Parteianhänger der "Linken" demonstrieren gegen die Bürgerinitiative "pro Deutschland" (Quelle: rbb/Matthias Bartsch)
Video: Klartext spezial | 21.08.2013

Protest gegen Asylbewerber - Gegendemonstranten stellen sich gegen Rechtspopulisten

Die Proteste gegen das Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf reißen nicht ab. Anhänger der rechtsgerichteten Vereinigung "pro Deutschland" ziehen am Donnerstag durch Berlin, um "gegen Islamisierung und Asylbewerber" zu protestieren. Erste Station war vor der Zentrale der Bundespartei "Die Linke". Die Gegendemonstranten bilden die klare Mehrheit.

Auch am vierten Tag in Folge gibt es weiter Proteste gegen das neue Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf. So hat die rechtsgerichtete Bürgervereinigung "pro Deutschland" vier weitere Demonstrationen "gegen Islamisierung und Asylbewerber" angekündigt. Laut Polizeiangaben hatten sich bereits am Vormittag "eine Handvoll Leute" vor dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte, dem Sitz der Bundespartei "Die Linke", versammelt.

Den Angaben zufolge standen ihnen rund 100 Gegendemonstranten gegenüber. Die Polizei war mit 350 Beamten im Einsatz. Im Laufe des Tages werden weitere Proteste vor den Verlagshäusern linksgerichteter Publikationen wie "Neues Deutschland", "Junge Welt" und "tageszeitung" erwartet.

Unterdessen ist die Forderung nach Bannmeilen um Asylbewerberheime auf Kritik gestoßen. Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke hatte gefordert, die Versammlungsfreiheit in der Nähe von Asylbewerberheimen einzuschränken und Bannmeilen zu errichten. Die Demonstrationsfreiheit dürfe nicht auf Kosten der Menschen gehen, die erneut um Leib und Leben fürchten müssen, wenn zu Hass gegen sie aufgestachelt werde, begründete Lüke ihren Vorschlag.

Der Innensenator und CDU-Landesvorsitzende von Berlin, Frank Henkel (dpa-Foto)
Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) will die Versammlungsfreiheit nicht einschränken.

"Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut"

Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), lehnt eine Bannmeile dagegen ab. Man müsse sich vielmehr denen entgegenstellen, die die Lage für ihre politischen Ziele ausnutzen wollen, sagte Wowereit dem rbb. Außerdem warnte der Landeschef vor einem "Polit-Tourismus" nach Hellersdorf. Die Menschen im Flüchtlingsheim müssten jetzt zur Ruhe kommen.

Ein klares Nein zur Bannmeilen-Debatte kam auch von Innensenator Frank Henkel (CDU). Im rbb sagte der Politiker, er halte die Diskussion um Bannmeilen für "brandgefährlich", weil man dann sehr schnell auch über Bannmeilen um Banken, Abschiebegefängnisse und andere Einrichtungen herum diskutieren werde. Die Versammlungsfreiheit sein ein "hohes Gut".

Die "Angstkampagnen" von Rechtsextremisten dürften nicht dazu führen, "dass wir zu weniger Demokratie kommen!" Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass der Staat bestimme, wer in Zukunft wogegen oder wofür demonstrieren dürfe, sagte Henkel. Die Polizei habe die Lage am Flüchtlingsheim im Griff.

Petra Pau, direkt gewählte Bundestagsabgeordnete der Linken für den Berliner Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf, hat rasche Verbesserungen für die Flüchtlinge gefordert. Vor dem Heim in Hellersdorf herrsche "eine Art Ausnahmezustand", sagte Pau am Mittwoch. Es gebe vor Ort "widerstrebende Demonstrationen für und gegen das Heim", die es den Flüchtlingen kaum möglich machten, sich dort normal zu bewegen.

Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin von Hellersdorf-Marzahn, Dagmar Pohle (Linke), erklärte, man dürfe die Bevölkerung rings um das Flüchtlingsheim nicht als ausländerfeindlich abstempeln. Bei Dialogveranstaltungen zeige sich, dass es bei den Anwohnern auf großes Unverständnis stoße, dass sie instrumentalisiert würden, sagte Pohle im rbb. Es sei eine breite demokratische Mehrheit vorhanden, die sich dem rechten Mob entgegenstelle.

Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Bild: DPA)
Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales

Allert: In den allermeisten Fällen keine Probleme

Aus Sicht des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales ist der Konflikt um das Flüchtlingsheim in Hellersdorf nicht symptomatisch für Berlin. Wie der Präsident des Landesamtes, Franz Allert, dem rbb am Donnerstag sagte, gebe es in der Stadt über 30 Einrichtungen für Flüchtlinge. In den allermeisten Fällen gebe es weder Probleme in den Einrichtung noch mit den Anwohnern.

