Preisgeld soll in Vereinsarbeit fließen - "Hellersdorf hilft" mit Zivilcourage-Preis ausgezeichnet
Sie haben Willkommensbriefe an Asylsuchende in sechs Sprachen verfasst, Spenden gesammelt, eine Menschenkette organisiert: Die Initiative "Hellersdorf hilft" fand sich im Juni spontan zusammen, als Rechte vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf Stimmung machten. Am Dienstag überreichten die Jüdische Gemeinde Berlin und der Förderkreis "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" der jungen Initiative einen Zivilcourage-Preis. Von Thomas Klatt

Auf Facebook veröffentlicht die unerschrockene junge Gruppe „Hellersdorf hilft“ fleißig Kommentare. Hier heißt es etwa: "Hellersdorf war gestern und heute mit der Solidaritätskette breit in den Medien vertreten. Wow! Ihr seid klasse!", oder "Wir sind immernoch überwältigt – vielen Dank an alle, die heute bei der Solidaritätskette dabei waren! Ihr ward großartig!"
Auch Fragen der User stehen im Raum – ganz eindeutig in die Richtung der Bürgerinitiative, die sich gegen das Hellersdorfer Flüchtlingsheim ausspricht: "Woher kommt eigentlich ihr Hass und eure Ablehnung? WARUM gab es nicht schon vor dem Flüchtlingsheim eine Bürgerinitiative für Hellersdorf Marzahn? Warum habt ihr nicht vorher euren PO hochbekommen?"
Bis heute ist "Hellersdorf hilft" nur über E-Mail, Twitter oder Facebook erreichbar. Telefonnummern oder Nachnamen werden erst mal nicht herausgegeben - man ist vorsichtig. Denn bis heute gibt es nicht nur freundliche, sondern immer wieder auch fremdenfeindliche Hass- und Schmäheinträge auf der "Hellersdorf hilft"-Facebook-Seite.
Sehr schneller Zuspruch für "Hellersdorf hilft"
Alles begann im Sommer dieses Jahres, als Hellersdorfer Bürger, unter die sich offensichtlich auch ortsfremde Neonazis gemischt hatten, lauthals die Öffnung eines Asylbewerberheims in einem ehemaligen Gymnasium verhindern wollten.
Stefan ist einer von mittlerweile 15 jungen Aktivisten bei "Hellersdorf hilft". Er erzählt davon, wie einer der Gründer über Nacht die Facebook-Seite ins Leben rief, als Reaktion auf eine Informationsveranstaltung der Heimgegner.
"Diese Seite hat sehr, sehr schnell enormen Zuspruch gefunden und über diese Seite haben dann wir, die wir uns vorher durch Kommentieren und so gefunden hatten, dann als "Hellersdorf hilft" zusammengeschlossen. Und aufgrund der Prominenz dieser Seite sind dann ein Großteil der ganzen Hilfsangebote bei uns eingelaufen."
Aktivisten kommen selbst aus Hellersdorf
Die meisten der Aktivisten bei "Hellersdorf hilft" sind erst Anfang 20. Viele sind in die Schule gegangen, in deren Gebäude heute Flüchtlinge untergebracht sind. Die meisten haben Familie oder Verwandte, die in Hellersdorf wohnen und dadurch einen sehr persönlichen Bezug zum Ost-Berliner Plattenbaubezirk, sagt Luisa, die in Hellersdorf arbeitet.
"Wenn man verfolgt hat, wie in den letzten Monaten dort gehetzt wurde von Anwohnern, Rechtsradikalen oder von Nazis, dann konnte man da gar nicht wegschauen, da war ein inneres Bedürfnis dagegen zu halten."
Die ehemaligen Hellersdorfer wohnen längst über die ganze Stadt verteilt, fühlen sich aber ihrem alten Stadtteil weiterhin verbunden. Aus der virtuellen Gruppe ist längst eine sehr lebendige und reale Fulltime-Initiative geworden, berichtet Stefan, der kaum noch zu etwas anderem kommt.
"Wir haben, als die Flüchtlinge noch nicht da waren, versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten: Wir haben Willkommensbriefe geschrieben und ihnen die Situation um das Heim und die ganzen Geschehnisse erklärt. Dann haben wir eine Spendenwoche ins Leben gerufen und haben über 200 Umzugskartons mit Sachspenden gesammelt."
Erlösende Bilder aus Hellersdorf
Nach den Negativbildern und -Berichten aus Hellersdorf waren dies die erlösenden Fernsehbilder aus dem Plattenbaubezirk: Junge Menschen und Anwohner tragen Spenden in das Hellersdorfer Flüchtlingsheim, erinnert sich Michael.
"Beispielhaft war die Solidarität aus ganz Deutschland, dass uns aus der ganzen Bundesrepublik Pakete erreicht haben, mit Spendensachen: Kleidung, Küchengeräte, Spielsachen, Fußbälle, eine Torwand, Bobbycars und Schulsachen." Mithilfe der Spenden konnten sogar die Kinder der Flüchtlinge mit Ranzen und Schulsachen für die Einschulung ausgestattet werden.
"Hellersdorf hilft" arbeitet eng mit der Heimleitung und mit den Flüchtlingen zusammen, um den Bedarf zu erfragen und zu koordinieren. Auch gebe es gute Kontakte zu anderen sozialen Einrichtungen, Kirchengemeinden und dem Bezirk am Ort. Die Initiative will jetzt zu einem eingetragenen Verein werden und dauerhaft im Stadtteil arbeiten, so Stefan. Die Initiative will Projekte anstoßen und den Flüchtlingen zum Beispiel mit Dolmetscherdiensten, Hilfe bei Behördengängen oder Kinderbetreuung helfen.
"Uns wird es noch lange geben"
Über die Anerkennung und den Preis aus der Jüdischen Gemeinde freuen sich die jungen Macher von "Hellersdorf hilft" außerordentlich. Das Preisgeld von 3.000 Euro soll in die weitere Vereinsarbeit fließen.
Man sieht sich als Vorbild: Zum Beispiel für die neu gegründete Gruppe "Moabit hilft". Laut Stefan hat sich auch in Leipzig eine Gruppe gebildet, die sich bei "Hellersdorf hilft" Tipps holt. Er freue sich, dass sich andernorts Menschen solidarisieren und organisieren und man von Hellersdorf aus ein Zeichen habe senden können.
Luisa ist überzeugt: "Geflüchtete Leute werden immer Hilfe und Unterstützung brauchen und deswegen wird es auch uns noch lange geben."






