Streit um Hütten auf dem Oranienplatz -
"Wowereit könnte die ganze Sache jetzt mal zu sich holen"
Im Streit um das Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz sehen Senat und Bezirk weiter den jeweils anderen in der Pflicht. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Hans Panhoff, sagte am Freitagmorgen im rbb, eine Entscheidung des Regierenden Bürgermeisters stehe an. Bausenator Müller hatte zuvor festgestellt, das Bezirksamt müsse über die von den Flüchtlingen errichteten Bretterhütten entscheiden.
Im Streit um die Bretterhütten des Flüchtlingscamps am Oranienplatz ist weiter keine Lösung in Sicht. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Hans Panhof, sagte am Freitagmorgen dem rbb, der Bezirk werde nicht eingreifen, solange Senatorin Dilek Kolat noch Verhandlungen führe.
Panhoff forderte zugleich mehr Einsatz von Klaus Wowereit: "Letzten Endes könnte auch der Regierende Bürgermeister mit seiner Richtlinienkompetenz die ganze Sache jetzt mal zu sich auf den Tisch holen und sagen: 'Schluss mit diesen zersplitterten Kompetenzen, Schluss mit diesem Hin- und Hergeschiebe. Wir müssen das Problem lösen'."
Henkel nennt Hütten einen "Affront"
In der Debatte um die politische Zuständigkeit für die Situation auf dem Oranienplatz schieben sich die Akteure schon seit längerem gegenseitig den Schwarzen Peter zu: Innensenator Frank Henkel (CDU) würde das Camp gerne räumen, darf das aber wegen des Drucks vom Koalitionspartner SPD nicht. Am Dienstag forderte er die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, auf, bis Freitag Stellung zu nehmen, wie sie das Problem lösen will.
Im "Tagesspiegel" nannte Henkel am Freitag die Hütten einen "Affront" und "Tiefpunkt". Das Rechtsempfinden in der Stadt erodiere weiter, sollte der zuständige Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Holzhäuschen und verbliebene Zelte nicht endlich abbauen. "Die Situation auf dem Platz versteht keiner mehr."
Die Baukammer Berlin, die Standesvertretung von Bauingenieuren, sprach angesichts nicht eingehaltener Brandschutzbestimmungen im Flüchtlingscamp vom "Wegducken und Wegschauen" der zuständigen Bauaufsicht des Bezirks. Auch nach Einschätzung des Verwaltungsrechtsexperten Hans Paul Prümm sind die Hütten rechtswidrig.
Zwischen den Fronten: Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann
Bezirksbürgermeisterin sieht sich nicht am Zug
Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), hielt sich zuletzt allerdings nicht für zuständig und verwies auf Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD), die seit Wochen mit den Flüchtlingen über einen Abbau der Zelte verhandelt.
Kolat wiederum will Verlauf und Zwischenergebnisse dieser Verhandlungen geheimhalten. Berichte, nach denen es am Freitag eine weitere Gesprächsrunde geben sollte, bezeichnete ein Sprecher aber als falsch.
"Dauerhaftes Wohnen wäre nicht möglich"
In einer Debatte um das Baurecht machte der Senat am Donnerstag erneut klar, dass er das Bezirksamt für zuständig hält. Die Holzhütten auf dem Oranienplatz seien zulässig, sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) im Abgeordnetenhaus. Sie bräuchten keine Baugenehmigungen. "Bauten unter zehn Quadratmetern und eingeschossig sind verfahrensfrei." Allerdings müsse für solche Bauten die Nutzung beim Bezirksamt angezeigt werden, so Müller. "Ein dauerhaftes Wohnen wäre nicht möglich."
Der Kreuzberger CDU-Abgeordnete Kurt Wansner hatte angefragt, ob das zuständige Bauamt die Holzhütten baurechtlich geprüft habe. Am Donnerstag forderte er im rbb, die Bauaufsicht des Bezirks müsse den Platz räumen lassen. Wenn Herrmann dies nicht veranlasse, werde sie ihren Aufgaben in dem Bezirk nicht gerecht.
Auch Bausenator Müller sagte, in allererster Linie sei das Bezirksamt zuständig. Daneben gebe es begleitende Gespräche des Senats.
Unterbringung weiterer Flüchtlinge gefährdet
Derweil drängt die Zeit: Ende März endet die Frist für die Winterunterkünfte, in denen viele der Flüchtlinge derzeit leben. Die Caritas, die vor dem Winter 80 Flüchtlinge vom Oranienplatz in einem ehemaligen Altenheim aufgenommen hatte, verlangte eine Lösung für deren Zukunft. "Unsere Vereinbarung läuft am 31. März aus", sagte der Sprecher Thomas Gleißner. "Wir sind in Gesprächen mit der Sozialverwaltung." Die Politik müsse "eine Lösung außerhalb unseres Hauses finden".
