Matthias Platzeck (Quelle: dpa)
Inforadio Vis á vis | 27.08.2013 | Alex Krämer

Im Gespräch mit Matthias Platzeck - "Jeden Tag wird klarer: Der Rücktritt war richtig"

Matthias Platzeck ist aus der ersten Reihe zurückgetreten: Ein vollständiger Rückzug aus der Politik ist das allerdings nicht. Im Gespräch mit rbb-Reporter Alex Krämer spricht Platzeck über 80-Stunden-Wochen, stotternde Motoren und die Sehnsucht nach der Uckermark.

Alex Krämer: Sie haben gesagt, Sie hätten in den letzten drei, vier Wochen viele Nachrufe und Ähnliches gelesen und gehört. Können Sie das Wort Deichgraf eigentlich noch hören? Oder bekommen Sie dabei eine Allergie?

Matthias Platzeck: Nein - so schnell bekomme ich keine Allergien. Vieles von dem, was ich hören durfte, war lieb gemeint. Manche kriegen so was nicht zu hören, weil der Sargdeckel da schon zu ist. Aber es ist jetzt auch gut. Alles hat seine Zeit, und dass dieser Abschnitt jetzt vorbei ist, ist in Ordnung.

Krämer: Sie haben bei der letzten Aufsichtsratssitzung am Flughafen gesagt, sie spürten, dass es die richtige Entscheidung ist. Wie drückt sich das aus?

Platzeck: Das kann ich nicht so genau schildern. Ich kann ja nur sagen, was ich fühle. Ich habe mich - sechs Wochen nach dem Schlaganfall - mit der Entscheidung schwer getan, weil einem da Unzähliges durch den Kopf geht: Es geht um Pläne, die man noch hatte, um Menschen, mit denen man über ein Jahrzehnt zusammengearbeitet hat - und, und, und. Auf der anderen Seite kommen natürlich auch solche Fragen: Hast Du noch genug Potential, kannst Du dem Amt gerecht werden? Das war insgesamt eine unschöne Phase, und ich war in dieser Zeit auch kein einfacher Partner für meine Frau. Aber für mich ist es so, wenn dann eine Entscheidung mal gefallen ist, dann ist sie gefallen und dann hadere ich damit auch nicht mehr. Vielleicht ist das die Auswirkung von 23 Jahren Arbeit in der Landesregierung oder als Oberbürgermeister: Da gewöhnt man sich ja auch ein bisschen daran. Und nach der Entscheidung habe ich geschaut, was nun passiert, und da kann ich nur sagen, dass mir jeden Tag klarer wird, dass es für das Land, für meine Partei, aber auch für meine Familie und für mich die richtige Entscheidung gewesen ist. Deshalb werde ich zunehmend auch froher damit.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) geht am 05.06.2013 über einen Deich an der Elbe in Mühlberg (Brandenburg). (Bild: dpa)
"Am Wochenende mal wieder was planen"

"Der Motor ist wohl etwas ins Stottern geraten"

Krämer: Es war ja die Rede, dass Sie sich zurückziehen aus der 80-Stunden-Woche, mit der dieses Amt verbunden ist. Ich würde beispielsweise nie eine 80-Stunden-Woche durchhalten, und ich habe mich gefragt, welche Motivation Sie dazu gebracht hat, eine so lange Arbeitswoche durchzuhalten - allein schon körperlich.

Platzeck: Ja, da gibt es ja so etwas Putziges. Zum einen sagt man über mich, dass ich etwas zart besaitet sei - das mag sogar zutreffen, zumindest habe ich nie eine dicke Haut bekommen. Andererseits wurde ja im Zusammenhang mit dem Abgang festgestellt, dass ich nunmehr das dienstälteste Bundesratsmitglied und der dienstälteste Landesminister in Deutschland bin - demnach können es sogar Zartbesaitete schaffen, am längsten durchzuhalten. Und: Ich bin aus tiefer Überzeugung in die Politik gegangen - 1989 habe ich mich dazu entschlossen, und habe Politik immer mit ganz viel Lust und Leidenschaft betrieben. Wenn wir eine Sache abgeschlossen hatten, waren drei neue da, die wir dann angehen wollten, und das hat einen bei der Stange gehalten. Ich musste jetzt aber auch konstatieren - das ist naturwissenschaftlich auch begründbar - wenn ein Motor, sei er noch so gut konstruiert, über 20 Jahre immer auf Hochtouren fährt, dann fängt er irgendwann an zu stottern, und das war jetzt wohl der Fall.

