
Freies Feld versus Randbebauung - Was passiert 2014 auf dem Tempelhofer Feld?
Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof sollen völlig neue Stadtquartiere entstehen. Eine Bürgerinitiative will jedoch die Bebauung des riesigen Areals mit einem Volksbegehren verhindern. Noch bis zum 13. Januar hat das Bündnis Zeit, die benötigten Unterschriften zu sammeln. Auf große Unterstützung durch die Oppositions-Parteien können die Initiatoren jedoch nicht bauen. Von Thorsten Gabriel.
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Nur die Piraten befürworten das Volksbegehren
Unermüdlich werben Müller und die Tempelhof-Projekt-Gesellschaft seit Monaten in öffentlichen Veranstaltungen für ihre Pläne. Bürgerbeteiligung sei wichtig, sagen sie. Doch mit schöner Regelmäßigkeit wird bei den Stadtwerkstätten und Podiumsdiskussionen auch Unmut laut. Viel zu konkret seien die Pläne schon, wird aus dem Publikum beklagt. Das sieht auch Wolfram Prieß von den Piraten als Wunde, in die er seinen Finger legt. "Es ist nicht wirklich transparent, welche bei den Bürgerbefragungen geäußerten Meinungen in die Planungen eingegangen sind. Auch wie diese Meinungen dann bewertet wurden, hält der Senat geheim. Wir müssen ihm also Glauben schenken, dass er dieses Meinungsbild richtig erhoben hat."
Auch deshalb befürworten Prieß und die Piraten das Volksbegehren. Nicht, weil sie alle Ziele der Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" teilen würde, sondern weil die Bürger hier eine Grundsatzentscheidung zu treffen hätten. Doch genau dieses messerscharfe Ja oder Nein hält der Stadtentwicklungsexperte der CDU-Fraktion, Stefan Evers, für ungünstig. Durch das Volksbegehren stehe eine Glaubensfrage im Mittelpunkt und keine wirkliche inhaltliche Diskussion über die konkreten Planungen. Diesem Argument stimmt auch die grüne Fraktionschefin Antje Kapek zu. Die basisdemokratisch orientierten Grünen plädieren dennoch für ein Baumoratorium, während das Volksbegehren läuft. Um den demokratischen Prozess zu respektieren, der da angestoßen wurde. Zwar sagt auch Bausenator Müller immer wieder, dass bis zum Abschluss des Volksbegehrens keine Bagger rollen, sondern nur geplant werde - doch es tut sich ja trotzdem was. Nicht auf dem Papier, sondern auch auf dem Feld.

Der Bauzaun für das Wasserbecken steht schon
Unmittelbar vor den Hangars des Flughafengebäudes soll ein großes Regenwasserrückhaltebecken entstehen. Ein Begriff, der nach "nützlich, aber hässlich" klingt. Aber wir sind ja auf dem Tempelhofer Feld, dem Ort großer Emotionen und Visionen. Und deshalb wird es ein eher opulentes Bassin – so groß wie drei Fußballfelder und elf Millionen Euro teuer. Ökologisch und ökonomisch sinnvoll sei das, meint der Sprecher der Tempelhof-Projekt-Gesellschaft, Martin Pallgen. Das Wasser vom Flughafendach werde bisher ungefiltert in den Landwehrkanal geleitet, künftig werde es gereinigt und lande in dem großen Bassin, das zum Verweilen einlade. Bauzaun und Bauschild sind schon aufgestellt. Das ist zwar ein Eingriff in das Gelände und steht damit eigentlich dem Ansinnen des laufenden Volksbegehrens entgegen. Aber Pallgen argumentiert: "Das Wasserbecken ist Resultat des Bürgerwillens." Bei Bürgerbefragungen seien drei Wünsche am häufigsten genannt worden: Erhalt der Weite, mehr schattenspendende Bäume und mehr Wasser.
Tilmann Heuser, Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), lehnt das Wasserbecken aus ökologischen Gründen ab. Er zweifelt zudem an, dass die Bürger das Bassin wollen: "Zwar haben sich 90 Prozent der Bürger für Wasser ausgesprochen, aber für kleinteilige Wasserelemente, also sprich Teiche, Wasserläufe, und sicher nicht für ein drei Hektar großes, künstliches Wasserbecken." Egal, wie man den Bürgerwillen nun interpretiert: gebaut wird hier vorerst noch nicht. Allerdings nicht aus Rücksicht auf das Volksbegehren. Sondern weil der BUND gegen das Becken klagt. Deshalb sind jetzt Richter statt Raupenbagger am Zuge. Doch auch das Geld für die Planung der umstrittenen Landesbibliothek hat der Senat schon in den Haushalt eingestellt. Die soll im Jahr 2021 auf dem Tempelhofer Feld entstehen. Daran lässt Kulturstaatssekretär André Schmitz keinen Zweifel. Von Rücksicht auf das Volksbegehren keine Spur. Schließlich soll kein Zeitverzug entstehen, wenn es scheitern sollte, so die Argumentation des Senats.
Mehrheit der Berliner befürwortet Wohnungsbau auf dem Feld
Für die Unterschriftensammler des Bündnisses "100 Prozent Tempelhofer Feld" wird es nicht leicht, ihr Ziel zu erreichen. Denn die Senatspläne haben bislang keine Entrüstungsstürme bei den Berlinern ausgelöst. Glaubt man Meinungsumfragen, befürwortet eine Mehrheit sogar den Wohnungsbau am Feld. Und diejenigen, die unzufrieden sind, glauben oft nicht an die Macht der direkten Demokratie. Derweil fegt weiter der Wind über das Feld, wie schon vor hundert Jahren. Ja, es ist ein weites Feld. Nicht nur räumlich, auch politisch und stadtplanerisch. Ein weites Feld für Ideen, aber auch für Gefühle. Einer dieser unfertigen Orte, die der Stadt und ihren Bewohnern Fragen stellen. Weit mehr als nur die nach einem Ja oder Nein.




