Innensenator wettert gegen Buden am Oranienplatz -
Henkel und Herrmann streiten - Kolat schweigt
Eine Lösung für Hunderte illiegale Flüchtlinge ist weiterhin nicht in Sicht. In dem Camp auf dem Berliner Oranienplatz werden bereits Bretterbuden gezimmert. Derweil ist der Streit zwischen Innensenator Henkel und Bezirksbürgermeisterin Herrmann neu entflammt - nur Integrationssenatorin Kolat hält sich zurück. Sie ist für die Verhandlungen mit den Flüchtlingen zuständig.
Der Streit um das Flüchtlingscamp auf dem Berliner Oranienplatz droht erneut zu eskalieren. Der Senat und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schoben sich am Mittwoch gegenseitig die Verantwortung für den Abbau der Bretterbuden zu. Seit eineinhalb Jahren kämpfen dort mehr als 100 Flüchtlinge vor allem aus Afrika für ein Bleiberecht in Deutschland.
Trotz Verhandlungen mit dem Senat ersetzen sie inzwischen die Zelte durch Holzhütten. Das hält die CDU in der rot-schwarzen Koalition für einen weiteren Rechtsbruch. Sie wollte das Camp schon längst räumen lassen, was die SPD und ihr Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit verhinderten.
Der Innensenator
Abendschau | 04.03.2014
- Bitte räumen, die Zweite
Der Konflikt um das Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz spitzt sich wieder zu, weil die Flüchtlinge ihr Camp mit Brettern verbarrikadieren. Innensenator Frank Henkel sprach im rbb von abenteuerlichen Zuständen auf dem Platz. Von Katalin Ambrus
Innensenator Frank Henkel (CDU) forderte die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg Monika Herrmann (Grüne) auf, den Bau von Bretterbuden im Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz zu unterbinden. "Jede Situation, die sich dort als verfestigend darstellt - und das tut es ja, wenn man Bretterbuden baut - ist eine Situation, die den rechtswidrigen Zustand noch rechtswidriger macht", sagte er am Dienstagabend im rbb.
Herrmann habe bis Freitag Zeit für eine Antwort, wie sie mit dem Problem umzugehen denke. "Ich habe nicht viel Hoffnung, wenn ich mir ansehe, wie hilflos die grüne Bezirksbürgermeisterin insgesamt mit der Causa Oranienplatz umgeht", sagte Henkel weiter.
"Sie will nicht mit uns telefonieren"
Die Bezirksbürgermeisterin sagte dazu am Mittwoch dem rbb, der Senat setze nach wie vor auf eine Verhandlungslösung. Sollte Henkel damit nicht einverstanden sein, müsse er sich an den Regierenden Bürgermeister wenden. Für die Verhandlungen mit den Flüchtlingen ist laut Herrmann Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) zuständig.
"Wir wissen nichts. Wir versuchen seit Wochen, mit Frau Kolat ins Gespräch zu kommen. Wir bekommen keine Informationen - und sie sagt auch ganz klar, sie will nicht mit uns telefonieren", so Herrmann. Henkel warf sie vor, mit seinen neuesten Äußerungen "Öl ins Feuer zu gießen". Seiner Senatskollegin Kolat gegenüber verhalte er sich "illoyal".
Zugleich kritisierte die Grüne den Hüttenbau. "Ich halte das für falsch und verstehe es nicht", sagte Herrmann. "Das macht die Verhandlungen nur schwieriger."
Die Bezirkschefin
Radioeins | 05.03.2014 - "Wir bekommen keine Informationen"
Monika Herrmann, die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, weist im Interview die Zuständigkeit für die Lage am Oranienplatz von sich. Sie versuche seit Wochen, mit Sozialsenatorin Kolat zu telefonieren - doch die wolle nicht mit ihr sprechen.
Alle verweisen auf Kolat - doch Kolat schweigt
Seit Wochen bauen die Flüchtlinge auf dem Oranienplatz Bretterbuden. Ihnen sitzt die Zeit im Nacken: Am 31. März endet die Frist für die Winterunterkünfte, in der etliche Flüchtlinge derzeit leben - in einem ehemaligen Altenheim der Caritas im Wedding und im ehemaligen Notaufnahmelager Marienfelde.
