Hütten auf dem Oranienplatz brauchen keine Baugenehmigung -
Nicht genehmigungspflichtig, aber potenziell gefährlich
Eine neue Runde im Zank um das Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz - und um die Bretterbuden, die dort mittlerweile die Zelte ersetzen: Der Berliner Senat hat bekannt gegeben, dass die Hütten "verfahrensfrei" dort stehen könnten. Ein Brandschutz-Experte dagegen warnt vor der hohen "Brandlast". Und in der Frage nach der politischen Verantwortung ist weiter keine Klärung in Sicht.
Die neu gebauten Holzhütten im Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg brauchen nach Einschätzung des Senats keine Baugenehmigungen. "Bauten unter zehn Quadratmetern und eingeschossig sind verfahrensfrei", sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus.
Der Kreuzberger CDU-Abgeordnete Kurt Wansner wollte wissen, ob das zuständige Bauamt die Holzhütten baurechtlich geprüft habe. Müller sagte, für derartige Bauten müsste die Nutzung beim Bezirksamt gemeldet werden. "Ein dauerhaftes Wohnen wäre nicht möglich."
Zudem bergen die Bauten offenbar einige Risiken. Der Brandschutz-Sachverständige Helge-Lorenz Ubbelohde sagte der "Berliner Morgenpost": "Das Lager ist eine einzige Brandlast." Es gebe keine geeigneten Fluchtwege, zu kleine Abstände zwischen den Hütten, gefährliche offene Feuerstellen und unsichere Stromleitungen und Steckdosen.
Müller verweist auf Herrmann, Herrmann auf Kolat - und Kolat schweigt
In der Debatte um die politische Zuständigkeit für die Situation auf dem Oranienplatz schoben sich die Akteure derweil weiter gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Innensenator Frank Henkel (CDU) würde das Camp gerne räumen, darf das aber wegen des Drucks vom Koalitionspartner SPD nicht. Henkels Parteifreund Kurt Wansner sagte dem rbb am Donnerstag, die Bauaufsicht des Bezirks müsse den Platz räumen lassen. Wenn Herrmann dies nicht veranlasse, werde sie ihren Aufgaben in dem Bezirk nicht gerecht. Auch Bausenator Müller sagte, in allererster Linie sei das Bezirksamt zuständig. Daneben gebe es begleitende Gespräche des Senats.
Die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) verweist hingegen immer wieder auf die Gespräche der Arbeits- und Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) mit Flüchtlingsorganisationen, von denen sie sich ausgeschlossen fühlt. Auch sei Kolat nicht gewillt, mit ihr zu sprechen, obwohl sie immer wieder Versuche dazu unternommen habe.
Diese Woche sollte es noch ein Treffen von Kolats Verwaltung mit Flüchtlingen geben. Kolat selbst dagegen schweigt beharrlich zum Stand der Dinge bei den Verhandlungen.
Vor Wintereinbruch sind viele der Flüchtlinge vom Oranienplatz in Zwischenunterkünfte umgezogen.
Derweil drängt die Zeit: Ende März endet die Frist für die Winterunterkünfte, in denen viele der Flüchtlinge derzeit leben. Die Caritas, die vor dem Winter 80 Flüchtlinge vom Oranienplatz in einem ehemaligen Altenheim aufgenommen hatte, verlangte eine Lösung
für deren Zukunft. "Unsere Vereinbarung läuft am 31. März aus", sagte der Sprecher Thomas Gleißner. "Wir sind in Gesprächen mit der Sozialverwaltung." Die Politik müsse "eine Lösung außerhalb unseres Hauses finden".
Die Senatsverwaltung für Soziales wiederum erklärte, eine längerfristige Lösung für die Flüchtlinge gehöre in das Paket, über das Integrationssenatorin Kolat derzeit verhandele.
Die Akteure am Oranienplatz
Der Bezirk
Was will der Bezirk?
Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) steckt in einem Dilemma. Einerseits sympathisiert die über die Frauenbewegung in die Politik gekommene Politikerin mit den Zielen des Protestcamps. Sie ist die schützende Hand des Protestcamps – sprach von einem "politischen Mahnmal". Sie hat dem Senat die Stirn geboten, als er beispielsweise das Camp Ende Juli wegen einer angeblichen Vergewaltigung räumen lassen wollte. Andererseits, so schreibt sie selbst auf Facebook, sind ihre Möglichkeiten inzwischen erschöpft.
