Spaziergänger gehen am durch den Schnee auf dem Tempelhofer Feld in Berlin (Quelle: dpa)
Abendschau | 28.01.2014 | Beitrag von Boris Hermel

Abstimmung zur Bebauung des Tempelhofer Feldes kommt - Central Park oder neuer Tiergarten?

Es ist amtlich: Das Volksbegehren gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes war erfolgreich. In den nächsten vier Monaten wird es nun voraussichtlich einen Volksentscheid darüber geben, ob das freie Areal auf die Größe des Tiergartens schrumpft oder weiterhin den New Yorker Central Park übertrumpft. Die Initiatoren wollen, dass die Abstimmung zeitgleich mit der Europawahl am 25. Mai stattfindet, doch das will der Senat erst Mitte Februar entscheiden - und kritisiert die Forderungen der Initiatoren als "100 Prozent Stillstand".

Vier Monate lang hatte die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" Unterschriften gesammelt, nun liegt das amtliche Auszählungsergebnis vor: Demnach sind die notwendigen gültigen Unterschriften zusammengekommen.

Mit 185.328 gültigen Unterschriften sei die Hürde zum Volksentscheid geschafft, teilte Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach am Dienstag in Berlin mit. Das seien 11.211 Unterschriften mehr als die erforderliche Anzahl. Das Bündnis "100 Prozent Tempelhofer Feld" kommentierte: "Wir freuen uns, dass das Abgeordnetenhaus jetzt endlich über den Masterplan des Senats grundsätzlich debattiert."

Initiatoren fordern Abstimmung am 25. Mai

Da der rot-schwarze Senat den Gesetzentwurf der Bebauungsgegner nicht übernehmen will, muss es nun innerhalb der nächsten vier Monate einen Volksentscheid geben. Dann können die Berliner darüber abstimmen, ob auf dem ehemaligen Flughafenarreal die Bagger rollen sollen. Die Abstimmung soll nach dem Willen der Initiatoren zeitgleich mit der Europawahl am 25. Mai stattfinden. Das würde nach Ansicht des Bündnisses die Beteiligung am Volksentscheid und damit auch die Chance eines Erfolgs erhöhen.

Beim Stromnetz-Volksentscheid hatte der Senat sich dagegen entschieden, den Abstimmungstermin mit der Bundestagswahl zusammen zu legen. Dies hatte heftige Kritik der Opposition nach sich gezogen. Auch diesmal unterstützen die Grünen-Landesvorsitzenden die Forderung zum Zeitpunkt des Entscheids. "Wenn der Senat den Abstimmungs-Termin diesmal nicht auf die Europawahl legt, haben SPD und CDU den letzten Rest an Glaubwürdigkeit bei der direkten Demokratie verspielt," sagten Bettina Jarasch und Daniel Wesener.

Senatssprecher Richard Meng teilte dem rbb dazu mit, dass diese Frage noch nicht diskutiert worden sei. "Ich gehe aber davon aus, dass wir bis Mitte Februar eine Entscheidung haben, wann das Datum feststeht." Nach Angaben der Innenverwaltung könnte die Entscheidung in der Senatssitzung am 18. Februar fallen.

Margarete Heitmüller (v-r), Kerstin Meyer und Michael Schneidewind von der Demokratischen Initiative 100% Tempelhofer Feld e.V. (Quelle: dpa)
Margarete Heitmüller (v. r.), Kerstin Meyer und Michael Schneidewind von der Initiative 100% Tempelhofer Feld e.V

Senat will Teil des Areals bebauen lassen

Senatssprecher Meng kritisierte im rbb die Ziele der Initiatoren und kündigte an, dass der Senat nun eine offene Auseinandersetzung über die Zukunft des Tempelhofer Feldes führen wolle. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner für 100 Prozent Stillstand ist am Tempelhofer Feld." Auch SPD-Chef Jan Stöß kritisierte die Grundsätzlichkeit, mit der das Volksbegehren jede Bebauung ablehne. Dies schade der Entwicklung Berlins. Die Partei werde für die Senatspläne kämpfen.