Bis Fristablauf sollte eigentlich in Verhandlungen mit Sozialsenatorin Dilek Kolat (SPD) eine Lösung gefunden worden sein. Doch wie die aussehen könnte, ist derzeit noch völlig offen. "Wir haben noch keinen neuen Stand. Wir haben uns zwei oder dreimal getroffen, aber: nichts", sagte Bashir Zaharia, einer der Flüchtlinge, dem rbb.
Nicht nur die Flüchtlinge werden langsam nervös, auch die Direktorin der Caritas, Ulrike Kostka, drängt auf eine politische Entscheidung. "Die ist auch dringend angesagt, weil es nur noch drei Wochen bis Ende März sind."
Nicht nur zwischen Herrmann und Kolat, sondern auch innerhalb des Senats besteht seit Monaten Uneinigkeit in der Frage, wie mit den Flüchtlingen auf dem Oranienplatz umzugehen ist. CDU-Senator Henkel hat sich mehrfach für eine Räumung des Platzes stark gemacht. SPD-Senatorin Kolat hat sich derweil für weitere Verhandlungen ausgesprochen - und dafür vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den Auftrag bekommen.
Senatorin Dilek Kolat schweigt zum Stand der Gespräche.
"Es gibt momentan keinen Gesprächsbedarf von uns mit Frau Herrmann"
Sowohl Henkel als auch sein Parteifreund Mario Czaja, der Justizenator, verweisen deshalb nun auf Kolat. "Wir sind in diese Gespräche nicht einbezogen, weil Frau Kolat diese Verhandlungen führt", sagte er dem rbb. "Wir hatten zum Oranienplatz ja eine andere politische Auffassung - und deswegen erwarten wir natürlich auch, dass bis Ende des Monats eine Lösung da ist."
Kolat selbst äußert sich derweil nicht öffentlich zum Stand der Gespräche. Am Mittwoch lehnte sie Anfragen von Journalisten ab. Sie pocht auf Vertraulichkeit der Gespräche. Ihr Sprecher sagte, dass die Gespräche liefen und in dieser Woche noch ein Treffen mit den Flüchtlingen stattfinde.
Den Bau der Bretterbuden wollte er nicht kommentieren. Zur Frage, warum Herrmann die Senatorin Kolat nicht am Telefon erreiche, sagte der Sprecher: "Es gibt momentan keinen Gesprächsbedarf von uns mit Frau Herrmann."
Innen-Staatssekretär Bernd Krömer (CDU) kritisierte die Untätigkeit des Bezirks. "Frau Herrmann hat ein breites Spektrum, wenn es darum geht, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen", sagte Krömer der dpa. Es sei eindeutig geregelt, dass der Bezirk für Baugenehmigungen zuständig sei. Zelte wie Hütten seien illegal errichtet. Das habe nichts mit den Gesprächen Kolats zu tun.
Die Piraten warfen der CDU vor, eine humanitäre Lösung zu verhindern. Seit Tagen seien die Flüchtlinge auf dem Platz ohne Toiletten, fließend Wasser und bald auch ohne Strom, kritisierte ihr flüchtlingspolitischer Sprecher Fabio Reinhardt. "Durch die Kampfrhetorik der CDU und Henkels Ultimaten wird die Lage nur weiter eskaliert."
Mit Informationen von Katalin Ambrus
Die Akteure am Oranienplatz
Der Bezirk
Was will der Bezirk?
Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) steckt in einem Dilemma. Einerseits sympathisiert die über die Frauenbewegung in die Politik gekommene Politikerin mit den Zielen des Protestcamps. Sie ist die schützende Hand des Protestcamps – sprach von einem "politischen Mahnmal". Sie hat dem Senat die Stirn geboten, als er beispielsweise das Camp Ende Juli wegen einer angeblichen Vergewaltigung räumen lassen wollte. Andererseits, so schreibt sie selbst auf Facebook, sind ihre Möglichkeiten inzwischen erschöpft.
Herrmann hat den Kompromiss ausgehandelt: Gibt es eine Unterkunft, wird das Zeltlager geräumt, der Infostand aber kann bleiben.
Was kann der Bezirk?
