Zwei Besucher der Tempelhofer Freiheit auf einem Hochsitz (Quelle: dpa)

Freies Feld versus Randbebauung - Was passiert 2014 auf dem Tempelhofer Feld?

Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof sollen völlig neue Stadtquartiere entstehen. Eine Bürgerinitiative will jedoch die Bebauung des riesigen Areals mit einem Volksbegehren verhindern. Noch bis zum 13. Januar hat das Bündnis Zeit, die benötigten Unterschriften zu sammeln. Auf große Unterstützung durch die Oppositions-Parteien können die Initiatoren jedoch nicht bauen. Von Thorsten Gabriel.

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Der Blick verliert sich fast im Nirgendwo, dazwischen nur ein Wiesenmeer und die beiden Start- und Landebahnen, auf denen seit fünf Jahren kein Flugzeug mehr abhob oder startete. Iris Grünert geht regelmäßig auf dem Tempelhofer Feld spazieren, um diese Atmosphäre zu genießen: Ein Stück Unendlichkeit mitten im lauten Berlin. Dass am Rand des riesigen Felds in ein paar Jahren Häuser stehen könnten, die die Fläche verkleinern und Schatten werfen, ist für Iris Grünert eine düstere Vorstellung: "Ich hab ja dagegen demonstriert und auch selbst Unterschriften gesammelt," sagt die Frau, die im angrenzenden Schillerkiez wohnt.

Unterschriften sammeln - eine beliebte Beschäftigung in Zeiten direkter Demokratie. Ob es um Wasser, Strom oder auch die Religion geht, die Berliner haben das Abstimmen für sich entdeckt. Diesmal  geht es um die Zukunft von rund 350 Hektar Land, die wie kaum ein zweiter Ort in der Stadt emotional aufgeladen sind. Von den ersten Flugversuchen mit abenteuerlichen Flugapparaten Ende des 19. Jahrhunderts über die Luftbrücke zu Zeiten der Berlin-Blockade bis … ja, bis heute, wo die bloße Weite des Raumes viele fasziniert, die sich einmal aufs Tempelhofer Feld begeben haben.

Die Initiative will das Feld so erhalten, wie es jetzt ist

"Wie hältst du’s mit dem Feld?" fragt deshalb die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld". Das Ziel ist klar: "Wir möchten das Feld als Freizeit- und Erholungsgebiet so erhalten, wie es jetzt ist. Wir möchten, dass der innere Bereich des Tempelhofer Feldes weiterhin als eine Art Naturschutzgebiet fungiert", erläutert Felix Herzog, Vorstandsmitglied des Bündnisses, das von einer Bürgerinitiative gegründet wurde und von den Naturschutzverbänden B.U.N.D und Nabu unterstützt wird.

Seit September sammelt das Bündnis Unterschriften für ein Volksbegehren. Rund 174.000 gültige Stimmen müssen es bis zum 13. Januar sein, damit das Volksbegehren ein Erfolg wird. Dann würde es spätestens vier Monate später einen Volksentscheid geben. Doch noch fehlen zehntausende Unterschriften. Auch, weil längst nicht alle, die gerne aufs Tempelhofer Feld kommen, davon überzeugt sind, dass sich hier nichts ändern darf. "Auf keinen Fall vollkommen frei lassen. Gerade bei der Wohnungsnot in Berlin wäre es ganz gut, hier bezahlbare Wohnungen zu schaffen", wünschen sich manche Parkbesucher und setzen hinzu: "Es bleibt doch noch genug frei."