386 Hektar misst das Areal. Zum Vergleich: Der Central Park in New York ist gut 349 Hektar groß. Der Senat will an drei Rändern des Tempelhofer Feldes Häuser errichten lassen. In der Mitte soll jedoch eine Freifläche von 230 Hektar erhalten bleiben - so groß ist in etwa auch der Tiergarten.

Zahl der gültigen Unterschriften nach den Wohnbezirken

Bezirk Anzahl in % der Stimmberechtigten
Friedrichshain-Kreuzberg 32.049 18,6
Tempelhof-Schöneberg 37.104 15,9
Neukölln 32.312 15,8
Steglitz-Zehlendorf 14.562 6,7
Mitte 13.327 6,6
Charlottenburg-Wilmersdorf 13.444 6,2
Pankow 16.449 5,8
Treptow-Köpenick 8.421 4,2
Lichtenberg 6.125 3,0
Reinickendorf 4.485 2,5
Spandau 3.980 2,4
Marzahn-Hellersdorf 3.070 1,5

Die Grünen brachten am Dienstag erneut einen "dritten Weg" ins Gespräch. Zwischen den "überdimensionierten" Bebauungsplänen des Senats und der Null-Lösung der Initiatoren des Volksbegehrens gebe es Alternativen, erklärten die beiden Grünen-Vorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener.

"Der Erfolg des Volksbegehrens ist eine Chance, dass beide Seiten von ihren Maximalpositionen abrücken", fügten die beiden Grünen-Vorsitzenden hinzu. Es sei möglich, mehr als zwei Drittel des Feldes als Freifläche zu sichern und trotzdem bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Mieter zu schaffen. Eine solche Lösung wollten die Grünen in den nächsten Wochen vorlegen. Bis dahin brauche es einen Stopp der bisherigen Planungen.

Gerhard Steindorf, Geschäftsführer der für die Gesamtentwicklung verantwortlichen Tempelhof Projekt GmbH sagte: "Die Bürgerinitiative hat wiederholt behauptet, dass das gesamte Tempelhofer Feld bebaut werden solle, unter anderem mit Luxuswohnungen. Das ist Unsinn. Lediglich an den Rändern schaffen wir die Voraussetzungen, um bezahlbare Wohnungen und Bildungseinrichtungen zu bauen."

Die Initiatoren des erfolgreichen Volksbegehrens zum Tempelhofer Feld lehnen alternative Vorschläge zur Zukunft des Geländes allerdings ab. Im rbb sagte Mitinitiatorin Margarete Heitmüller am Dienstagabend, die Menschen, die gegen jede Bebauung des Feldes unterschrieben haben, würden erwarten, dass die Initiative bei ihrer Haltung bleibe.

Heitmüller sagte weiter, sollte der anstehende Volksentscheid erfolgreich sein, so sei Zeit gewonnen, über Alternativen zu den Plänen des Senats für eine Randbebauung nachzudenken.

Wahlleiterin hat keine Hinweise auf Manipulationen

Vorwürfe, bei den Unterschriftenlisten sei es zu massiven Manipulationen gekommen, wies die Landeswahlleiterin am Dienstag zurück. "Mir liegen keine Anhaltspunkte vor, dass es zu irgendwelchen gefälschten Unterschriften gekommen ist", sagte Michaelis-Merzbach im rbb. Sie habe die Bezirkswahlämter ausdrücklich danach gefragt.

In der vergangenen Woche hatte es Wirbel um die Auszählung gegeben. Mehrere Bezirkspolitiker kritisierten, die Vorgaben der Landeswahlleiterin für die Kontrolle der Volksbegehren-Unterschriften seien zu lax. "Da kann man ja einfach das Telefonbuch abschreiben und die Unterschriften fälschen. Wer soll’s kontrollieren?", hatte etwa Thomas Blesing (SPD), Neuköllns Stadtrat für Bürgerdienste, gesagt.

Hintergrund waren Anweisungen der Landeswahlleiterin, wonach eine Unterschrift auch dann gültig zu werten sei, wenn Vornamen und Geburtsdatum fehlen. Demnach reichten Name, Adresse und Unterschrift aus, damit eine Stimme zählt.