Herrmann hat den Kompromiss ausgehandelt: Gibt es eine Unterkunft, wird das Zeltlager geräumt, der Infostand aber kann bleiben.
Was kann der Bezirk?
Der Bezirk könnte die Duldung für das Protestcamp und die Schlafplätze in den Zelten verlängern oder beides aufheben und den Oranienplatz räumen lassen. In der Praxis versuchte Monika Herrmann den Kompromiss: Protestcamp ja, weitere Übernachtungserlaubnis nein. Diesen Kompromiss ließen die Flüchtlinge platzen. In ihrer Not bat das Bezirksamt die Polizei um Amtshilfe, um die Zelte abzubauen. Dieser Versuch scheiterte - und brachte Herrmann Kritik von allen Seiten. Die Unterstützer der Flüchtlinge beschimpfen sie, den Flüchtlingen in den Rücken zu fallen; der Senat fordert sie auf, durchzugreifen und das Camp zu räumen. Das will Herrmann weiterhin vermeiden, da sie Proteste und Ausschreitungen fürchtet. Sie kündigte an, stattdessen weiter das Gespräch mit den Flüchtlingen zu suchen. Was sie damit erreichen kann, ist allerdings zweifelhaft.
Seit Dienstag und der Ankündigung Henkels, das Camp am 16. Dezember notfalls selbst räumen zu lassen, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Der Innensenator drohte mit "bezirksaufsichtsrechtlichen Maßnahmen" und "persönlichen Konsequenzen". Doch Herrmann wird das Camp wohl weiterhin nicht räumen lassen.
Der Senat
Was will der Senat?
Eine Lösung. Henkel - er ist ja nur ein Teil des Senats - will wieder Ordnung auf dem Oranienplatz. Einen Lösungsvorschlag, der über die Räumung des Camps hinausgeht, haben Senatspolitiker bislang aber nicht gemacht. So will der Senat den Flüchtlingen bislang nicht entgegen kommen und sich auf Bundesebene für ihre Forderungen einsetzen. Dabei dürfte Innensenator Frank Henkel (CDU) einen kurzen Draht zu Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben.
Was aber gesagt werden muss: Das Land Berlin geht humaner vor als Hamburg und München. In München wurde das Camp von Lampedusa-Flüchtlingen von der Polizei geräumt. In Hamburg fordert der Senat, dass die Flüchtlinge ihre Identität preisgeben. Henkel sagte dagegen humanitäre Hilfe zu, auch wenn der Senat rechtlich nicht zuständig ist, sondern das Bundesamt für Asylfragen.
Was kann der Senat?
Der Senat verweist darauf, dass es Aufgabe des Bezirks ist, den Platz zu räumen - schließlich habe er die Duldung zurückgezogen, dass die Flüchtlinge auf dem Platz auch schlafen dürfen. Kommt der Bezirk dem nicht nach, und besteht eine konkrete Gefahr für die Sicherheit und Ordnung, dann könnte die Polizei eingreifen (§ 4 Abs. 1 S. 1 ASOG). Das machte Henkel mittlerweile auch klar: In der rbb-Abendschau drohte er "bezirksaufsichtsrechtliche" und "persönliche" Maßnahmen an, sollte der Bezirk seiner Forderung nicht nachkommen. Eine entsprechende juristische Prüfung sei bereits im Oktober erfolgt - mit dem Ergebnis, dass sich der Senat einschalten könne. Ein Ultimatum also bis zum 16. Dezember. Doch von seiner Drohung hat Henkel mittlerweile Abstand genommen und spricht mittlerweile von einer freundlichen Erinnerung an Herrmann.
Der Senat und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) könnten natürlich auch selbst Unterkünfte zur Verfügung stellen. Doch wer soll das bezahlen, wenn das Land eigentlich nicht zuständig ist? Sozialsenator Czaja und Innenstaatssekretär Krömer halten den Druck in der Öffentlichkeit aufrecht und fordern eine Lösung von Herrmann. Aber: Der Senat ist in dringenden Angelegenheiten bisher immer eingesprungen, wenn es ernst wurde; zuletzt hatte auch Czaja die Unterkunft im Wedding besorgt - und mit Senatsgeldern bezahlt.