Krämer: Wenn die 80 Stunden jetzt wegfallen, dann werden es vielleicht 40 Stunden sein - diese Zahl hatten Sie mal genannt. Wird diese dann entstehende Lücke eher Freiheit sein oder eher Leere?

Platzeck: Freiheit - auf jeden Fall. Ich habe ja die Erfahrung noch nicht gemacht, und kann über das Lebensgefühl noch nichts sagen. Sie können mich in ein paar Monaten darüber befragen. Aber: Ich will ja weiter voll arbeiten - aber zwischen 80 und 40 Stunden liegt ein großer Unterschied. Ich freue mich aber sehr darauf, dass mein Leben nun nach sehr langer Zeit so etwas wie einen Rhythmus bekommen wird, das bedeutet, dass man beispielsweise am Wochenende mal was planen kann mit der Familie, mit Freunden, und sich nicht den sonstigen Zwängen unterwerfen muss. Das bedeutet für mich einen hohen Grad an Freiheit, und den finde ich jeden Tag, an dem ich mich den neuen Gegebenheiten nähere, immer schöner.

"Vermerke sind gut - zuhören ist besser"

Krämer: Ich habe Sie ja nun schon eine ganze Zeit beobachtet, und ich finde es charakteristisch für Sie, dass Sie auf Leute zugehen, sie ausführlich befragen, um so viel wie möglich von Ihnen zu erfahren. Wie viel von den erhaltenen Antworten ist in Ihr Regierungshandeln oder Ihre Gedanken und Pläne eingeflossen?

Platzeck: Ich kann nicht sagen, wie viel, aber so viel, dass es ohne diese Erfahrungen nicht gegangen wäre. Ich habe mir schon 1990 angewöhnt, dass es Tage gibt, die im Büro und den Gremien verbracht werden - meistens montags und dienstags -, und spätestens ab Mittwochmittag ging es raus auf's Land. Dieses Draußen-Sein, mit Menschen diskutieren, auf Foren, in Veranstaltungen, in Runden, am Wochenende auch auf Dorffesten - das kann man nicht messen, aber man kann in der Summe sagen, wenn man das nicht tut, dann fängt es an, Handeln vom Grünen Tisch aus zu werden. In den zwei Jahrzehnten habe ich gelernt, dass Vermerke von Kollegen und Mitarbeitern unheimlich wichtig sind, um eine Basis für das Handeln zu bekommen. Aber die finale Entscheidung bekommt man erst einigermaßen gut hin, wenn man viel zuhört und viel draußen ist und möglichst auch Ebenen schafft, auf denen Leute sich trauen, einfach die Wahrheit zu sagen.

Hochzeit von Matthias Platzeck und seiner Frau Jeanette (Archivfoto 2008, Quelle: dpa)
Hat nun wieder mehr von ihrem Mann: Ehefrau Jeanette Jesorka

"Ich habe mich schwarz geärgert"

Krämer: Wie schauen Sie heute auf den Flughafen BER? War das eine Ihrer größten Niederlagen? Haben Sie sich geärgert, dass es gekommen ist, wie es kam im letzten Jahr?

Platzeck: Ärgern ist in dem Zusammenhang ein bescheidener Ausdruck - ich habe mich schwarz geärgert! Ich hätte mir auch gewünscht, dass ich den ersten Flieger noch im Amt erlebe. Als ich Anfang des Jahres den Aufsichtsratsvorsitz von Klaus Wowereit übernahm, war ich ja auch davon beseelt, dass wir das jetzt möglichst zügig fertig kriegen.