Model einer mögliche Wohnbebauung an den Rändern des Tempelhofer Feldes (Bild: DPA)
Der Senat will die Freifläche an den Rändern bebauen lassen

Mehr als jede fünfte Stimme ungültig

Landeswahlleiterin Michaelis-Merzbach verteidigte am Dienstag erneut ihre Hinweise  zur Auszählung, die sie an die Bezirkswahlämtern geschickt habe. Diese hätten "selbstverständlich im Einklang mit dem Abstimmungsgesetz" gestanden. Dennoch haben sich offenbar einige Bezirke nicht daran gehalten.

Deshalb will der Senat das Abstimmungsgesetz nun überarbeiten.  "Es kann nicht sein, dass es in den Bezirken unterschiedliche Auszählungspraktiken gibt, dass muss vermieden werden. Da werden wir uns schon verständigen, was da präzisiert werden müsste, um es in Zukunft klarer zu machen," sagte Senatssprecher Meng.

Beim Tempelhofer Volksbegehren hatte es eine hohe Zahl an ungültigen Stimmen gegeben: mehr als jede fünfte der insgesamt 237.063 Stimmen. Dies sei aber nicht mit Fälschungsversuchen zu erklären, sagte Michaelis-Merzbach: "Das liegt daran, dass viele Personen offenbar zwei Mal oder mehrfach unterschrieben haben. Das ist ein fünfstelliger Betrag." Ungültig seien darüber hinaus auch Unterschriften von Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit oder ohne Berliner Hauptwohnsitz gewesen.

Die Pläne für das Tempelhofer Feld

Volksentscheide in Berlin

2013
Am 3. November 2013 kam es zur Abstimmung über den Volksentscheid "'Neue Energie für Berlin': Für die Rekommunalisierung der Berliner Stromversorgung". Dieser wurde unter anderem vom Aktionsbündnis "Berliner Bündnis gegen Privatisierung", attac und Berliner Vereinen initiiert. Trotz einer Mehrheit scheiterte der Volksentscheid am 25-Prozent-Zustimmungsquorum. 29,1 Prozent der Wahlberechtigten hatten sich daran beteiligt, 83,2 Prozent stimmten dafür. Mit 24,1 Prozent aller Abstimmungsberechtigten scheiterte der Volksentscheid allerdings knapp.

2011
Beim letzten Volksentscheid in Berlin entschieden die Bürger über die Offenlegung der Teilprivatisierungsverträge bei den Berliner Wasserbetrieben. Der Volksentscheid hatte Erfolg: 666.235 Berliner stimmten mit Ja (98,2 Prozent). Auch das Quorum wurde mit 27 Prozent der Stimmberechtigten erreicht, die mit Ja stimmten. Insgesamt nahmen 678.507 Wahlberechtigte teil. Initiiert hatten den Volksentscheid "Schluss mit Geheimverträgen - Wir Berliner wollen unser Wasser zurück" vom 13. Februar 2011 unter anderem das Aktionsbündnis "Berliner Bündnis gegen Privatisierung", das globalisierungskritische Netzwerk attac und Berliner Vereine.

2009
Keinen Erfolg hatte hingegen der Volksentscheid über die Einführung eines Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion am 26. April 2009. Für die Annahme hätte die Mehrheit der Teilnehmer und zugleich 25 Prozent der Stimmberechtigten zustimmen müssen. Doch nur 14,1 Prozent der Stimmberechtigten stimmten am Ende dafür. Die 345.004 Befürworter sahen sich sogar in der Unterzahl: 366.721 Berliner stimmten bei dem Volksentscheid mit Nein. Initiiert wurde der Volksentscheid vom Verein "Pro Reli", den beiden großen Kirchen sowie unter anderem von CDU und FDP.

2008
Auch der Volksentscheid "Tempelhof bleibt Verkehrsflughafen!" am 27. April 2008 scheiterte am Quorum. Zwar stimmten weit mehr als Hälfte der Teilnehmer (60,1 Prozent) mit Ja, doch auch sie waren zu wenige: nur 21,7 Prozent der Stimmberechtigten statt der geforderten 25 Prozent. Für den Volksentscheid hatte sich die Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof e.V. (ICAT), CDU, FDP und Teile der Wirtschaft eingesetzt.

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