Dietmar Woidke (dpa)
Video: zibb | 27.08.2013

Brandenburgs neuer Ministerpräsident - "Beim Joggen sind mir schon einige gute Ideen gekommen"

Andere Menschen sehen neben Dietmar Woidke irgendwie niedlich aus. Fast zwei Meter ist der neue Ministerpräsident Brandenburgs groß. Herausragend ist nicht nur seine Größe, sondern auch sein Verhandlungsgeschick, sagen Freunde und politische Gegner. Das eine oder andere Projekt hat er schon durchgeboxt. Was ihm dabei hilft? Joggen zum Beispiel.

1,96 Meter ist er groß, das Kreuz ist breit, die Stimme tief: Leicht zu übersehen ist Dietmar Woidke nicht, zu überhören auch nicht. Das kann in der Politik ein großer Vorteil sein.

Für den 51-Jährigen sind öffentliche Auftritte nichts Neues, viele Jahre war er Umwelt- und Innenminister. Doch seit ihn die SPD zum Nachfolger von Matthias Platzeck nominierte, habe sich grundlegend etwas geändert, sagt er.

"Es ist ganz komisch. Man wird anders angeschaut. Da wird noch einmal eine Kohle oben draufgelegt, was die Bekanntheit und die Erwartungen angeht. Das ist mir ganz bewusst."

Herbst 2010: Der Weg in die Staatskanzlei nimmt Fahrt auf

Das war Woidke auch bewusst, als Matthias Platzeck Ende Juli seinen Rücktritt ankündigte. Da saß ein gelöst, fast fröhlich wirkender Platzeck - und neben ihm Dietmar Woidke, der so erschüttert schaut, als gehe es hier um seinen Rücktritt. Inzwischen hat er sich mit der neuen Rolle angefreundet, sie kommt auch nicht ganz überraschend.

Seit gut zwei Jahren galt er als der Nachfolge-Kandidat für Platzeck. Das hat vor allem mit seinem Job als Innenminister zu tun. Woidke beruhigte die hitzige Debatte um eine umstrittene Polizeireform. Damals, im Herbst 2010, begann sein Weg in die Staatskanzlei, da war er frisch gebackener Innenminister.

Er tingelte von Dienststelle zu Dienststelle. Sein Job: Die hoch umstrittene Polizeireform erklären. 50 Mal, überall dort, wo es Polizeiwachen gibt. 50 Pressekonferenzen, davor 50 lange Treffen mit Beamten, Personalräten, besorgten Kommunalpolitikern. In Bernau hat sich Woidke sechseinhalb Stunden Zeit dafür genommen. Die Reform hat er von seinem Vorgänger Rainer Speer geerbt. An dessen Vorgabe für den Personalabbau hielt er weitgehend fest. Auch im dunklen Novemer 2010 in der Polizeiwache Bernau.

Die umstrittene Polizeireform wird zum Gesellenstück

Der neue Innenminister brachte erstaunlich schnell Ruhe in das Reformprojekt. Woidke sagte damals: "Ich glaube, dass wir es mit 7.000 Kolleginnen und Kollegen schaffen können, qualitativ hochwertige Polizeiarbeit im gesamten Land Brandenburg zu gewährleisten."

Auch entscheidend für den Erfolg: Woidke redet, redet, und hört zu - in Bernau und an den anderen 49 Polizeistandorten. Die protestierenden Beamten und Kommunalpolitiker fühlten sich ernst genommen. Lob gab es sogar vom Chef der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Schuster: "Es gibt einen deutlichen Klimawandel. Herr Woidke ist äußerst kommunikativ. Er ist sofort auf uns zugekommen und hat die Kritikpunkte, die wir an Speers Entwurf hatten, aufgenommen und hat gesagt: Okay,  lasst uns darüber reden."

Am Ende passierte die leicht modifizierte Reform problemlos den Landtag - und wurde zu Woidkes Gesellenstück. Wenn er Reden hält, ist er längst nicht so geschmeidig wie sein Vorgänger Platzeck. Doch den persönlichen Umgang, auf Leute zugehen, das beherrscht auch Woidke.

Woidke setzte oft eigene Akzente, beispielsweise mit der Stasi-Überprüfung führender Brandenburger Polizisten. Damals legte er sich in aller Öffentlichkeit mit der Jahn-Behörde an, die keine Unterlagen rausrücken wollte.

"Ich kann nicht abwarten. Ich will auch nicht abwarten, weil ich in den nächsten Wochen die neue Struktur der Polizei mit neuen Funktionsträgern besetze. Und wenn ich Besetzungen vornehme, habe ich wenig Lust, mir nach einem halben Jahr sagen zu lassen: Jetzt da so jemand…, das finde ich nicht gut", sagte er damals.

Am Ende bekommt Woidke die Akten. Wenn er etwas entschieden hat, wie im Streit um die Stasi-Unterlagen oder die Polizeireform, ist er durchsetzungsstark. Aber vorher denkt er gründlich nach, sagen andere über ihn.

Lausitz - Berlin - Bayern - Potsdam

Doch vor den Entscheidungen wird stets viel geredet – und gejoggt. "Ich habe eine alte Angewohnheit, die erste Hälfte der Laufstrecke denke ich an gar nicht's, da genieße ich nur. Die zweite Hälfte denke ich an Probleme, da fällt mir das Laufen auch schwerer, aber weil ich über Probleme nachdenke bin ich auch schneller am Ziel als gedacht. Da sind mir schon einige gute Ideen gekommen."

Woidke stammt aus dem Dörfchen Naundorf in der Lausitz und ist in der Nähe der polnischen Grenze aufgewachsen. Dort lebt er noch heute. Er hat in Berlin Agrarwissenschaften studiert und ging gleich nach der Wende - mit Ende 20 - erst einmal in den Westen. Er arbeitete drei Jahre für einen Futtermittelhersteller in Bayern. Zurück in Brandenburg startete dann die politische Karriere: 1993 Eintritt in die SPD, Leiter des Landwirtschaftsamtes Spree-Neiße, 1994 Einzug in den Landtag. "Wir hätten ihn gerne auch bei uns gehabt", sagt CDU-Mann Egon Rattai, ein Nachbar und Freund Woidkes aus Naundorf.

Dietmar Woidke zum neuen SPD-Chef in Brandenburg gewählt (Foto: dpa)
Am Montag wurde Woidke zum neuen SPD-Landeschef gewählt.

"Nicht schon früh am Tag gruseln"

Im Innenministerium und bei der Polizeiführung wird der Abgang Woidkes eher ungern gesehen - dort hat er mit seinem Stil viele Menschen überzeugt.

"Ich freue mich immer, wenn mir Leute sagen, dass sie gerne auf Arbeit kommen. Das ist für mich als Chef das höchste Lob. Mir geht’s ja genauso: Das Grausamste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass man sich früh am Tag schon gruselt."

Woidke geht sachlich und pragmatisch mit Problemen um, manche gibt er auch gerne ab. Zum Pannenprojekt Flughafen BER hält er Abstand und will nicht für Matthias Platzeck in den Aufsichtsrat nachrücken. Als die SPD 2009 eine Koalition mit der Linken einging, gehörte Woidke zu den Skeptikern. Heute sagt er, dass er damit nicht Recht behalten habe. Mindestens bis zur Landtagswahl im Herbst 2014 will er das reibungslose Bündnis fortsetzen.

Aber auch die CDU-Opposition lobt den neuen Ministerpräsidenten: Sie hoffen auf einen Koalitionswechsel.

Mit Informationen von rbb-Reporter Alex Krämer