Besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg (Quelle: rbb/O.Soos)

Flüchtlinge in Kreuzberg - Anarchie in besetzter Schule?

Das "grüne" Kreuzberg gilt als besonders toleranter Ort in Berlin und ist deshalb zum Anziehungspunkt für jene geworden, die woanders keinen Platz finden: Flüchtlinge, Roma-Familien, Obdachlose. Ein Zufluchtsort sorgt wegen Gewalt und schlechter hygienischer Bedingungen immer wieder für Negativ-Schlagzeilen: Die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule. Der Bezirk lässt sie dennoch nicht räumen. Von Oliver Soos

Die Schule wirkt auf den ersten Blick aufgeräumter, als ich erwartet hatte. Nur die Türen sind vollgesprayt, die Gänge voller Schneematsch und Rollsplitt. An den Wänden stehen Fahrräder, auf den Fensterbänken Plastikkörbe mit gespendetem Brot.

Immer wieder gehen die Türen der ehemaligen Klassenzimmer auf. Junge Afrikaner kommen heraus und laufen achtlos an mir vorbei. Sie sprechen französisch, arabisch oder Sprachen, die ich nicht zuordnen kann. Ein reges Kommen und Gehen, das es schwer für mich macht, einen Überblick zu bekommen, einen Gemeinschaftsraum scheint es nicht zu geben.

Ich frage einen jungen Mann, ob hier jemand Englisch spricht. Er zeigt auf die Tür des ehemaligen Lehrerzimmers. Hier treffe ich die Sudanesen. Vier Männer, alle um die 30, bitten mich freundlich herein und bieten mir eine Couch an. Die Männer sitzen um einen Tisch und chillen. Aus einer Anlage ertönt afrikanische Reggae-Musik, es gibt Tee, ein Joint wird herumgereicht.

Abgeworfener Müll vor der Drogenberatungsstelle "Fixpunkt" in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin Kreuzberg - Foto: rbb Inforadio/Oliver Soos
Aus dem Fenster geworfener Müll zeugt von Zuständen in der Schule

An den Wänden liegen vier Matratzen, in der Mitte des Raumes ist ein Schlagzeug aufgebaut. Hier probt die Flüchtlings-Reggaeband, die ab und zu bei Demonstrationen auftritt. Die Sudanesen haben alle eine Geschichte zu erzählen. Edris sagt, dass er ziemlich frustriert ist.

Hätte er zuvor gewusst, wie das deutsche System funktioniert, so wäre er nicht gekommen. "Ich bin von Griechenland nach Deutschland gelaufen, durch Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich, alles zu Fuß. Ich war sechs Monate in Braunschweig im Lager, dann bin ich abgehauen. Mein Asylantrag wurde abgelehnt. Keine Ahnung, was der nächste Schritt ist, keine Ahnung was sie mit mir machen." 

"Was machst du hier in Berlin?"

Naser erzählt, dass er überall Angst hat. Nur in Kreuzberg fühlt er sich sicher, weil er hier als Flüchtling nicht auffällt: "Wenn wir irgendwo hingehen, kontrolliert uns die Polizei. Vor allem am Hauptbahnhof gibt es Probleme. Ein Freund von mir hat eine Strafe bekommen: 400 Euro oder Gefängnis. Wir mussten Geld für ihn sammeln. Die Polizei sagt dir: 'Was machst du hier in Berlin, du musst in deinem Flüchtlingsheim sein'."

Eine junge Frau mit Rastalocken kommt zur Tür herein und begrüßt die Männer mit Küsschen. Julia ist 19 Jahre alt, eine Schülerin aus Berlin-Marzahn. Ihr Vater kommt aus Ghana, ihre Mutter ist Deutsche. Julia geht regelmäßig zu Flüchtlingsdemos und singt in der Flüchtlings-Reggaeband.

Auf Besuch in der besetzten Schule erlebt sie eine "Familie", sagt Julia. Was die Medien berichten, könne sie nicht immer nachvollziehen: "Dass man vor allem alleine als Frau nicht hier hereingehen kann, ist mir noch nie aufgefallen. Ich verstehe auch nicht, wie man sich in der Presse darüber aufregt, dass es im Haus zum Beispiel nach Urin riecht, wenn es niemanden gibt, der die Toiletten repariert. Man kann sich über etwas aufregen, oder man kann versuchen, zu helfen.“

"Was soll ich hier putzen? Vielleicht kommt morgen die Polizei und nimmt mich mit, vielleicht jetzt sofort."

Ahmed (aus dem Sudan)

Julia sagt, dass sie noch nie eine Messerstecherei mitbekommen habe. Streits schon, doch nicht so schlimm, wie es von außen dargestellt werde. "Es gibt manchmal laute Auseinandersetzungen, in irgendeiner Sprache, die man nicht unbedingt versteht, wobei es einfach nur um eine Kleinigkeit geht. Ich denke, das ist ein ganz natürlicher menschlicher Prozess: Wenn man immer schlecht behandelt wird, immer nur frustriert ist, keine Papiere hat – klar kommt da auch irgendwann eine Aggression und die bricht irgendwann mal aus."

Einlasskontrolle und Toilettendienst

Die Kreuzberger Grünen-Politiker, Baustadtrat Hans Panhoff und die Flüchtlingsexpertin aus dem Abgeordnetenhaus, Canan Bayram, besuchen die Schule regelmäßig und versuchen zusammen mit den Bewohnern eine Struktur aufzubauen. Noch klappt das nicht, sagt Ahmed aus dem Sudan: "Wir organisieren jetzt eine Security, weil hier im Moment jeder völlig frei ein- und ausgehen kann. Hier hängen viele Leute herum, die gar nicht hier wohnen. Wir wollen außerdem Toilettendienste einführen. Bislang hat sich keiner um irgendetwas gekümmert, weil es den Leuten schlecht geht. Sie sagen: Was soll ich hier putzen? Vielleicht kommt morgen die Polizei und nimmt mich mit, vielleicht jetzt sofort."

