Eine syrische Flüchtlingsgruppe landet auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen (Bild: imago)

Syrer und ihre Familien in Berlin - Letzte Hoffnung Deutschland

Auf der Syrien-Konferenz in der Schweiz geht es am Mittwoch um die Zukunft des Landes. Viele Syrer haben die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges aufgegeben. Wer fliehen kann, tut das - oft zu Verwandten ins Ausland. Syrische Berliner können seit letztem September ihre nahen Verwandten aus dem Krisengebiet nach Deutschland holen. Aber die Hürden sind hoch. Von Nina Amin

Mohammed al-Raai sitzt im weißen Kittel in seiner Praxis und versucht seinen Bruder anzurufen. Wie jedes Mal kommt der in Oberschöneweide niedergelassene Hausarzt nicht sofort durch. "Man weiß nicht, wo die jetzt sind. Das ist jetzt im Libanon und er hat eine neue Nummer." Vor zwei Jahren ist der herzkranke Bruder mit Frau und Kindern aus seiner syrischen Heimatstadt Homs geflüchtet. Nach einer langen Odyssee haben sie es vor ein paar Wochen in den Libanon geschafft. Dort sind sie in einer Kellerwohnung untergekommen. Erleichterung bei al-Raai, als sein Bruder endlich dran ist.

Al-Raai hat sich vor drei Monaten dem Land Berlin gegenüber verpflichtet, für seinen Bruder und dessen Familie finanziell aufzukommen. Im Rahmen eines speziellen Länderprogramms haben in Berlin lebende Familienangehörige die Möglichkeit, ihre Verwandten herzuholen. Die Berliner Ausländerbehörde hat der Deutschen Botschaft in Beirut bereits grünes Licht für Einreisevisa für al-Raais Familie gegeben. "Wenn das jetzt alles klappt, müsste ich für meinen Bruder und seine Familie eine Zweitwohnung nehmen. Das ist schwierig, aber ich bin bereit, das zu machen."

Netto-Gehälter zwischen 2.100 und 3.000 Euro nötig

Aber das kostet: Flüge für die Ausreise, Beglaubigungen der Dokumente, Deutschkurse, Wohnung und Lebensunterhalt. Die Hürden für den Familiennachzug sind nicht niedrig, bestätigt auch der Leiter der Berliner Ausländerbehörde, Engelhard Mazanke. Bei rund 270 Berliner Syrern habe die Behörde die abgegebene Verpflichtungserklärung und die nötigen Dokumente schon geprüft. Nur knapp die Hälfte bekam das Okay, die Verwandten auch tatsächlich herholen zu dürfen. "Diese Personen müssen sich dann auch tatsächlich mit ihrem gesamten Vermögen verpflichten, für den Lebensunterhalt der Personen, die kommen, einzustehen - mit Ausnahme der Krankenversicherung", erklärt Mazanke. "Sie sind dann schnell bei Netto-Gehältern von 2.100 bis 3.000 Euro."

So ein hohes Netto-Einkommen hätten aber die wenigsten Antragsteller, meint Joachim Rüffer, der in der Beratungsstelle BBZ in Mitte arbeitet. Dort erkundigen sich auch viele der hier lebenden Syrer, wie und ob sie ihre Angehörigen nach Berlin holen können. Die Regelung gilt für Verwandte 1. und 2. Grades. Aber die Einkommensgrenze sei zu hoch. "Da muss es eine Härtefallregelung geben", sagt Rüffer. "Man darf nicht die Unterscheidung machen, dass nur Familien, die wohlhabend sind, ihre Familienmitglieder nachholen dürfen. Die gleichen Sorgen und Ängste haben auch Menschen, die arm sind oder ein ganz normales Einkommen haben."

Härtefallregelungen nicht geplant

Eine Härtefallregelung hat auch eine Gruppe von Syrern selbst in einem Offenen Brief von Berlins Innensenator gefordert. Anfang Dezember haben sie ihn der Innenverwaltung übergeben. Innensenator Frank Henkel (CDU) sieht aber keinen Handlungsbedarf. Er verweist auf die Bundes-Innenministerkonferenz vom letzten Dezember. Dort wurde beschlossen, bundesweit 5.000 weitere syrische Flüchtlinge aufzunehmen, sogenannte Kontingent-Flüchtlinge. In diesem Rahmen gebe es jetzt auch unabhängig vom Berliner Länderprogramm die Möglichkeit, Verwandte aus Syrien zu holen, erklärt der Innensenator. "Für Berlin bedeutet das, dass wir 250 zusätzliche Syrer aufnehmen. Ich empfinde es als einen Beleg dafür, dass wir in Berlin gerade in dieser Frage eine sehr großzügige Regelung haben und sie weiterhin haben werden."