"Die Mitte ist heilig“, beteuern die Planer

Wie weit sich das ehemalige Gelände erstreckt, sieht besonders eindrucksvoll, wer das Dach des ebenso imposanten historischen Flughafenbaus - es ist das drittgrößte Gebäude der Welt - erklimmt. Martin Pallgen steht an der Brüstung und deutet in die Ferne. "Die zentrale Wiesenfläche, die wir jetzt vom Dach des Flughafengebäudes aus sehen, das sind etwa 250 Hektar, die werden auch in Zukunft so bleiben, wie sie sind. Die Mitte ist quasi heilig und wird auch nicht angetastet." Pallgen ist Sprecher der Tempelhof Projekt GmbH - jener Gesellschaft, die der Senat gegründet hat, um Flughafengebäude und Flugfeld zu entwickeln. Der Satz von der Mitte, die heilig ist, gehört zum Wichtigsten, was er in diesen Tagen zu sagen hat. Er beteuert: Es wird lediglich an den Rändern Wohnungen, Gewerbe und Kitas geben, hinzu kommt die neue zentrale Landesbibliothek. Das sei schon seit Jahren Planungsstand und Konsens.

Tatsächlich wirbelten Landespolitiker noch viele andere Ideen für das Tempelhofer Feld durch die Luft: Was ist mit einem neuen Busbahnhof? Und wäre das Feld nicht auch ein guter Ort für eine Gartenausstellung? Und wenn schon Wohnungsbau - warum dann nicht auch gleich eine Internationale Bauausstellung auf dem Feld? Diese Ideen wurden inzwischen alle wieder begraben. Die Vision eines sozialen Wohnungsbaus ist geblieben. Berlins Bausenator Michael Müller (SPD) vertritt sie mit großer Entschlossenheit: "Schon jetzt spüren wir den Druck auf dem Mieten- und Wohnungsmarkt. Wir brauchen neue, wir brauchen bezahlbare Wohnungen. Und wo können und sollen sie entstehen, wenn nicht auch auf dem Tempelhofer Feld?", fragt Müller.

Derzeit ist das Tempelhofer Feld noch eine unbebaute Spielwiese.

Kein politischer Rückenwind für das Volksbegehren

Mit dieser Ansicht steht Müller nicht allein da – im Gegenteil. Hört man sich im Abgeordnetenhaus um, sagen auch die zuständigen Fachpolitiker der Oppositionsparteien Grüne, Linken und Piraten: gegen die Bebauung am Rande haben wir grundsätzlich nichts. Mit großem politischen Rückenwind können die Initiatoren des Volksbegehrens deshalb nicht rechnen. Wohl auch deshalb sind die Planungen schon recht weit fortgeschritten. Im alten Flughafenrestaurant unterzeichnete der Bausenator Mitte September eine Übereinkunft mit zwei Wohnungsbaugesellschaften und einer Genossenschaft. Die Pläne sehen vor, dass zum Tempelhofer Damm hin ein völlig neues Stadtviertel mit bis zu 1.700 Wohnungen entstehen soll - die Hälfte davon soll zu subventionierten Kaltmieten zwischen sechs und acht Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Auf die halbwegs günstigen Mieten ist der Senator stolz - und darauf, nicht dem Drängen privater Investoren nachgegeben zu haben.

"Ich bekomme jeden Tag einen Brief von einem privaten Entwickler, der sagt: Lass doch diesen ganzen Quatsch. Du brauchst dich nicht kümmern. Gib mir die Fläche und ich fang morgen an", berichtet Müller und setzt hinzu: "Genau das wollen wir nicht". In der Tat werden am westlichen Rand erstmal keine privaten Bauherren zum Zuge kommen. Was so uneingeschränkt für die anderen drei auserkorenen Baugebiete allerdings nicht gilt. Noch ist da zwar nichts entschieden, aber die Bauexpertin der Linksfraktion, Katrin Lompscher, hat keinen Zweifel: "Natürlich wird man die Gesamtkosten der baulichen Entwicklung nur wieder reinholen, wenn man auch private Bauherren beteiligt. Ansonsten wird das ein riesiges öffentliches Zuschussgeschäft." Tatsächlich schließt Bausenator Müller nicht aus, auch private Investoren zu beteiligen – allerdings nur gekoppelt an Vorgaben, die eine teure Vermarktung der Flächen ausschließen würden.

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Beitrag von Thorsten Gabriel, Inforadio

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