Rainer Maria Woelki, Quelle: Jörg Carstensen dpa/lbn

Deutschland müsse die Türen weiter öffnen - Berliner Erzbischof Woelki fordert Aufnahme von mehr Flüchtlingen

Die Flüchtlingsdebatte in Berlin verschärft sich: Im Bezirk Hellersdorf gibt es seit Wochen Widerstand gegen ein geplantes Asylbewerberheim, am Freitag kam es zu mehreren Festnahmen von Rechtsextremen bei einer Demo in Hellersdorf. Jetzt hat sich auch der Berliner Erzbischof Woelki in die Diskussion eingeschaltet - und sich für mehr Flüchtlinge in Deutschland ausgesprochen.

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat sich dafür ausgesprochen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Deutschland sollte stolz sein, dass es Menschen Schutz bieten könne, sagte Woelki am Samstag dem rbb. Das Land müsse die Türen deshalb weiter öffnen.

In einer Ansprache blickte Woelki zurück: Vor 20 Jahren hätten fünf bis zehnmal so viele Menschen Asyl in Deutschland beantragt wie heute - und die Gesellschaft sei nicht auseinander gebrochen. Dafür seien die Asylregelungen verschärft worden, dessen Auswirkungen bis heute nachwirken.

Der Kardinal verwies darauf, dass weltweit 40 Millionen Menschen auf der Flucht seien. Von ihnen komme nur ein Bruchteil nach Deutschland, und man sollte sich nicht vor ihnen fürchten.

Demo von Rechtsextremen in Hellersdorf

Außerdem bezog sich Woelki in seinen Worten auch auf die aktuelle Debatte um das geplante Flüchtlingsheim im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Hier will eine Bürgerinitative verhindern, dass Asylbewerber in einer ehemaligen Schule untergebracht werden. Auch die rechtsextreme NPD hatte Mitte Juli bei einer Informationsveranstaltung Stimmung gemacht.

Am Freitagabend kam es zu einer Demonstration von etwa 60 Rechtsextremen vor dem geplanten Asylbewerberheim in Hellersdorf. Nach der Demo nahm die Polizei mehrere von ihnen fest. Gegen zwei hätten bereits Haftbefehle vorgelegen, sagte ein Sprecher der Polizei am Samstag.

Ehemaliges Max-Reinhardt-Gymnasium in Berlin-Hellersdorf (Bild: dpa)
Bei einer Demo vor dem geplanten Flüchtlingsheims in Marzahn-Hellersdorf kam es zu rund 60 Festnahmen.

Die anderen kamen am Freitagabend zunächst wieder frei, es wird aber gegen sie ermittelt. Während der Veranstaltung hatten einige Teilnehmer den Angaben zufolge den Hitlergruß gezeigt und rechte Parolen gerufen.

Hinter der Bürgerinitiative in Hellersdorf vermuten Berliner Sicherheitsbehörden Rechtsextremisten als Drahtzieher. In den vergangenen Wochen hatte es eine teils von ausländerfeindlichen Ressentiments geprägte öffentliche Debatte im Internet und in einer Stadtteilversammlung gegeben. In der vergangenen Woche ist bekannt geworden, dass die Bürgerinitiative ihren Protest auch mit juristischen Mitteln ausfechten will.

Flüchtlingsunterkünfte in Berlin restlos überfüllt

Die Diskussion über die Flüchtlingsheime hat sich in den vergangenen Wochen zugespritzt. Das Land Berlin kann die vielen Flüchtlinge in Berlin nicht mehr ordnungsgemäß unterbringen. Alle bestehenden 30 Unterkünfte seien restlos überfüllt, hatte das Landesamt für Gesundheit und Soziales Ende Juli mitgeteilt.

Doch in der Bevölkerung gibt es große Vorbehalte gegenüber neuen Flüchtlingsunterkünften. Laut einer Umfrage würde sich jeder fünfte Berliner von einem Flüchtlingsheim in seiner Nachbarschaft gestört fühlen. Demnach gaben 21 Prozent der Befragten an, dass sie eine Unterkunft in der Nachbarschaft "stark" oder "sehr stark" stören würde, 65 Prozent sprachen sich hingegen dafür aus, dass Asylbewerber nicht in "Ghettos" am Stadtrand, sondern in den Wohngebieten untergebracht werden sollten.

Zur Zeit gibt es neun Asylbewerberheime in Berlin. Hinzu kommen die beiden Erstaufnahmeeinrichtungen in der Lichtenberger Rhin- und der Motardstraße in Spandau. Im Jahr 2012 nahm Berlin insgesamt 3.518 neue Asylbewerber auf. Das waren rund 52 Prozent mehr als im Vorjahr. Für dieses Jahr werden nach einer Prognose des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge etwa 5.000 neue Asylbewerber in der Bundeshauptstadt erwartet.

Zahl der Asylbewerber in den Unterkünften der Bezirke

Bezirk Kapazität Belegung
     
Charlottenburg-Wilmersdorf 595 558
Friedrichshain-Kreuzberg 345 338
Lichtenberg 1204 1167
Marzahn-Hellersdorf 170 149
Mitte 808 842
Neukölln 29 13
Pankow 295 293
Reinickendorf 815 743
Spandau 700 837
Steglitz-Zehlendorf 149 146
Tempelhof-Schöneberg 776 787
Treptow-Köpenick 388 354
     
GESAMT 6274 6264

Quelle: Landesamt für Gesundheit und Soziales (Stand: 9. Juli 2013)

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