Die Flüchtlinge
Was wollen die Flüchtlinge?
Die Gründer des Flüchtlingscamps am Oranienplatz wenden sich mit ihrem Protest hauptsächlich an die Bundespolitik - und nicht an die Landesebene. Sie fordern einen Abschiebestopp und die Erlaubnis, künftig auch während des laufenden Asylverfahrens arbeiten zu dürfen. Zudem soll die Residenzpflicht abgeschafft werden, die den Flüchtlingen vorschreibt, sich nur in einer bestimmten Region aufzuhalten - die gilt nur noch in Bayern und Sachsen. In allen anderen Bundesländern, so auch in Berlin und Brandenburg, ist sie schon abgeschafft worden. Nun sind allerdings auch viele "neue" Flüchtlinge am Oranienplatz eingetroffen. Sie haben ihre Ziele noch nicht klar zum Ausdruck gebracht.
Was können die Flüchtlinge?
Sie können sich weiterhin weigern, die Schlafzelte am Oranienplatz freiwillig zu räumen. Damit provozieren sie eine Räumung und möglicherweise gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Unterstützern. Bezirksbürgermeisterin Herrmann dürfte diese Haltung enttäuschen, schließlich verweist sie darauf, dass sie mit den Flüchtlingen einen Kompromiss ausgehandelt habe: Das Camp könne für den legitimen politischen Protest bestehen bleiben. Sobald aber die Flüchtlinge anderweitig untergebracht sind, werden die Schlafzelte abgebaut. Nachdem nun Flüchtlinge in einem Wohnheim der Caritas und im Asylbewerberheim Marienfelde untergekommen sind, bestreiten die auf dem Oranienplatz verbliebenen Flüchtlinge jedoch, diesem Kompromiss zugestimmt zu haben.
Unterstützer
Was wollen die Unterstützer?
Sie wollen weiter gegen die Asylpolitik demonstrieren und den Oranienplatz als politisches Mahnmal erhalten. Der Platz in Kreuzberg (Twitter: #oplatz) hat mittlerweile auch international Bedeutung erlangt – und das soll auch so bleiben. Und zwar nicht nur der Infostand (den auch Herrmann begrüßt), sondern das gesamte Zeltlager.
Was können die Unterstützer?
Das ist die große Frage in der Gemengelage. Antifa und Flüchtlings-Unerstützer sind besonders in Kreuzberg eine Macht. Ist "Gefahr in Verzug" – so wie am Sonntag – mobilisieren sie sich mit SMS-Ketten und Twitter blitzschnell. Auch damit dürften sie eine Räumung verhindert haben. Bisher haben die Gruppen die Bezirksbürgermeisterin für ihre Anti-Senats-Linie gefeiert, seit Sonntag üben sie Kritik an ihrer "gutsherrlichen Art". Nach der Drohung Henkels, das Camp am 16. Dezember räumen zu lassen, haben die Unterstützer nun einen neuen Feind: Henkel selbst. "Dazu können wir nur bemerken: Henkel, halts Maul. Der letzte Versuch endete für dich mit schweren Verlusten", verkündete das Antirassistische Inforportal Berlin-Brandenburg via Twitter.
Martina Mauer vom Flüchtlingsrat Berlin sieht das etwas diffenzierter: Zwar könne man nicht immer neue Flüchtlinge durch den Oranienplatz durchschleusen, aber das Camp müsse auf jeden Fall als Zeichen des Protests erhalten bleiben.
Eine Lösung für Hunderte illiegale Flüchtlinge ist weiterhin nicht in Sicht. In dem Camp auf dem Berliner Oranienplatz werden bereits Bretterbuden gezimmert. Derweil ist der Streit zwischen Innensenator Henkel und Bezirksbürgermeisterin Herrmann neu entflammt - nur Integrationssenatorin Kolat hält sich zurück. Sie ist für die Verhandlungen mit den Flüchtlingen zuständig.
In der Umzugsdiskussion um die Flüchtlinge vom Kreuzberger Oranienplatz meldet sich jetzt auch die Bundespolitik zu Wort: Der SPD-Innenpolitiker Rüdiger Veit empfiehlt den Betroffenen, das Angebot des Senats anzunehmen und in ein Hostel in Friedrichshain zu ziehen. Der Wille dazu ist offenbar ...