Der Bezirk könnte die Duldung für das Protestcamp und die Schlafplätze in den Zelten verlängern oder beides aufheben und den Oranienplatz räumen lassen. In der Praxis versuchte Monika Herrmann den Kompromiss: Protestcamp ja, weitere Übernachtungserlaubnis nein. Diesen Kompromiss ließen die Flüchtlinge platzen. In ihrer Not bat das Bezirksamt die Polizei um Amtshilfe, um die Zelte abzubauen. Dieser Versuch scheiterte - und brachte Herrmann Kritik von allen Seiten. Die Unterstützer der Flüchtlinge beschimpfen sie, den Flüchtlingen in den Rücken zu fallen; der Senat fordert sie auf, durchzugreifen und das Camp zu räumen. Das will Herrmann weiterhin vermeiden, da sie Proteste und Ausschreitungen fürchtet. Sie kündigte an, stattdessen weiter das Gespräch mit den Flüchtlingen zu suchen. Was sie damit erreichen kann, ist allerdings zweifelhaft.
Seit Dienstag und der Ankündigung Henkels, das Camp am 16. Dezember notfalls selbst räumen zu lassen, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Der Innensenator drohte mit "bezirksaufsichtsrechtlichen Maßnahmen" und "persönlichen Konsequenzen". Doch Herrmann wird das Camp wohl weiterhin nicht räumen lassen.
Der Senat
Was will der Senat?
Eine Lösung. Henkel - er ist ja nur ein Teil des Senats - will wieder Ordnung auf dem Oranienplatz. Einen Lösungsvorschlag, der über die Räumung des Camps hinausgeht, haben Senatspolitiker bislang aber nicht gemacht. So will der Senat den Flüchtlingen bislang nicht entgegen kommen und sich auf Bundesebene für ihre Forderungen einsetzen. Dabei dürfte Innensenator Frank Henkel (CDU) einen kurzen Draht zu Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben.
Was aber gesagt werden muss: Das Land Berlin geht humaner vor als Hamburg und München. In München wurde das Camp von Lampedusa-Flüchtlingen von der Polizei geräumt. In Hamburg fordert der Senat, dass die Flüchtlinge ihre Identität preisgeben. Henkel sagte dagegen humanitäre Hilfe zu, auch wenn der Senat rechtlich nicht zuständig ist, sondern das Bundesamt für Asylfragen.
Was kann der Senat?
Der Senat verweist darauf, dass es Aufgabe des Bezirks ist, den Platz zu räumen - schließlich habe er die Duldung zurückgezogen, dass die Flüchtlinge auf dem Platz auch schlafen dürfen. Kommt der Bezirk dem nicht nach, und besteht eine konkrete Gefahr für die Sicherheit und Ordnung, dann könnte die Polizei eingreifen (§ 4 Abs. 1 S. 1 ASOG). Das machte Henkel mittlerweile auch klar: In der rbb-Abendschau drohte er "bezirksaufsichtsrechtliche" und "persönliche" Maßnahmen an, sollte der Bezirk seiner Forderung nicht nachkommen. Eine entsprechende juristische Prüfung sei bereits im Oktober erfolgt - mit dem Ergebnis, dass sich der Senat einschalten könne. Ein Ultimatum also bis zum 16. Dezember. Doch von seiner Drohung hat Henkel mittlerweile Abstand genommen und spricht mittlerweile von einer freundlichen Erinnerung an Herrmann.
Der Senat und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) könnten natürlich auch selbst Unterkünfte zur Verfügung stellen. Doch wer soll das bezahlen, wenn das Land eigentlich nicht zuständig ist? Sozialsenator Czaja und Innenstaatssekretär Krömer halten den Druck in der Öffentlichkeit aufrecht und fordern eine Lösung von Herrmann. Aber: Der Senat ist in dringenden Angelegenheiten bisher immer eingesprungen, wenn es ernst wurde; zuletzt hatte auch Czaja die Unterkunft im Wedding besorgt - und mit Senatsgeldern bezahlt.
Die Flüchtlinge
Was wollen die Flüchtlinge?
