
Linksaktivisten in der Flüchtlingsdebatte - Der Unterstützer
Wer steckt eigentlich hinter dem Protest der Flüchtlinge? Immer wieder wird suggeriert, die Flüchtlinge seien zum Spielball von Linksextremisten geworden, die der Politik auf der Nase herumtanzten und ihr eigenes Süppchen kochten. Was ist dran an der These, diese Unterstützer seien die eigentlichen Akteure? Torsten Mandalka hat einen von ihnen mehrere Tage lang begleitet. Porträt eines Daueraktivisten.
Dienstag, 18. März 2014: gerade ist im Roten Rathaus eine historisch anmutende Lösung zum Berliner Flüchtlingsstreit verkündet worden. Erste Reaktion von Dirk Stegemann: er hängt am Telefon, spricht mit Journalisten und Betroffenen. So schnell wie möglich steigt er dann ins Taxi, um selbst auf dem Oranienplatz nach dem Stand der Dinge zu sehen. Bald stellt sich heraus: von einer Lösung kann noch gar nicht die Rede sein – geschweige denn von einer historischen.
Dirk Stegemann ist einer der Unterstützer des Flüchtlingscamps auf dem Oranienplatz. Er hilft bei organisatorischen Fragen, meldet Demonstrationen bei der Polizei an, aber auch linke Solidaritäts-Kundgebungen. Mit seiner blauen Wetterschutzjacke, Laptoptasche und einer Zigarette steht er immer mittendrin – oder an der Spitze der Bewegung, je nach Anlass. Wichtig ist ihm aber vor allem, den Betroffenen Gehör zu verschaffen. Auch an diesem Nachmittag ist es nicht Dirk Stegemann, der die Haltung der Flüchtlinge erklärt, sondern der Afrikaner Akeen erläutert an Stegemanns Telefon, warum viele Flüchtlinge das Verhandlungsergebnis nicht mittragen wollen.
Wenn es ans Eingemachte geht
Was also ist die Rolle Stegemanns und der deutschen Unterstützer in diesem Konflikt? Der Mitvierziger sagt: "Als Anmelder von vielen Demonstrationen kennt man sich dann mit verschiedenen Paragrafen und Vorschriften aus, kann dann auch wesentlich besser gegenhalten und gegenargumentieren als jemand der zum ersten Mal anmeldet, das ist verständlich. Und ich bin ja für die Leute auch Ansprechpartner."
Immer, wenn es ans Eingemachte geht - wenn Leute festgenommen werden oder wenn es was zu verhandeln gibt - ist Dirk Stegemann gefragt. Man kennt ihn - auch bei der Polizei. Mit der redet er, "um Sachen nicht eskalieren zu lassen." Das passiere ziemlich schnell. Aufgrund von Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten, irgendwelchen übereilten hektischen Reaktionen entstünden häufig Eskalationen, die eigentlich nicht sein müssten.
Die Bild-Zeitung hat über Dirk Stegmann geschrieben, er sei wegen Gewaltdelikten polizeibekannt. Bei der Polizei will man dazu unter Berufung auf Persönlichkeitsrechte nichts sagen. Bei der Staatsanwaltschaft findet man ihn erst gar nicht - es gebe 206 Dirk Stegemanns im Computer, von welchem genau denn da die Rede sei? Gegen die Bild-Zeitung will Stegemann jetzt vorgehen: "Von der Springer-Presse in irgendeiner Form kritisch gewürdigt zu werden, ist jetzt nicht unbedingt mein größtes Problem. Mancher sieht das vielleicht sogar als Adelstitel, wenn man dort explizit als Person angegriffen wird, da kann ich auch drüber lächeln. Andererseits wiederum sollte man ihnen natürlich auch nicht alles durchgehen lassen. Auch Meinungsfreiheit und Pressefreiheit haben ihre Grenzen und diese Grenzen lasse ich gerade juristisch prüfen."

Eine sehr grundsätzliche Systemkritik
Woher kommt Stegemanns Aktivismus? Was bringt ihn dazu, den Protest gegen herrschende Zustände fast schon zum Beruf zu machen und dafür zum Beispiel auch beim Lebensstandard erhebliche Abstriche zu machen? Wie hält er die Anfeindungen auf rechten Websites aus?