Krämer: Ich verstehe immer noch nicht, wie es passieren konnte, dass man so ein Projekt drei Wochen vorher absagen muss. Da muss ja auch im Aufsichtsrat, in dem Sie saßen, etwas schief gelaufen sein.

Platzeck: Wir haben uns Wochen und Monate diese Fragen gestellt - und nicht nur wir. Aber man muss schlicht und ergreifend sagen, wenn man Informationen nicht bekommt, und das Gegenteil, was wohl die Wahrheit war, gesagt bekommt, dann kann man auch nicht zu vernünftigen Entscheidungen kommen.

Krämer: Ärgert Sie das, dass das ein bisschen an Ihnen kleben bleiben wird?

Platzeck: Sicher, ich könnte mir manches schöner vorstellen, aber die Summe dessen, was von 1990 bis heute mein politisches Leben gekennzeichnet hat, macht mich nicht unglücklich.

"Ich habe überhaupt keine Angst vor Langeweile"

Krämer: Ab 28. August sind Sie dann einfacher Abgeordneter und Sie kokettieren derzeit auch ganz gerne damit. Parallel bauen Sie aber auch ein Haus in der Uckermark, und Sie werden dann künftig mehr Zeit haben, sich dort aufzuhalten. Werden Sie sich dann auch mal mit einem Buch unter den Apfelbaum setzen oder sind Sie jemand, der den ganzen Tag herumrennt, weil noch der Werkzeugschuppen aufgeräumt werden muss?

Platzeck: Das muss ich erst mal testen, weil ich das in den letzen Jahrzehnten nicht testen konnte - ich bin selber mal gespannt, wie ich mich da verhalten werde. Ich freue mich auf jeden Fall sehr darauf. Ich bin ja ganz bewusst in die Uckermark als Abgeordneter gegangen [...] Außerdem schließt sich für mich dann auch ein Kreis: Ich habe in der Volkskammer als Parlamentarier begonnen, und da freue ich mich auch drauf, wieder in der Legislative zu sein.

Krämer: Der Unterparteitag möchte nun aber, dass Sie 2014 weitermachen als Direktkandidat in der Uckermark - ist das gesetzt, oder kann es da auch andere Angebote geben?

Platzeck: Ich bin, wie ich bin, und ich habe mich über das Vertrauen der Freunde in der Uckermark sehr gefreut und freue mich auch über die damit verbundene Verantwortung - und die werde ich gerne wahrnehmen.

Krämer: Reicht ein Abgeordnetenmandat als Auslastung oder muss da noch etwas dazukommen?

Platzeck: Ich habe ja noch einige Ehrenämter. Ich habe überhaupt keine Angst vor Langeweile.

Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck tauscht wegen der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt sein Namensschild mit dem seines Nachfolgers Dietmar Woidke aus. (Quelle: dpa)

Kommentar zum Rücktritt - Gegen den Wahn, unersetzlich zu sein

"Na, hält er durch?" - diese Frage hat Matthias Platzeck schon länger begleitet. Jetzt macht er aus gesundheitlichen Gründen Schluss mit der großen Politik. Alex Krämer, landespolitischer Korrespondent des rbb, zollt ihm Respekt für diese Entscheidung - und sieht unerwartet spannende Zeiten auf das politische Brandenburg zukommen. [30.07.2013]

Matthias Platzeck (Bild: dpa)

Matthias Platzeck - Eine Gesundheitschronik

Matthias Platzeck war in der Vergangenheit immer wieder durch gesundheitliche Probleme zum Pausieren gezwungen worden. 2006 war er kurzzeitig auch Vorsitzender der Bundes-SPD. Zwei Hörstürze und ein Zusammenbruch zwangen den Hoffnungsträger damals nach 146 Tagen zum Rückzug.