Die Gründer des Flüchtlingscamps am Oranienplatz wenden sich mit ihrem Protest hauptsächlich an die Bundespolitik - und nicht an die Landesebene. Sie fordern einen Abschiebestopp und die Erlaubnis, künftig auch während des laufenden Asylverfahrens arbeiten zu dürfen. Zudem soll die Residenzpflicht abgeschafft werden, die den Flüchtlingen vorschreibt, sich nur in einer bestimmten Region aufzuhalten - die gilt nur noch in Bayern und Sachsen. In allen anderen Bundesländern, so auch in Berlin und Brandenburg, ist sie schon abgeschafft worden. Nun sind allerdings auch viele "neue" Flüchtlinge am Oranienplatz eingetroffen. Sie haben ihre Ziele noch nicht klar zum Ausdruck gebracht.
Was können die Flüchtlinge?
Sie können sich weiterhin weigern, die Schlafzelte am Oranienplatz freiwillig zu räumen. Damit provozieren sie eine Räumung und möglicherweise gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Unterstützern. Bezirksbürgermeisterin Herrmann dürfte diese Haltung enttäuschen, schließlich verweist sie darauf, dass sie mit den Flüchtlingen einen Kompromiss ausgehandelt habe: Das Camp könne für den legitimen politischen Protest bestehen bleiben. Sobald aber die Flüchtlinge anderweitig untergebracht sind, werden die Schlafzelte abgebaut. Nachdem nun Flüchtlinge in einem Wohnheim der Caritas und im Asylbewerberheim Marienfelde untergekommen sind, bestreiten die auf dem Oranienplatz verbliebenen Flüchtlinge jedoch, diesem Kompromiss zugestimmt zu haben.
Unterstützer
Was wollen die Unterstützer?
Sie wollen weiter gegen die Asylpolitik demonstrieren und den Oranienplatz als politisches Mahnmal erhalten. Der Platz in Kreuzberg (Twitter: #oplatz) hat mittlerweile auch international Bedeutung erlangt – und das soll auch so bleiben. Und zwar nicht nur der Infostand (den auch Herrmann begrüßt), sondern das gesamte Zeltlager.
Was können die Unterstützer?
Das ist die große Frage in der Gemengelage. Antifa und Flüchtlings-Unerstützer sind besonders in Kreuzberg eine Macht. Ist "Gefahr in Verzug" – so wie am Sonntag – mobilisieren sie sich mit SMS-Ketten und Twitter blitzschnell. Auch damit dürften sie eine Räumung verhindert haben. Bisher haben die Gruppen die Bezirksbürgermeisterin für ihre Anti-Senats-Linie gefeiert, seit Sonntag üben sie Kritik an ihrer "gutsherrlichen Art". Nach der Drohung Henkels, das Camp am 16. Dezember räumen zu lassen, haben die Unterstützer nun einen neuen Feind: Henkel selbst. "Dazu können wir nur bemerken: Henkel, halts Maul. Der letzte Versuch endete für dich mit schweren Verlusten", verkündete das Antirassistische Inforportal Berlin-Brandenburg via Twitter.
Martina Mauer vom Flüchtlingsrat Berlin sieht das etwas diffenzierter: Zwar könne man nicht immer neue Flüchtlinge durch den Oranienplatz durchschleusen, aber das Camp müsse auf jeden Fall als Zeichen des Protests erhalten bleiben.
Ein Toilettenanhänger der Flüchtlinge ist am Samstag in Flammen aufgegangen, die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung. Der Flüchtlingsrat forderte eine lückenlose Aufklärung. Am Freitag wurde bekannt, dass der Runde Tisch zur Flüchtlingsproblematik wieder Anfang März tagen soll.
Seit Monaten wird in Berlin über die Situation von Flüchtlingen gestritten, doch die Fronten sind verhärtet. Die Caritas und das Diakonische Werk hatten daher am Donnerstag zu einem Runden Tisch eingeladen, und gleich bei der ersten Sitzung wurden konkrete Beschlüsse gefasst. Monika Herrmann, die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, hofft nun auf einen Dialog mit dem Berliner Senat.
In der Umzugsdiskussion um die Flüchtlinge vom Kreuzberger Oranienplatz meldet sich jetzt auch die Bundespolitik zu Wort: Der SPD-Innenpolitiker Rüdiger Veit empfiehlt den Betroffenen, das Angebot des Senats anzunehmen und in ein Hostel in Friedrichshain zu ziehen. Der Wille dazu ist offenbar ...