In Hellersdorf sei die Eröffnung des Heimes von der NPD und anderen rechten Gruppen instrumentalisiert worden. Die Art und die Intensität des Vorgehens habe den Bezirk und das Landesamt überrascht. Allert sagte, dass in den letzten zehn Jahren viele Unterbringungsmöglichkeiten abgeschafft worden seien, weil es weniger Flüchtlinge gegeben habe. Nun müssten von heute auf morgen wieder Kapazitäten geschaffen werden.

In der Nähe des neuen Flüchtlingsheimes hatten sich am Mittwoch 150 Menschen versammelt, um Solidarität mit den Asylbewerbern zu zeigen. Die Polizei war mit rund 300 Beamten vor Ort, zu Auseinandersetzungen kam es nicht. Auch in Moabit, in der Nähe der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, hatte die rechtsgerichtete Partei "Pro Deutschland" eine Kundgebung veranstaltet. Dort versammelten sich laut Angaben eines Polizeisprechers rund 200 Gegendemonstranten.

Bei einer Kundgebung von "Pro Deutschland"-Anhängern in Friedrichshain warfen Vermummte in der Liebigstraße Böller auf die Anhänger der islamfeindlichen Bürgerbewegung. Es sei aber offenbar niemand verletzt worden, hieß es von Seiten der Polizei.
Der neue Chef des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, sagte am Mittwoch, die so genannte Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf, die gegen das Flüchtlingsheim auftritt, mache eher den Eindruck "ein virtuelles Objekt" zu sein als ein Zusammenschluss realer Personen. Er gehe davon aus, dass "eine enge Verknüpfung in die rechtsextremistische Szene in dieser Stadt vorhanden ist", sagte Palenda dem rbb.

Zwei Polizeiwagen vor der Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin-Hellersdorf am 20.08.2013 / Foto: imag/epd
Polizei vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf

Anwohner haben Angst vor weiterer Eskalation

Die Bürgerinitiative habe maßgeblich dazu beigetragen, Ängste unter den Anwohnern zu schüren und die Stimmung anzuheizen. Auch vor diesem Hintergrund halte er deshalb Polizeischutz für das Flüchtlingsheim weiter für notwendig, sagte Palenda. Dies solle auch ein Signal sein, dass jeder vom Staat beschützt werde und in Sicherheit hier leben könne.

Stimmen gegen das Flüchtlingsheim gibt es aber auch in der unmittelbaren Nachbarschaft: "Der Bezirk wird ja eh' schon als Problembezirk dargestellt", sagte ein junger Mann dem rbb am Mittwoch. Daher verstehe er nicht, dass nun "noch mehr Asylanten" nach Hellersdorf kämen.

Andere Bürger äußerten die Sorge, dass die Situation weiter eskalieren und eine Situation wie vor 21 Jahren in Rostock-Lichtenhagen entstehen könnte. Eine Anwohnerin sagte, sie habe nichts gegen die Ausländer, schlimm sei nur, dass rechte und linke Demonstranten immer mehr "Hass" schürten.

25 Festnahmen am Dienstag

Bereits am Dienstagabend hatte es bei mehreren Demonstrationen in Hellersdorf 25 Festnahmen gegeben. Die Polizei leitete 34 Ermittlungsverfahren ein, unter anderem wegen Landfriedensbruchs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Vier Polizisten wurden bei Auseinandersetzungen verletzt; ein Beamter wurde von einer Flasche im Gesicht getroffen und erlitt einen Jochbeinbruch.

Die NPD hatte mit rund 40 Personen vor dem Heim demonstriert und gefordert, dass die Flüchtlinge den Ort verlassen sollen. Ihnen standen nach Polizeiangaben rund 400 Gegendemonstranten gegenüber.

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  • Demonstrationen vor Flüchtlingsheim

    Flüchtlinge beziehen unter Polizeischutz die Asylbewerberunterkunft in Berlin Hellersdorf (Quelle: dpa)

    Der Streit um ein neues Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf hat die Debatte um die Unterbringung von Asylbewerbern wieder angefacht. Am Mittwoch protestierten erneut vereinzelte Demonstranten der islamfeindlichen Bürgerbewegung "Pro Deutschland" gegen die Sammelunterkunft für Bürgerkriegsopfer aus Syrien und Afghanistan.

