Katrin Dölz vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Quelle: Dieter Freiberg)

Interview zur Asylvergabe in Deutschland - Wer darf bleiben, wer nicht?

Erst waren es die Hungerstreikenden vor dem Brandenburger Tor, dann harrten am Kreuzberger Oranienplatz verzweifelte Lampedusa-Flüchtlinge aus - bis heute machen sie dort auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam. Katrin Dölz ist Asyl-Entscheiderin beim Bundesamt für Migration für Flüchtlinge: Sie bestimmt, wer einen Aufenthaltstitel bekommt. Im rbb-Gespräch erzählt Katrin Dölz, wie sie prüft, wer ihr die Wahrheit sagt.

Frau Dölz, wenn Flüchtlinge in Berlin ankommen, dann ist ihre erste Anlaufstelle das Landesamt für Gesundheit und Soziales in der Turmstraße. Dort werden sie dann einer Notunterkunft zugeteilt und dann kommen sie recht bald zu Ihnen. Sie entscheiden letztendlich, wer Asyl bekommt und wer nicht. Klingt nicht nach einem Traumjob - wie ist das für Sie?

Katrin Dölz: Ich mache den Beruf eigentlich gerne, inzwischen seit 23 Jahren. Ich wurde als Beamtin dorthin versetzt und wollte den Job anfangs so schnell wie möglich loswerden - aber ich habe ihn schätzen gelernt. Es ist reizvoll, dass man mit Menschen zu tun hat, also auch persönliche Schicksale erfährt. Und man kann sich darüber auf dem Laufenden halten, was in der Welt passiert. Das hat man in den meisten Berufen ja nicht. Gerade normale Beamtentätigkeiten sind da auch ein bisschen langweiliger. Ich kann auch relativ unabhängig arbeiten. Ich muss zwar meine Bescheide vorlegen, aber wie ich die Anhörungen gestalte, obliegt mir alleine. Das ist schon interessant.

Das Erste, was Sie ja mit einem Flüchtling machen, ist diese sogenannte "Anhörung". Wie läuft das genau ab?

Bei der Anhörung ist neben dem Flüchtling auch ein Dolmetscher, der dessen Heimatsprache spricht. Dann arbeite ich einen vorgeschriebenen Fragebogen ab, mit Fragen nach den Papieren oder Verwandten des Flüchtlings, Schulbildung, Berufsausbildung. Dann geht es um seinen Reiseweg. Wie ist er nach Deutschland gekommen? Wer hat ihm geholfen? Vielleicht lassen sich dadurch Verbindungen zu Schleusern aufklären. Und danach geht es um die Asylgründe des Flüchtlings. 

Wie detailliert erzählen Ihnen die Menschen über ihre Schicksale? Und wie genau fragen Sie da nach?

Nach den Asylgründen frage ich sehr detailliert nach. Da müssen die Leute ja auch überzeugen. Sie müssen zwar nicht beweisen, was sie erlebt haben, aber sie müssen ihr Schicksal glaubhaft machen. Und dabei kommt es unter Umständen schon darauf an, wie wie detailreich einer das erzählt. Ich frage auch Einzelheiten nach, die er wissen müsste. Ich muss davon überzeugt sein, dass das stimmt, was er gesagt hat.

Wie merken Sie, ob Ihnen ein Flüchtling die Wahrheit sagt oder nicht?

Wir haben Schulungen dazu, wie man erkennt, ob ein glaubhafter Vortrag vorliegt oder nicht. Nach den 23 Jahren in meinem Beruf merke ich auch, ob das nun stimmt oder nicht. Manche Flüchtlinge sind unsicher und dann merkt man, das ist irgendwie eine vorgefertigte Geschichte. Wir bekommen auch Erkenntnisse darüber, dass von Schleusern vollständige Flüchtlingsgeschichten verkauft werden: Was die Menschen auf welche Frage beim Bundesamt antworten sollen. Man merkt, wenn diese Antworten stereotyp abgespult werden, wenn man dann kleine, nebensächliche Fragen stellt, dann wissen die Flüchtlinge meistens nicht weiter. Das steht eben nicht im Protokoll.

Asylvergabe

Inforadio | Vis à vis | 27.11.13 - Das Interview mit Katrin Dölz in voller Länge, die Fragen stellt Oliver Soos.

Wie lange haben Sie Zeit für einen einzelnen Flüchtling?

Da gibt es keine Zeitvorgaben. Es kommt auch auf das Land an. Flüchtlinge aus manchen Ländern wie beispielsweise Vietnam sagen: „Wir kommen aus wirtschaftlichen Gründen. Wir wollen hier ein besseres Leben suchen." Dann geht die Anhörung schnell, vielleicht in einer Stunde. Ich hatte aber auch schon einen Flüchtling, den ich an drei Tagen angehört habe.

Woher kam dieser Flüchtling?

Aus der Ukraine. Er hat zunächst sehr wirr erzählt, weil er viel erlebt hatte. Vieles war vielleicht gar nicht wichtig für das Asylverfahren - aber ich wollte ihn nicht bremsen. Wir sind in der Regel die einzige Stelle, wo diese Menschen alles erzählen können. Woanders wird immer gesagt: "Nee, ich will nur das und das wissen."

Aus welchen Ländern hören Sie im Moment die schlimmsten Geschichten?