Die Senatsverwaltung für Soziales wiederum erklärte, eine längerfristige Lösung für die Flüchtlinge gehöre in das Paket, über das Integrationssenatorin Kolat derzeit verhandele.
Die Akteure am Oranienplatz
Der Bezirk
Was will der Bezirk?
Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) steckt in einem Dilemma. Einerseits sympathisiert die über die Frauenbewegung in die Politik gekommene Politikerin mit den Zielen des Protestcamps. Sie ist die schützende Hand des Protestcamps – sprach von einem "politischen Mahnmal". Sie hat dem Senat die Stirn geboten, als er beispielsweise das Camp Ende Juli wegen einer angeblichen Vergewaltigung räumen lassen wollte. Andererseits, so schreibt sie selbst auf Facebook, sind ihre Möglichkeiten inzwischen erschöpft.
Herrmann hat den Kompromiss ausgehandelt: Gibt es eine Unterkunft, wird das Zeltlager geräumt, der Infostand aber kann bleiben.
Was kann der Bezirk?
Der Bezirk könnte die Duldung für das Protestcamp und die Schlafplätze in den Zelten verlängern oder beides aufheben und den Oranienplatz räumen lassen. In der Praxis versuchte Monika Herrmann den Kompromiss: Protestcamp ja, weitere Übernachtungserlaubnis nein. Diesen Kompromiss ließen die Flüchtlinge platzen. In ihrer Not bat das Bezirksamt die Polizei um Amtshilfe, um die Zelte abzubauen. Dieser Versuch scheiterte - und brachte Herrmann Kritik von allen Seiten. Die Unterstützer der Flüchtlinge beschimpfen sie, den Flüchtlingen in den Rücken zu fallen; der Senat fordert sie auf, durchzugreifen und das Camp zu räumen. Das will Herrmann weiterhin vermeiden, da sie Proteste und Ausschreitungen fürchtet. Sie kündigte an, stattdessen weiter das Gespräch mit den Flüchtlingen zu suchen. Was sie damit erreichen kann, ist allerdings zweifelhaft.
Seit Dienstag und der Ankündigung Henkels, das Camp am 16. Dezember notfalls selbst räumen zu lassen, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Der Innensenator drohte mit "bezirksaufsichtsrechtlichen Maßnahmen" und "persönlichen Konsequenzen". Doch Herrmann wird das Camp wohl weiterhin nicht räumen lassen.
Der Senat
Was will der Senat?
Eine Lösung. Henkel - er ist ja nur ein Teil des Senats - will wieder Ordnung auf dem Oranienplatz. Einen Lösungsvorschlag, der über die Räumung des Camps hinausgeht, haben Senatspolitiker bislang aber nicht gemacht. So will der Senat den Flüchtlingen bislang nicht entgegen kommen und sich auf Bundesebene für ihre Forderungen einsetzen. Dabei dürfte Innensenator Frank Henkel (CDU) einen kurzen Draht zu Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben.
Was aber gesagt werden muss: Das Land Berlin geht humaner vor als Hamburg und München. In München wurde das Camp von Lampedusa-Flüchtlingen von der Polizei geräumt. In Hamburg fordert der Senat, dass die Flüchtlinge ihre Identität preisgeben. Henkel sagte dagegen humanitäre Hilfe zu, auch wenn der Senat rechtlich nicht zuständig ist, sondern das Bundesamt für Asylfragen.
Was kann der Senat?
Der Senat verweist darauf, dass es Aufgabe des Bezirks ist, den Platz zu räumen - schließlich habe er die Duldung zurückgezogen, dass die Flüchtlinge auf dem Platz auch schlafen dürfen. Kommt der Bezirk dem nicht nach, und besteht eine konkrete Gefahr für die Sicherheit und Ordnung, dann könnte die Polizei eingreifen (§ 4 Abs. 1 S. 1 ASOG). Das machte Henkel mittlerweile auch klar: In der rbb-Abendschau drohte er "bezirksaufsichtsrechtliche" und "persönliche" Maßnahmen an, sollte der Bezirk seiner Forderung nicht nachkommen. Eine entsprechende juristische Prüfung sei bereits im Oktober erfolgt - mit dem Ergebnis, dass sich der Senat einschalten könne. Ein Ultimatum also bis zum 16. Dezember. Doch von seiner Drohung hat Henkel mittlerweile Abstand genommen und spricht mittlerweile von einer freundlichen Erinnerung an Herrmann.