Er sei in der DDR antifaschistisch erzogen worden, sagt er, der Vater war NVA-Offizier, die Mutter Erzieherin. Er selbst wollte auch Offizier werden, bei der Marine - dann aber gab es Probleme mit dem Thema Disziplin. Was immer blieb, war ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Daraus erwuchs eine sehr grundsätzliche Systemkritik, auf die er immer wieder zu sprechen kommt: "Wir haben eine Gesellschaft, die sich als angebliche Leistungsgesellschaft bezeichnet, aber eigentlich eine gnadenlose Konkurrenzgesellschaft ist, die die Existenz von Menschen unter Finanzierungsvorbehalt stellt. Es geht einfach um eine sehr komplexe Frage der sozialen und rassistischen Hierarchisierung der Gesellschaft, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden, wie sie entsolidarisiert werden, damit sie gut geleitet werden können."
Die leidige Gewaltfrage
Solche Systemkritik passt gut in die Definition "Linksextremist" des Verfassungsschutzes. Gefragt, ob er denn ein Linksextremist sei, antwortet Stegemann: "Wenn ein Mensch, der sich für die Rechte anderer Menschen einsetzt, als Linksextremist gebrandmarkt werden soll, dann bin ich vielleicht einer."
Und was ist mit der Gewaltfrage? Die leidige Gewaltfrage - stöhnt Dirk Stegemann. Immer wieder wird sie gegen Linke aus der Mottenkiste geholt. Gewalt und Gegengewalt - auch das sei systembedingt: "Solange Menschen sich ausgrenzen und bekämpfen und das im Kampf um den sozialen Status, wo dann nichts mehr einen Rolle spielt außer das eigene Ich, wird es keine solidarische Gesellschaft geben ohne Gewalt."
Wie geht es jetzt weiter mit dem Flüchtlingscamp am Oranienplatz - wird am Ende doch gewaltsam geräumt? Ein Angebot, das von allen Betroffenen akzeptiert wird, gibt es einfach nicht - sagt Dirk Stegemann. Es müsse weiter verhandelt werden. Denn für die, die das Angebot des Senats nicht mittragen können, gebe es nichts, was schlechter werden kann. "Das ist das Problem. Darum sitzen die da und nehmen auch eine Räumung in Kauf. Was haben sie denn Schlimmeres zu erwarten als zurück in die Lager zu gehen oder abgeschoben zu werden?"
![Dirk Stegemann [Imago] Dirk Stegemann [Imago]](/politik/thema/streit-um-fluechtlingsheime/beitraege/der-unterstuetzer/_jcr_content/articlesContList/picture_0/image.img.jpg/rendition=original/size=320x180.jpg)
Macht der Konflikt nicht irgendwann mal müde?
Geht jetzt also doch kein Weg an der Konfrontation vorbei, an Räumung, an Straßenschlachten in Kreuzberg? Stegemann weicht aus, man erwarte wenigstens irgendein Entgegenkommen. Mit Null rauszugehen - und das vorliegende Angebot sei eigentlich ein Null-Angebot - das sei nach anderthalb Jahren Camp überhaupt keine Option. Der Kampf werde jedenfalls weitergehen und ohne eine vernünftige Lösung für alle noch weiter auf die Spitze getrieben. Früher oder später werde in diesem System ohnehin noch viel mehr eskalieren.
Frage an den Unterstützer: Ständig Eskalation, Zuspitzung, Konflikt - hat man nicht irgendwann mal genug davon, wird nicht Dirk Stegemann auch irgendwann mal müde? Die Antwort: "Dirk Stegemann ist oft müde, aber noch nicht müde genug. Und ich hoffe, das bleibt lange so."


![Zwei Männer hantieren an einer der Hütten auf dem Oranienplatz, 18.03.14 [dpa] Zwei Männer hantieren an einer der Hütten auf dem Oranienplatz, 18.03.14 [dpa]](/politik/thema/streit-um-fluechtlingsheime/beitraege/nach-kompromiss-angebot-fuer-fluechtlinge/_jcr_content/image.img.jpg/rendition=original/size=320x180.jpg)