Für Berliner Syrer sei das durchaus eine neue Möglichkeit, Angehörige aufzunehmen, ohne sich zu verpflichten, für alle Kosten aufzukommen, bestätigt auch Joachim Rüffer von der Beratungsstelle. Denn für die 250 sogenannten Kontingent-Flüchtlinge gelten Sonderregelungen. Sie dürfen sofort arbeiten und werden vom Jobcenter - auch finanziell - unterstützt. Gerade für die Antragsteller, die bislang abgelehnt wurden, ist das eine Chance, ihre Verwandten doch nach Berlin zu holen, denn die Ausländerbehörde will die im Rahmen des Berliner Länderprogramms abgelehnten Fälle nochmals prüfen. Die Entscheidung, wer dann kommen darf, liegt dann aber nicht mehr bei der Berliner Behörde, sondern beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Kontingent von 250 Personen ist schnell vergeben. Und auch das Berliner Länderprogramm zum Verwandtennachzug läuft Ende Februar aus.

Syrische Kinder spielen in einem Flüchtlingslager [dpa]
Vom Krieg traumatisiert - Syrische Kinder in einem Flücklingscamp.

Zwölf Personen auf 100 Quadratmetern

Wie es ist, wenn man es "geschafft" hat, die Familie herzuholen, erlebt gerade die Deutsch-Syrerin Layla Hourani, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. Ihre beiden Brüder sind mit ihren Familien kurz vor Weihnachten nach Berlin gekommen. Zwölf Personen leben jetzt in der 100-Quadratmeter-Wohnung, in der Hourani eigentlich mit ihrem Mann und den zwei Kindern wohnt. Überall liegen Matratzen auf dem Boden. Arbeiten kann die Freiberuflerin momentan nicht. Sie hat keine ruhige Minute mehr, erteilt Deutschunterricht und macht Behördengänge. "Ich bin gleichzeitig die Lehrerin, die Tante und die Dolmetscherin. Wir haben selbst Kinder, und ich habe meine Aufgaben und meine Arbeit. Ich habe alles vernachlässigt, weil ich es nicht mehr schaffe."

Ihre gerade aus Syrien angekommenen Neffen und Nichten sind außerdem von ihren Kriegserlebnissen traumatisiert. "Die Kinder haben so viel Stress, Kriegsstress. Sie sind laut und sie schlagen sich." Hourani ist trotzdem froh, ihre Familie rausgeholt zu haben. Aber sie fühlt sich finanziell überfordert und allein gelassen. Vom Land Berlin wünscht sie sich Unterstützung bei der Wohnungssuche. Etwa durch die Wohnungsbaugesellschaften. Aber Hilfe bei der Wohnungssuche ist nicht vorgesehen. Das Land Berlin selbst hat große Probleme, Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen.

Leben mit der Unsicherheit

Hourani will nicht jammern. Immerhin ist ihre Familie in Sicherheit. Wie der zweifachen Mutter geht es auch dem Hausarzt al-Raai aus Oberschöneweide hauptsächlich um die Zukunft der Nichten und Neffen. Ihnen eine Chance auf gute Bildung und ein sicheres Zuhause zu geben, habe Priorität, meint er. Wenn seine Sprechstunde zu Ende ist, sucht Al-Raai jeden Tag intensiv nach einer passenden Wohnung, nach Deutschkursen, Schulen und Kitas. Er will, dass sich alle schnell einleben und wohlfühlen. Dabei weiß er nicht mal, wann er seine Familie aus dem Libanon ausfliegen lassen kann. "Ich sorge für die gute Integration der Familie, ich habe an alles gedacht. Aber manchmal muss ich mich zurückhalten, weil ich nicht sicher bin, ob die Familie überhaupt herkommen kann."

Denn das liegt längst nicht mehr in der Hand von al-Raai oder der Berliner Ausländerbehörde. Die Deutsche Botschaft in Beirut verlangt für die Visaerteilung eigentlich Reisepässe. Al-Raais Familie hat aber nur Personalausweise und das Familienstammbuch. Laut Berliner Länderprogramm reicht das, um den Bruder herzuholen. Jetzt steht der Arzt seit Wochen in Kontakt mit der Botschaft in Beirut und dem Auswärtigen Amt in Berlin. Dort heißt es: Ja, seine Familie bekomme ihre Visa, allerdings dauere das - ohne die Reisepässe - erheblich länger.

Al-Raai gibt trotzdem nicht auf.

Beitrag von Nina Amin

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