Der Senat und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) könnten natürlich auch selbst Unterkünfte zur Verfügung stellen. Doch wer soll das bezahlen, wenn das Land eigentlich nicht zuständig ist? Sozialsenator Czaja und Innenstaatssekretär Krömer halten den Druck in der Öffentlichkeit aufrecht und fordern eine Lösung von Herrmann. Aber: Der Senat ist in dringenden Angelegenheiten bisher immer eingesprungen, wenn es ernst wurde; zuletzt hatte auch Czaja die Unterkunft im Wedding besorgt - und mit Senatsgeldern bezahlt.
Die Flüchtlinge
Was wollen die Flüchtlinge?
Die Gründer des Flüchtlingscamps am Oranienplatz wenden sich mit ihrem Protest hauptsächlich an die Bundespolitik - und nicht an die Landesebene. Sie fordern einen Abschiebestopp und die Erlaubnis, künftig auch während des laufenden Asylverfahrens arbeiten zu dürfen. Zudem soll die Residenzpflicht abgeschafft werden, die den Flüchtlingen vorschreibt, sich nur in einer bestimmten Region aufzuhalten - die gilt nur noch in Bayern und Sachsen. In allen anderen Bundesländern, so auch in Berlin und Brandenburg, ist sie schon abgeschafft worden. Nun sind allerdings auch viele "neue" Flüchtlinge am Oranienplatz eingetroffen. Sie haben ihre Ziele noch nicht klar zum Ausdruck gebracht.
Was können die Flüchtlinge?
Sie können sich weiterhin weigern, die Schlafzelte am Oranienplatz freiwillig zu räumen. Damit provozieren sie eine Räumung und möglicherweise gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Unterstützern. Bezirksbürgermeisterin Herrmann dürfte diese Haltung enttäuschen, schließlich verweist sie darauf, dass sie mit den Flüchtlingen einen Kompromiss ausgehandelt habe: Das Camp könne für den legitimen politischen Protest bestehen bleiben. Sobald aber die Flüchtlinge anderweitig untergebracht sind, werden die Schlafzelte abgebaut. Nachdem nun Flüchtlinge in einem Wohnheim der Caritas und im Asylbewerberheim Marienfelde untergekommen sind, bestreiten die auf dem Oranienplatz verbliebenen Flüchtlinge jedoch, diesem Kompromiss zugestimmt zu haben.
Unterstützer
Was wollen die Unterstützer?
Sie wollen weiter gegen die Asylpolitik demonstrieren und den Oranienplatz als politisches Mahnmal erhalten. Der Platz in Kreuzberg (Twitter: #oplatz) hat mittlerweile auch international Bedeutung erlangt – und das soll auch so bleiben. Und zwar nicht nur der Infostand (den auch Herrmann begrüßt), sondern das gesamte Zeltlager.
Was können die Unterstützer?
Das ist die große Frage in der Gemengelage. Antifa und Flüchtlings-Unerstützer sind besonders in Kreuzberg eine Macht. Ist "Gefahr in Verzug" – so wie am Sonntag – mobilisieren sie sich mit SMS-Ketten und Twitter blitzschnell. Auch damit dürften sie eine Räumung verhindert haben. Bisher haben die Gruppen die Bezirksbürgermeisterin für ihre Anti-Senats-Linie gefeiert, seit Sonntag üben sie Kritik an ihrer "gutsherrlichen Art". Nach der Drohung Henkels, das Camp am 16. Dezember räumen zu lassen, haben die Unterstützer nun einen neuen Feind: Henkel selbst. "Dazu können wir nur bemerken: Henkel, halts Maul. Der letzte Versuch endete für dich mit schweren Verlusten", verkündete das Antirassistische Inforportal Berlin-Brandenburg via Twitter.
Martina Mauer vom Flüchtlingsrat Berlin sieht das etwas diffenzierter: Zwar könne man nicht immer neue Flüchtlinge durch den Oranienplatz durchschleusen, aber das Camp müsse auf jeden Fall als Zeichen des Protests erhalten bleiben.
Eine Lösung für Hunderte illiegale Flüchtlinge ist weiterhin nicht in Sicht. In dem Camp auf dem Berliner Oranienplatz werden bereits Bretterbuden gezimmert. Derweil ist der Streit zwischen Innensenator Henkel und Bezirksbürgermeisterin Herrmann neu entflammt - nur Integrationssenatorin Kolat hält sich zurück. Sie ist für die Verhandlungen mit den Flüchtlingen zuständig.
In der Umzugsdiskussion um die Flüchtlinge vom Kreuzberger Oranienplatz meldet sich jetzt auch die Bundespolitik zu Wort: Der SPD-Innenpolitiker Rüdiger Veit empfiehlt den Betroffenen, das Angebot des Senats anzunehmen und in ein Hostel in Friedrichshain zu ziehen. Der Wille dazu ist offenbar ...