  • Henkel sieht Sicherheit gewährleistet

    Der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) mit Jugendlichen des Projekts "Stark ohne Gewalt". (Quelle: dpa)

    Kriegsflüchtlinge sollen in Berlin-Hellersdorf ein neues Zuhause finden. Berlins Innensenator Frank Henkel kündigt im rbb-Interview an, dass die Kommunikation mit den Bürgern vor Ort verbessert werden soll.

  • Debatte um Sicherheit der Flüchtlinge

    Ein NPD-Sympathisant protestiert hinter einer Polizeikette gegen das neue Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hellersdorf (Quelle: dpa)

    Erneut hat es in Hellersdorf Proteste gegen das Flüchtlingsheim gegeben. Der neue Chef des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, hält den Polizeischutz für die Einrichtung weiterhin für notwendig.

  • Flüchtlingsrat fordert Belegungsstopp

    Polizisten diskutieren mit Anwohnern in Marzahn-Hellersdorf anlässlich des Einzugs der ersten Flüchtlinge am 19. August 2013 - Foto: rbb /Matthias Barsch

    Der Berliner Flüchtlingsrat forderte, den Einzug der Asylbewohner zu stoppen, da es kein Sicherheitskonzept für die Unterkunft gebe. rbb Inforadio-Moderatorin Irina Grabowski spricht mit Martina Mauer, Sprecherin des Berliner Flüchtlingsrates.

  • Gesicht zeigen

    Uwe-Karsten Heye zu Gast im kulturradio; Foto: gb

    Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender des Vereins "Gesicht zeigen!" setzt sich für die Belange von Asylsuchenden ein.

  • Dröge: Anwohner müssen eingebunden werden

    Der Landesbischof von Berlin-Brandenburg, Markus Dröge. (Bild: dpa)

    In die Diskussion über das Asylbewerberheim in Hellersdorf hat sich auch die Evangelische Kirche eingeschaltet. So forderte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz im rbb, man müsse mit den Anwohnern ins Gespräch kommen.

  • "Bürger nicht in die rechte Ecke stellen"

    Archivbild: Dagmar Pohle, Bezirksbürgermeisterin Berlin Marzahn-Hellersdorf (Quelle: Imago)

    Dagmar Pohle, Vize-Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, warnte am Mittwoch im rbb-Interview davor, die Bürger in ihrem Bezirk in die "Rechte Ecke" zu stellen. Man dürfe die Bevölkerung rings um das Flüchtlingsheim nicht als ausländerfeindlich abstempeln. Bei Dialogveranstaltungen zeige sich, dass es bei den Anwohnern auf großes Unverständnis stoße, dass sie instrumentalisiert würden. Es sei eine breite demokratische Mehrheit vorhanden, die sich dem "rechten Mob" entgegenstelle.

  • Erste Asylbewerber in Hellerdorfer Flüchtlingsheim

    In das umstrittene Flüchtlingsheim in Hellersdorf sind am Montag die ersten Asylbewerber eingezogen. Seit Wochen gibt es eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Gegnern der Flüchtlingsunterkunft und Unterstützern der Asylsuchenden.

  • Es geht auch anders als in Hellersdorf

    Ein Flüchtling hängt Wäsche auf (Bild: dpa)

    Rund 43.000 Flüchtlinge sind im ersten Halbjahr 2013 nach Deutschland gekommen - doppelt so viele wie in 2012. In Berlin und Brandenburg entstehen deshalb neue Flüchtlingsheime. Das gibt oft Ärger - prominentestes Beispiel ist Berlin-Hellersdorf. Dass es anders geht, zeigt Teltow, wo es gelungen ist, ein Flüchtlingsheim ziemlich problemlos an den Start zu bringen.

  • "Sich nicht instrumentalisieren lassen"

    Der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) mit Jugendlichen des Projekts "Stark ohne Gewalt". (Quelle: dpa)

    Kriegsflüchtlinge sollen in Berlin-Hellersdorf ein neues Zuhause finden. Begrüßt wurden sie dort mit Plakaten, auf denen "Guter Heimflug" stand. Berlins Innensenator Frank Henkel geht im rbb-Interview davon aus, dass die Polizei die Lage im Griff hat und will die Kommunikation mit den Bürgern vor Ort verbessern.

  • "Berlin braucht mehr Unterkünfte"

    SPD-Politikerin Ülker Radziwill am 25. Mai 2013 während des SPD-Landesparteitages (Bild: imago)

    SPD-Fraktionsvize Ülker Radziwill sagte am Mittwoch im rbb, in anderen Berliner Bezirken laufe die Unterbringung von Flüchtlingen gut. Manchmal würden sogar Willkommensfeste veranstaltet, wie etwa in Charlottenburg. Entscheidend sei, die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig zu informieren und in die Planung einzubinden.

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