Aus Tschetschenien erzählen die Flüchtlinge sehr viele schlimme Geschichten. Und natürlich aus Syrien, aus dem Bürgerkrieg. Das ist teilweise dramatisch, vor allem, wenn Kinder darunter leiden - oder wenn Eltern verzweifelt sind, weil dort noch Verwandte leben. 

Flüchtlingscamp Lampedusa Village am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg (Quelle: imago)
Im Camp am Kreuzberger Oranienplatz protestieren Flüchtlinge aus Lampedusa gegen ihre Lebensbedingungen.

Nehmen Sie diese Geschichten der Flüchtlinge auch mit nach Hause? Beschäftigt Sie das nach der Arbeit?

In ganz wenigen Fällen, muss ich sagen. Ich stelle mir die Schicksale von Flüchtlingen oft wie einen Film oder wie ein Buch vor. Vor kurzem habe ich erfahren, dass das auch in der Traumatherapie angewendet wird: Man soll sich die traumatischen Ereignisse wie einen Film ansehen. Aber es gibt natürlich Einzelfälle: Wenn in den Geschichten Kinder geschlagen oder ermordet werden. Oder wenn Frauen ganz genau erklären, wie sie vergewaltigt wurden. Ich habe den Eindruck, manche wollen das loswerden, um irgendwie damit abzuschließen. 

Die Entscheidung darüber, ob ein Flüchtling Asyl bekommt oder nicht, wiegt sehr schwer. Wie gehen Sie bei dieser Entscheidung letztlich vor?

Für meine Entscheidung müssen bestimmte gesetzliche Voraussetzungen erfüllt sein, beispielsweise, dass ein Flüchtling politisch verfolgt wird. Ich entscheide außerdem nicht nur über Asyl, sondern auch über Abschiebungsverbote oder subsidiären Schutz, das betrifft Flüchtlinge, die krank sind. Dann muss ich überprüfen, ob die Krankheit im Herkunftsland behandelbar ist oder ob aus der Krankheit eine schwerwiegende Gefährdung für Leib und Leben besteht.

Entscheiden Sie eher streng oder eher milde? Haben Sie überhaupt einen Ermessensspielraum?

Wir haben diesen Spielraum insofern nicht, als dass wir im Gegensatz zu früher heute weisungsgebunden sind. Wir müssen unsere Bescheide vorlegen. Wenn es aber um die Glaubwürdigkeit geht, kann es schon zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen. Und ich bin da wohl nicht allzu streng. Ich habe Mitgefühl für die Leute, die vor mir sitzen. Wenn da eine Frau mit ihren vier Kindern geflüchtet ist und weint, kann ich dann nicht sagen: "Das ist alles gelogen".

Sie müssen ziemlich gut über einzelne Länder und die Konflikte in ihnen Bescheid wissen. Waren Sie schon mal im Kongo, in Syrien, im Irak?

Nein, aber wir haben eine umfangreiche Datenbank, in der wir uns informieren können. Da werden Auskünfte vom Auswärtigen Amt, die Berichte von Amnesty International, der Deutschen Welle oder dem Deutschen Orient-Institut eingestellt. Wir bekommen auch Schulungen über die Herkunftsländer von Flüchtlingen, in denen auch mal Auswärtige berichten, die dort leben oder arbeiten. So kriegt man einen Einblick, den man über die Zeitung allein nicht gewinnen würde. 

Nach der Anhörung der Flüchtlinge vergehen ja oft Monate, manchmal sogar Jahre, bis zu einem Asylentscheid. Warum dauert es oft so lange?

Falls jemand Klage gegen seinen Bescheid erhebt, dauert es unter Umständen länger, weil die Gerichte überlastet sind. Auch wenn Ermittlungen zum Sachverhalt nötig sind, kann das Verfahren länger dauern. Wenn man Zweifel an einer Darstellung hat, muss man Anfragen ans Auswärtige Amt stellen. Vieles kann man nachprüfen, etwa ob ein Haus abgefackelt wurde oder sich ein bestimmter Nachbar für den Flüchtling eingesetzt hat.

Bei den vielen Flüchtlingen, die gerade aus Syrien kommen, kommen solche Anfragen öfter vor. Viele geben sich als Syrer aus, sprechen aber lediglich die Sprachen von dort. Ich muss dann in manchen Fällen noch eine Sprachaufzeichnung machen - dann kommt oft heraus, dass diese Flüchtlinge aus den GUS-Staaten kommen, aber kurdisch sprechen. Diese Flüchtlinge leben dort vielleicht als Staatenlose und sagen sich "Das ist die beste Möglichkeit. Dann sage ich lieber, ich bin aus Syrien." Das zu prüfen, kann dann schon mal ein halbes Jahr dauern. Der Gutachter für Kurdisch ist gut belegt.

In den Augen vieler Flüchtlingsaktivisten sind Sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge womöglich eine Art Feindbild: Die kalte Beamtin, die dafür sorgt, dass Asylbewerber abgeschoben werden.

Zunächst mal sind wir nicht dafür verantwortlich, dass Asylbewerber abgeschoben werden. In den allermeisten Fällen bleiben sie ja trotzdem in Deutschland. Wenn ich aber eine Abschiebungsandrohung erlasse, dann muss ich mir auch sicher sein, dass die Leute in dem jeweiligen Land auch leben können. Wenn tatsächlich Gefahren für Leib und Leben bestehen oder politische Verfolgung droht - dann erlasse ich auch keine Abschiebungsandrohung.

Beitrag von Oliver Soos, Inforadio

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