Astrid Leicht reißt langsam der Geduldsfaden. Es muss endlich Ordnung ins Haus einkehren, sagt die Leiterin der Drogenberatungsstelle Fixpunkt. Ich treffe sie in ihrem Büro, im Erdgeschoss der Schule. An der Decke sieht man braune Flecken, Spuren eines Wasserschadens.

Matratzen und Feuerlöscher aus dem Fenster geworfen

Als Astrid Leicht die Räume vor rund anderthalb Jahren angemietet hatte, hieß es noch, die Schule werde zu einem Projektehaus umgebaut. Wenige Monate später besetzten Flüchtlingen die oberen Stockwerke, später kamen Roma-Familien und Obdachlose hinzu. Am Anfang gab es politische Aktivisten als Ansprechpartner, sagt sie, doch die hätten sich bald aus dem Staub gemacht und das Haus sich selbst überlassen. Seitdem herrsche das Chaos, so Astrid Leicht. "Das vordringlichste und plakativste Problem ist der Müllabwurf. Wir, als Fixpunkt, sind Müllexperten, wir machen Streetwork. An der Art des Mülls können wir schon erkennen, wie die Stimmung im Haus ist."

Astrid Leicht zeigt mir Bilder, die sie direkt nach einem Wochenende aufgenommen hat. Vor dem Büroeingang liegen drei Matratzen, Decken, Stühle, Schuhe, zerbrochene Glasflaschen und ein rohes Hähnchen. Bei einem Streit seien einmal die Fenster über ihrem Büro zerschlagen worden, ein Feuerlöscher flog herunter. Zum Schutz ihrer Mitarbeiter hat Astrid Leicht Gerüstdächer über den Eingängen anbringen lassen. Doch die Sozialarbeiterin ärgert sich weniger über Bewohner, vielmehr über den Bezirk, der ihrer Meinung nach zu wenig tut.

"Der Bezirk ist Eigentümer dieses Gebäudes und hat die Verantwortung", so Astrid Leicht. "Wenn der Bezirk sagt, die Leute dürfen hier bleiben unter bestimmten Bedingungen und Regeln, und es dürfen auch nur die hier bleiben und nicht die anderen – für mich ist am wichtigsten, dass der Bezirk klar sagt, wie es sein soll, was er sich vorstellt.“

Auch Dealer aus dem Görlitzer Park kommen laut Polizei in der Schule unter

"Jeden Tag Polizeiwagen"

Jens Czopnik ist Besitzer der Cafebar "Jail Cantina", direkt gegenüber der Schule. Auch er findet, dass es so nicht weitergehen kann: "Da sind wir wieder bei potentiellen Räumungen. Was in Hamburg passiert ist, wissen wir alle. Sicherlich kann ich die Angst davor verstehen, es hier so eskalieren zu lassen, insbesondere auch mit einer grünen Bezirksbürgermeisterin. Aber ich sehe definitiv das Polizeiaufgebot. Schräg gegenüber von mir stehen in den letzten Wochen jeden Tag irgendwelche Polizeiwagen und verhaften irgendwelche Schwarzen."

Laut Berliner Polizei wohnen viele der Drogendealer aus dem Görlitzer Park in der besetzten Schule. Auch Jens Czopnik erzählt, dass er Probleme mit Drogendealern vor und in seinem Cafe hatte. "Dann habe ich mir die auch gegriffen und habe gesagt: Leute, wir leben hier alle im gleichen Kiez, macht doch nicht das Umfeld kaputt." Das sei auf geteiltes Echo gestoßen, so Czopnik."Die eine Hälfte sagte: 'Ja klar man, we are living in the same neighbourhood, blablabla' und die anderen sagten: 'Wir dealen doch nicht'. Es war dann aber relativ schnell auch friedlich beigelegt und ich habe dann in der Folge nie wieder Probleme deswegen gehabt."

"Hier ist es viel besser als im Görlitzer Park"

Die Kreuzberger haben ein dickes Fell, sagt Jens Czopnik, vermutlich gäbe es anderswo massivere Proteste gegen die besetzte Schule. In der Tat, fast alle Passanten, die ich angesprochen habe, zeigten sich verständnisvoll, kaum jemand fühlte sich bedroht.

Was andere über die Schule sagen, bekommt Aurelia nicht mit, sie hat andere Sorgen. Die alleinlebende Roma-Frau schläft mit ihren drei Kindern und anderen Roma-Familien in einem ehemaligen Klassenzimmer. Der Trakt der Roma ist durch zwei Glastüren von dem der Afrikaner getrennt. Aurelia findet die schwarzen Männer unheimlich, sagt sie, doch man lasse sich gegenseitig in Ruhe.

"An diesem Ort fühlen wir uns sicher", sagt Aurelia. "Ich bin aus Rumänien weg, weil ich keine Arbeit und kein Haus hatte. Mein Mann hat mich verlassen. Wir waren lange in Spanien, dann kamen wir nach Berlin und haben dort auf der Straße gelebt. Drei Monate lang haben wir im Görlitzer Park geschlafen. Jetzt bin ich den ganzen Tag hier und füttere meine Kinder, mehr kann ich nicht machen, weil ich kein Deutsch kann. Aber ich bin froh hier zu sein, hier ist es viel besser als im Park."

Beitrag von Oliver Soos

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