
Besetzte Schule in Kreuzberg - Die Kontrolle zurückbekommen
Unhaltbare hygienische Zustände, Verletzte nach Messerattacken, Feuerwehrleute und Rettungskräfte fühlen sich unsicher - manche sprechen bei der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg bereits von einem "rechtsfreien Raum". Der Bezirk will dort eigentlich ein Projekte-Haus einrichten - und endlich eine Lösung.
In der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule herrscht Enge und Armut. In einem Raum beispielsweise leben zehn Personen auf wenigen Quadratmetern. Kein Wunder, dass es bei den vielen Traumatisierten, die hier leben, häufig Auseinandersetzungen gibt. Aber sie wollen eigentlich keine Gewalt:
"Ich mag keine Schlägereien, ich bin hierher gekommen, um frei und glücklich zu sein", sagt einer der Flüchtlinge. "Ich will keine Probleme. Dann hätte ich ja erst gar nicht aus meinem Land flüchten müssen."
Ab kommender Woche soll es einen Wachschutz geben
Als Reaktion auf mehr als 40 Polizeieinsätze wegen verschiedener Delikte und Kritik an unhaltbaren sozialen hygienischen Zuständen vereinbarten Bezirk und Flüchtlinge Ende Januar, gemeinsam für mehr Sicherheit und Sauberkeit zu sorgen.
Der Bezirk will einen Wachschutz an der Schule einrichten und finanzieren. So soll die Kontrolle über das Haus zurückerobert werden. Das sei auch im Interesse der Flüchtlinge, sagte der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Hans Panhoff (Bündnis 90/Grüne) am Sonntagabend im rbb. "Die möchten bestimmte Leute dort auch nicht haben."
Eigentlich war der "Social Security Service" bereits ab diesem Montag geplant, doch laut Panhoff wird sich der Start verschieben. Er hoffe, dass es ab kommender Woche losgehen könne. "Wir müssen noch ein Gespräch führen, um das Konzept zu klären mit der Firma." Außerdem werde gerade noch eine Pförtnerloge gebaut, damit die Security-Leute auch 24 Stunden die Tür bewachen können.
48 Polizeieinsätze, zwei versuchte Tötungen
Seit Dezember 2012 gab es immer wieder Stress an der ehemaligen Schule. 48 Mal musste die Polizei aus verschiedensten Gründen ausrücken. Kürzlich wurde ein 24-Jähriger aus dem Tschad niedergestochen.
"Insgesamt waren dort auch zwei versuchte Tötungsdelikte zu verzeichnen", sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. "Es ist manchmal schwierig, den Menschen zu erklären, welche Maßnahmen wir treffen. Da gibt es sehr schnell Unterstützer, die ihren Unmut über die polizeilichen Maßnahmen kundtun." Bei Einsätzen in der früheren Gerhard-Hauptmann-Schule sei eine größere Anzahl an Einsatzkräften erforderlich.
Der Feuerwehr geht es nach rbb-Informationen ähnlich. Rettungswagen fahren seit zwei Monaten nur noch begleitet durch ein Löschfahrzeug mit einer Besatzung von sechs bis neun Feuerwehrleuten zu der ehemaligen Schule. Nur so fühlt sich die Rettungswagenbesatzung sicher. Die besetzte Schule wirkt manchmal wie ein rechtsfreier Raum, in dem der Bezirk die Kontrolle verloren hat.
Projekte sollen in sechs bis acht Wochen richtig starten
Mit den Projekten, die in der ehemaligen Schule geplant sind, soll es laut Panhoff in etwa sechs bis acht Wochen richtig losgehen - wenn bis dahin die entsprechenden Räume frei seien. "Und dann müssen wir schauen, dass wir Zug um Zug die Schule zurückführen auf ein geringes Maß an Wohnen, was nach dem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Teil des Projektehauses sein soll", erklärte Panhoff. Einzelne Projekte stünden quasi bereits vor der Tür, um sie anzufangen, fehlten jedoch die Räume. Die ersten Projekte wie die Drogenberatung "Fixpunkt" und die Frauen-Etage seien aber bereits im Haus.
Auch für die Flüchtlinge soll es 400 Quadratmeter Raum in dem Projekt-Haus geben. Die fordern, dass sie sich selbst verwalten dürfen. "Vielleicht ein bisschen unterstützt von der Stadt", sagt Mimi, eine Unterstützerin der Flüchtlinge. Aber sie wollen selbst aktiv sein können: "Dass wir selbst die Küche putzen können", nennt Mimi als Beispiel.
Panhoff geht jede Woche in die ehemalige Schule und spricht mit den Bewohnern. "Ich glaube, dass ich mittlerweile ein Vertrauen der Leute gewonnen habe, das ist nicht selbstverständlich."
Mehr Unterstützung vom Senat gewünscht
Zur Frage, ob der Bezirk sich vom Senat im Stich gelassen fühle, sagte Panhoff, dass der Bezirk als Eigentümer des Gebäudes auch in der Pflicht sei, "da etwas zu tun". Aber er wünscht sich mehr Unterstützung von Seiten des Senats, "wenn es darum geht, die Flüchtlinge dann anderweitig unterzubringen." Auch in Bezug auf die Unterbringung der Roma-Familien spricht er davon, dass hier "andere ihren Teil tun" müssten.
Immer wieder gewaltsame Konflikte
An und rund um die frührere Schule gab es in den letzten Wochen immer wieder auch gewaltsame Konflikte, an denen Bewohner beteiligt waren. Zuletzt wurde in der vergangenen Woche ein 24-jähriger Flüchtling aus dem Tschad mit Stichverletzungen vor der besetzten Schule entdeckt. Die Hintergründe der Tat sind bislang unklar. Im November stürmte ein Spezialeinsatzkommando nach einer Messerstecherei unter Flüchtlingen das Gebäude. Ende Januar endete ein Streit unter Bewohnern in der besetzten Ex-Schule ebenfalls mit Gewalt: Ein 41-jähriger Mann wurde dabei mit einem Messer im Gesicht verletzt.
Mehr als 100 Flüchtlinge hatten Ende 2012 die leerstehende Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt, um dort zu schlafen. Inzwischen leben auch Obdachlose und Roma-Familien dort. Panhoff bezifferte die Gesamtazhl der Bewohner Ende Januar auf inzwischen etwa 200. Genauere Angaben gebe es nicht, die Bewohner verweigerten ihre Daten.
Mit Informationen von Rainer Unruh







