die Erlebnisse im Krieg traumatisiert. Sie haben das aber nie thematisiert. Der Vater einer guten Freundin von mir schloss sich zwei Tage lang in sein Studierzimmer ein, wenn jemand „Zweiter Weltkrieg“ sagte. Das hat etwas in ihm ausgelöst. Aber in seinem Beruf war er ein sehr erfolgreicher Mensch. Bei den Menschen, die zu mir kommen ist das ähnlich. Sie haben zum Teil schreckliche Dinge erlebt, die Eltern machen sich aber viel mehr Sorgen darum, wie es den Kindern gerade geht. Das wollen sie dann mit mir in der Sprechstunde bereden – aber dafür braucht es  oft eher einen psychosozialen Berater als einen Arzt.

Wie arbeitet ein psychosozialer Berater?

In einem Projekt in Afghanistan haben wir zum Beispiel Krankenschwestern, Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher ausgebildet, die dann mit Menschen mit psychischen Beschwerden einfache Konfliktlösung machen. Sie helfen ihnen, die Perspektive zu wechseln und zeigen ihnen Entspannungsübungen.

Gäbe es denn in Deutschland genug Plätze in der Traumatherapie?

Wir haben beispielweise im Hedwigkrankenhaus in Berlin-Mitte eine spezielle Trauma-Einheit für Gewaltopfer, in der man relativ kurzfristig sechs Sitzungen machen kann. Sie sollen verhindern, dass ein Trauma dauerhaft bleibt. Die Therapie ist aber jetzt schon völlig überlaufen.

Wie arbeiten Sie dann konkret mit den Flüchtlingen zusammen?

Wir wollen für die Geflüchteten eine Selbsthilfegruppe etablieren, in der wir ihnen beibringen, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren.

Was heißt das genau?

Die Idee ist, dass wir einerseits Gruppen anbieten, in denen Menschen einfach mal darüber sprechen können, was sie erlebt haben. Das Erzählen ist eine Form der einfachen Bewältigung. Die Menschen fassen das Erlebte in Worte, sie teilen es mit anderen, sie müssen es nicht in sich verschließen. Mit dem Aussprechen wird es ein Teil ihrer Lebensgeschichte und eher ein Teil von ihnen; es steht ihnen dann nicht so fremd gegenüber. Außerdem wollen wir ihnen Entspannungstechniken beibringen. Wenn eine vergewaltigte Frau in einer riesigen Einrichtung mit 600 Betten und ein paar Vorhängen dazwischen lebt und jemand kommt ihr zu nahe, dann kann es ganz schnell knallen. Nach Traumatisierungen und extremen Stresssituationen stehen die Menschen unter Strom, einfache Entspannungstechniken sind da hilfreich.

Können die freiwilligen Helfer das im Moment leisten?

Die geflüchteten Menschen sollen in der Selbsthilfegruppe etwas lernen, das sie wieder anderen beibringen können. Dadurch kommen sie selber in die Rolle des Helfenden und bekommen mehr Selbstvertrauen. Damit sie nicht nur dasitzen warten und denken: „Werde ich abgelehnt oder nicht?“ Es soll wie ein Schneeballsystem funktionieren: Wir bilden Leute aus, die Leute ausbilden. Aber wir müssen das natürlich immer im Auge behalten.

Was benötigen Sie für Ihre Arbeit gerade am dringendsten?

Eine Vernetzung der Initiativen im Bezirk. Denn die Leute, die in den Erstaufnahmeeinrichtungen helfen, brauchen Anlaufpunkte: Wo kann ich wen mit welchen Problemen hinschicken? Wer kann einen Dolmetscher besorgen? Es gibt unglaublich viele Menschen, die helfen und zum Teil nichts voneinander wissen.

Was muss langfristig passieren?

Es gibt Kollegen, die syrische Ärzte ausbilden. Wir müssen, das ist ein wichtiger Punkt, die professionellen Kapazitäten nutzen. Aber im Moment ist die Devise: „In den Heimen dürfen sie alles machen, außerhalb nichts.“ Das ist keine Dauerlösung, die der Integration dient. Ich glaube nicht, dass alle Menschen bleiben werden, aber ein Teil wird hierbleiben und man muss schauen, dass sie mit unserer Gesellschaft klarkommen.

Wie kann das klappen?

Die Frage ist, ob wir den Flüchtlingen die Hand hinhalten und sagen: „Wenn du dich an die Regeln hältst, dann bist du hier auch akzeptiert.“ Oder ob wir ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie hier ungewollt sind. Die Haltung wird genau das bewirken, wovor die Leute Angst haben, nämlich dass sich die Menschen abkapseln, ungewollt fühlen und eine Parallelgesellschaft bilden, weil sie hier nicht ankommen.

Welche Punkte in der Debatte um Integration werden nicht genug besprochen?

Ein Integrationsbegriff muss offen dafür sein, dass er die Menschen aufnimmt, die bereit sind sich an die demokratischen Regeln zu halten und ihnen die Chance bietet mitzumachen. Natürlich verändert Migration ein Land kulturell. Kultur ist etwas Flüssiges, Lebendiges. Eigentlich geht es eher um Inklusion. Die Menschen haben das Recht, Teil der Bevölkerung zu sein und zwar nicht nur, wenn sie sich genauso verhalten, wie es der Rest der Bevölkerung möchte. Natürlich müssen sich alle an die Regeln halten, aber was sind die Regeln? Zwangsheiraten sind in Deutschland gegen die Regeln. Aber ein anderes Beispiel: In den 70igern sagte eine Klassenkameradin zu mir, sie könne die Türken nicht leiden, weil die mit so viel Knoblauch kochen. Heute macht das hier fast jeder. Es gibt Regeln, die sind wichtig und es gibt Regeln, die sind Geschmackssache. Die Geschmackssache-Regeln sollten nicht Teil der Integrationserwartung sein.

Das Gespräch führte Mara Nolte, rbb-online

Dieses Interview ist Teil unserer Serie "Reden wir über Integration". In den kommenden Wochen folgen Beiträge zu den Themen Bildung, Arbeit, Freizeit, Wohnen, Religion und Finanzen. 

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