Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD, l) übergibt ein Deutschzertifikat an den Syrischen Flüchtling Mohammad Kadi an der Otto Suhr Volkshochschule am 07.10.2015 in Berlin im Bezirk Neukölln (Quelle: dpa).

Serie | Reden wir über Integration - "Der Satz 'Wo bitte Bahnhof?' funktioniert und ist höflich"

Ohne gute Deutschkenntnisse kommen Geflüchtete nie an, sagt Michael Weiss, der Leiter der Volkshochschule Berlin-Mitte. Aber gibt es genug Kurse? Und was brauchen Lehrer und Schüler am Dringendsten? Im Interview erzählt Weiss, wie der Unterricht für Geflüchtete aussieht, was er in diesem Jahr gelernt hat - und warum er für mehr Gelassenheit plädiert.

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rbb online: Herr Weiss, wie lange dauert es momentan, als Geflüchteter in Berlin einen Deutschkurs zu bekommen?

Wenn Sie Glück haben, können Sie relativ schnell über Ihre Einrichtung – beispielsweise Gemeinschaftsunterkunft oder Erstaufnahmestelle - Kontakt zu einer Volkshochschule bekommen. Dann können Sie innerhalb von zwei, drei Wochen, vielleicht aber auch ein, zwei Monaten einen Platz bekommen.

Wie lange läuft so ein Kurs?

Ein halbes bis ein Jahr, je nach Intensität. Die Kurse, die wir hier anbieten, sind dreimal in der Woche, jeweils vier Unterrichtsstunden. Ich würde sagen, Sie können sich mit jemandem, der hier drei Monate an einem Deutschkurs teilgenommen hat, einigermaßen unterhalten. Nach einem halben Jahr kommen Sie durch und nach einem Jahr kommen Sie weiter.

Wie geht es dann weiter?

Wenn Sie zum Beispiel aus Syrien, Eritrea, Irak oder Iran kommen, können Sie auch einen der Integrationskurse des Bundesamtes für Migration bekommen, die bieten wir auch an. Da kriegen Sie 600 Stunden bis zum inzwischen bekannten B1-Niveau, das ist sozusagen das Seepferdchen der deutschen Sprache. Damit können Sie auch in berufsfördernde Maßnahmen gehen.

Die Leute vom ersten Tag an in die Sprachförderung zu bringen – was brauchen Sie, damit das klappt?

Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Es klappt, würde ich behaupten. Klar, die Systeme müssen hochgefahren werden, wir brauchen Lehrkräfte, wir brauchen Räume, um das leisten zu können. Das ist das, was jetzt erforderlich ist.

Finden Sie genügend Lehrkräfte?

Lehrkräfte arbeiten auf Honorarbasis und da gibt es in Berlin gottseidank noch genügend Menschen, die geeignet sind und die nötige Qualifikation haben - auch wenn wir da allmählich an einer Grenze sind. Die melden sich bei den Volkshochschulen, wir müssen nicht jeden nehmen, soweit sind wir in Berlin zum Glück noch nicht. In anderen Bundesländern sieht es da schon anders aus.

Aus welchen Ländern kommen die Kursteilnehmer?

Die meisten kommen sicherlich aus Syrien. Wir teilen auf: Diejenigen aus Ländern mit einer hohen Schutzquote (höher als 50 Prozent, d. Red.) dürfen in Integrationskurse. Das Land Berlin hat zusätzlich für Menschen mit einer geringeren Schutzquote die Kurse an der Volkshochschule aufgemacht, damit auch die nicht in eine Warteschleife kommen, weil sie dann möglicherweise viel später eine Duldung bekommen. Damit auch die partizipieren können, von Beginn an.

Welchen Eindruck machen die Menschen in den Kursen auf Sie?

Einen hochmotivierten. Die Spannung bei den meisten ist sehr groß, sie sind fokussiert auf das, was sie wollen. Weil sie noch nicht zwei, drei oder vier Jahre verloren haben.

Wie lehren Sie Deutsch?

Extrem wichtig: Sie müssen zur Unterrichtssprache Deutsch machen. Es bringt wenig, wenn man homogene Lerngruppen macht, weil die ja dann miteinander ihre Muttersprache sprechen. Je gemischter ein Kurs, desto schneller funktioniert’s. Ein Syrer und ein Eritreer müssen sich dann auf Deutsch unterhalten, weil sie ja ansonsten keine Schnittmenge haben.

Was das Inhaltliche angeht: Wir lehren Sprachinventare.

Der Satz 'Könnten Sie mir bitte sagen, wo es zum Bahnhof geht?' ist korrekt, kostet Sie aber 1.000 Unterrichtsstunden Deutsch."

Michael Weiss, Leiter der VHS Berlin-Mitte

Was ist das?

Sachen die man braucht: Wie geht’s? Es ist vollkommen egal, wie ich das konstruiere, das brauchen Sie gar nicht zu wissen, Sie hören das. Und damit ist schon klar definiert, welche Inventare man braucht, um in verschiedenen Bereichen klarzukommen. Einkaufen, sich vorstellen, Wohnungssuche, was es alles so gibt.

Das kann man ja auf unterschiedlichen Niveaus lehren. Sie lernen alle Bereiche auf jeder Stufe, das schraubt sich dann immer komplexer nach oben. "Wo bitte Bahnhof?" funktioniert, ist höflich und Sie kommen am Bahnhof an. Der Satz "Könnten Sie mir bitte sagen, wo es zum Bahnhof geht?" ist korrekt, kostet Sie aber 1.000 Unterrichtsstunden (lacht).

Die haben Sie nicht.

Man muss relativ schnell Handlungsfähigkeit in der Sprache herstellen, Korrektheit ist dabei nachrangig. Es geht darum, Sprachkompetenz herzustellen und dann auf allen Stufen Leseverstehen, Hörverstehen, Sprechen und Schreiben beizubringen, alles im Wechsel. Dann können Sie monatsweise ganz schön schnell vorankommen.

Mit Schule kann man das alles nicht vergleichen. Wenn Sie Kurse für Migranten aufbauen, müssen Sie nicht lehren, wie man sich richtig ein Taxi bestellt. Das brauchen Sie vielleicht, wenn Sie im Urlaub sind. Die meisten Flüchtlinge hier kommen erstmal nicht in diese Situation.

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