Politikforscher Dierk Borstel (Foto: dpa Bildfunk)

Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel - "Die Ängste nicht ernst genommen"

Der Berliner Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel setzt sich seit Jahren mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auseinander. Im Vorfeld der Eröffnung des Flüchtlingsheims in Hellersdorf sind viele Fehler gemacht worden, sagt er im rbb-Interview. Doch das Versagen der Politiker ist nicht die einzige Ursache für die Proteste.

Herr Borstel, von vielen Menschen in Hellersdorf ist zu hören, dass sie Angst vor den Flüchtlingen hätten, die dort nun untergebracht werden. Wovor haben sie eigentlich Angst?

Die Leute haben Angst vor den Fremden – und vor dem Fremden. Davor, dass sie nach und nach ihr Zuhause verlieren, indem sich das ihnen Vertraute auflöst. Und diese Angst muss man ernst nehmen und entkräften. Das hat die Politik in Berlin versäumt. Die Situation, die wir jetzt erleben, in der Populisten die fremdenfeindliche Stimmung missbrauchen und anheizen, hätte man vermeiden können.

Damit geben sie der Politik die Schuld an der Eskalation um das dortige Asylbewerberheim?

Zumindest sind im Vorfeld Fehler gemacht worden. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und die rechtsextreme NPD sowie Pro Deutschland schlagen daraus Profit. Es geht jetzt nur noch um Schadensbegrenzung. Dabei hätte man die Anwohner unbedingt frühzeitig über die Ansieldung der Flüchtlinge informieren können, etwa über eine Bürgerversammlung, die vor vielen Monaten schon hätte stattfinden müssen. Auch auf die Gefahr hin, dass es dort Widerstand und Stimmung gegen die Flüchtlinge gegeben hätte. Aber diese Einwände hätte man rechtzeitig auffangen - und die Debatte versachlichen können. Andere Kommunen waren mit dieser Strategie sehr erfolgreich. In Hellersdorf habe ich sie aber vermisst. Auch ist es nach wie vor ein Fehler, die Flüchtlinge nicht dezentral unterzubringen, also in einzelne Wohnungen, sondern sie in Asylbewerberheimen einzupferchen. Das verstärkt die sozialen Probleme nur. Am Ende der aktuellen Debatte bleibt die Flüchtlingsfrage aber wohl gänzlich unbeantwortet. Deshalb sind die nächsten Proteste vorprogrammiert. Und wenn man die Menschen jetzt nicht wie geplant in Hellersdorf unterbringt, sondern woanders, ist das ein Sieg für die NPD. Damit hat sich die Politik unnötig in eine Situation gebracht, in der sie nur verlieren kann. Bleiben die Flüchtlinge in Hellersdorf, hält der Protest an; siedelt man sie woanders an, auch um sie zu schützen, dann ist es eine Niederlage für die Demokraten.

Trifft denn die Fremdenfeindlichkeit bei den Menschen in Hellersdorf auf besonders fruchtbaren Boden?

Hellersdorf hat weniger Erfahrung mit Vielfalt, also auch mit fremden Menschen, als andere Berliner Stadtteile. Das spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Die Bevölkerung dort ist verhältnismäßig homogen – und viele Menschen sind ähnlich aufgewachsen, mit fehlender Alltagsvielfalt. Das bezieht sich im Übrigen nicht nur auf Flüchtlinge, sondern auch auf Homosexuelle oder Obdachlose.

Angst ist also die Ursache für Fremdenfeindlichkeit?

Sie ist eine der Ursachen. Es geht aber auch um Erfahrungen, um die jeweils sehr persönliche Sozialisation der Menschen. Aber Fremdenfeindlichkeit kommt immer aus den Menschen heraus, das erfahren wir als Wissenschaftler in Interviews zu allen Studien. Deshalb müssen wir die Menschen ernst nehmen, auch ihre Ängste, weil wir ihnen nur dann sinnvoll begegnen können.

Schüren wir Journalisten denn mit unserer Berichterstattung die Angst noch weiter?

Nein! Die Berichterstattung über das Thema ist wichtig, weil sie – wenn sie angemessen erfolgt, und das ist bislang im Großen und Ganzen der Fall – zu einer Versachlichung der Diskussion beiträgt. Aber am Ende bleibt die Flüchtlingsfrage auch in den Medien ungeklärt, wenn die Berichterstattung nur auf den momentanen Protest von Anwohnern und Populisten reagiert.

Das Interview führte Olaf Sundermeyer, rbb Reporterpool