Collage: Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, rechts Innensenator Frank Henkel. (Quelle: rbb/dpa)

Nach Tumulten im Kreuzberger Rathaus - Herrmann und Henkel streiten über Flüchtlingscamp

Im Streit um das Flüchtlingscamp am Berliner Oranienplatz sind die Fronten weiter verhärtet. Innensenator Frank Henkel (CDU) besteht auf einer schnellen Räumung bis zum 16. Dezember. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann dagegen will sich an den Beschluss der Bezirksverordneten halten. Diese hatten eine Auflösung des Camps am Mittwoch abgelehnt. Die Caritas hat unterdessen einen Runden Tisch mit Politik, Kirche und Flüchtlingen vorgeschlagen.

Die Fronten sind festgefahren im Streit um das Flüchtlingscamp am Berliner Oranienplatz. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) beharrt weiter auf einer schnellen Räumung bis zum 16. Dezember. Wenn es eine Lösung geben solle, müsse sie der Bezirk finden, hieß es am Donnerstag aus der Senatsinnenverwaltung. Doch auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) rückt nicht von ihrer Haltung ab. "Warum es mal wieder in meiner Hand liegen soll, ist mir nicht nachvollziehbar", erklärte sie übers Internet.

Flüchtlinge wärmen sich am 26.11.2013 Camp auf dem Oranienplatz in Berlin die Hände am offenen Feuer (Quelle: dpa)
Auch im Dezember soll der Protest am Oranienplatz fortgesetzt werden.

Bezirksverordnete stimmen gegen Räumung

Am Mittwoch hatten Demonstranten gegen die geplante Räumung des Zeltlagers protestiert. Am Abend dann waren Flüchtlinge und Unterstützer zum Kreuzberger Rathaus gezogen und hatten sich Zugang zur Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) verschafft. Die Polizei griff nicht ein, so dass schließlich 250 Demonstranten in den Sitzungssaal gelassen wurden.

Immer wieder unterbrachen sie die Sitzung und protestierten lautstark für eine Änderung des Asylrechts. Sprechchöre richteten sich vor allem gegen den Innensenator: "Henkel vertreiben, O-Platz muss bleiben", skandierten sie.

Die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) versuchte, die Lage trotz persönlicher Anfeindungen nicht eskalieren zu lassen. Sie sprach sich erneut gegen eine Zwangsräumung des Flüchtlingslagers aus und plädierte dafür, dass sich Flüchtlinge, Senat und Bezirk bis zum 15. Dezember noch einmal zusammensetzen sollten. Die Parlamentarier beschlossen daraufhin, weder für das Camp noch für die besetzte ehemalige Gerhart-Hauptmann-Schule eine Räumung zu beantragen.

Innenverwaltung besteht auf Räumung

Innenstaatssekretär Bernd Krömer reagierte ungehalten auf die neuerliche Debatte. Dem rbb sagte Krömer am Donnerstag, es sei genug geredet worden. "Frau Herrmann ist in der Verantwortung, und Frau Herrmann hatte zugesagt, diese Situation zu lösen. Frau Herrmann hat die Duldung widerrufen und Frau Herrmann ist jetzt aufgefordert, bis zum 16. Dezember rechtmäßige Zustände am Oranienplatz herzustellen." Finde der Bezirk keine Lösung, werde geräumt.

Senatssprecher Stefan Sukale bestätigte dies. Senator Henkel bestehe auf einer Räumung bis zum 16. Dezember, sagte Sukale am Donnerstagmorgen. "Diese Forderung ist eindeutig." Die Drohung, Bezirksbürgermeisterin Herrmann müsse mit personellen Konsequenzen rechnen, wenn das Lager nicht geräumt wird, wollte Henkel allerdings nicht wiederholen. Die "Berliner Zeitung" hatte unter Berufung auf Senatskreise berichtet, dass der Innensenator den Weg für Verhandlungen offen lassen wolle.

Rechtlicher Hintergrund

Was sind "bezirksaufsichtsrechtliche Maßnahmen"?

Um "bezirksaufsichtsrechtliche Maßnahmen" zu beantragen, muss die Innenverwaltung dem Bezirk zunächst eine Frist für die gewünschte Maßnahme setzen. Verstreicht die Frist, kann der Innensenator den Bezirk anweisen, den Platz räumen zu lassen.

Diese Befugnis erhält der Senat durch das Allgemeine Zuständigkeitsgesetz (AZG).

Folgt das Bezirksamt der Weisung nicht, kann der Innensenator die Räumung selbst veranlassen. Aus Sicht der Innenverwaltung kann eine Verweigerung zudem disziplinarrechtliche Folgen für die Verantwortlichen im Bezirk haben.

Grüne warnen vor Eskalation

Eine gewaltsame polizeiliche Räumung werde das Problem nicht lösen, sagte Grünen-Chef Daniel Wesener. Dann würden die Zelte woanders aufgeschlagen. "Die Flüchtlingsfrage wird weder allein ein Bezirk lösen, noch allein der Senat." Letztlich sei aber Henkel als Innensenator dafür verantwortlich, dass Menschen in Berlin unversehrt über den Winter kommen.

Auch der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland unterstütze Herrmanns Linie: "Es ist in diesem Bezirk immer besser gewesen, Konflikte zu moderieren und einen Interessenausgleich herbeizuführen, als mit brachialen Mitteln wie einer Räumung vorzugehen", sagte er der "tageszeitung". Versagt habe die gesamte europäische Flüchtlingspolitik. Das könne man nicht den Bezirk ausbaden lassen.

Caritas-Sprecher Thomas Gleißner sagte, die Flüchtlinge bräuchten eine dauerhafte humanitäre Lösung. Auch im Caritas-Heim in Wedding dürfen die 80 Flüchtlinge eigentlich nur bis zum Ende der Kältehilfe im März bleiben. Der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke, kündigte an, er werde das Gebäude im Frühjahr nicht räumen lassen. Die Flüchtlinge hätten aber deutlich gemacht, dass sie gar nicht länger in dem ehemaligen Altenheim bleiben wollten, sagte ein Mitarbeiter des Integrationsbüros. Sie wollten ihren Protest im Frühjahr draußen weiterführen. Um eine Lösung zu finden, hat die Caritas inzwischen einen Runden Tisch mit Vertretern von Kirchen, Politik und Flüchtlingen vorgeschlagen.

Die meisten Flüchtlinge haben keinen Anspruch auf Asyl

Nachdem 80 Flüchtlinge vom Oranienplatz am Wochenende in einem früheren Altenheim der Caritas im Wedding untergebracht worden waren, wollte der Bezirk das Camp eigentlich abbauen. Einige Flüchtlinge und Aktivisten halten die Zelte als "Anlaufstelle für Geflüchtete aus ganz Deutschland" jedoch weiter besetzt.

Viele Flüchtlinge sind über die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa in die EU gekommen. Weil sie über einen sicheren Drittstaat in die EU eingereist sind, haben die meisten von ihnen keinen Anspruch auf Asyl in Deutschland.

Nach monatelangen Auseinandersetzungen mit dem Bezirk hatte sich der Senat Mitte Oktober bereit erklärt, die Flüchtlinge als humanitäre Geste für die Wintermonate in einem festen Haus unterzubringen. Dafür stellt der Senat eine Kältehilfe von 136.000 Euro bereit. Eine langfristige Lösung bedeutet die Unterbringung im Wedding für die Flüchtlinge jedoch nicht. Die vorläufige Unterkunft gilt zunächst für drei Monate.

Die Akteure am Oranienplatz

  • Der Bezirk

  • Der Senat

  • Die Flüchtlinge

  • Unterstützer

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