Flughafen Tempelhof bekommt neue Mieter -
Es brennt noch Licht in der alten Hütte
Alle reden über das Tempelhofer Feld - aber was geht eigentlich im Flughafengebäude selbst vor sich? Die Mode- und Musikmessen sind längst vorbei, Konzerte finden auch keine mehr statt. Die meiste Zeit wirkt der festungsartige Bau jetzt ziemlich tot. Doch der Eindruck täuscht: Das gewaltige Gebäude wird innen nämlich immer lebendiger.
Katharina Reboly hat die passende Sprache für ihren neuen Arbeitsplatz schon ganz gut drauf. "Wir sind gelandet, im wahrsten Sinne des Wortes."
Stimmt, denn Reboly arbeitet ab sofort im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Genauer gesagt: Im Bauteil 4, Abschnitt C, dritter Treppenturm im linken Seitenarm. So genau muss Reboly da schon sein - sonst wird es ein langer Spaziergang für Besucher. Der "Kleiderbügel", wie ihn die Berliner einst nannten, ist schließlich 1,2 Kilometer lang.
Die ungewöhnliche Adresse gehört jetzt Berlins neuester Hochschule, der Wiener Privatuniversität Sigmund Freud (SFU). Am Freitag beginnt hier ihr bisher einziger Bachelorstudiengang - in Psychologie natürlich. Der Namensgeber der Uni, Österreichs berühmtester Psychologe, war übrigens schon mal hier, sagt Reboly. "Da gibt es ein interessantes Foto: Freud selbst wie er in eine Lufthansamaschine steigt und am Flughafen Tempelhof landet. Das finden wir schon witzig."
SFU-Rektor Alfred Pritz bei der Eröffnungsveranstaltung: Bis auf ein paar Lampen an der Decke funktioniert alles.
Grund zur Freude hat auch die Tempelhof Projekt GmbH. Sie verwaltet das Gelände samt altem Flughafenbau für das Land Berlin. Und die Geschäfte laufen gut, das Gebäude füllt sich, sagt Sprecher Martin Pallgen.
"Der Berliner Polizeipräsident sitzt am Platz der Luftbrücke und hat weite Teile des Gebäudes gemietet. Darüber hinaus haben wir rund 100 Einzelmieter in kleineren Einheiten überall im Flughafengebäude verteilt."
Ein Drittel ist leer - und schwer zu erschließen
Dazu kommen Großveranstaltungen wie die Modemesse Bread & Butter, die in den Hangars und auf dem Vorfeld Platz finden. Zwei Drittel des Gebäudes sind also weg vom Markt- bleibt ein Drittel übrig.
Doch das zu erschließen ist schwierig. Der Zustand des Gebäudes dort ist zum Teil erbärmlich, sagt Pallgen, Jahre des Verfalls und der Vernachlässigung haben ihre Spuren hinterlassen. "Wir haben das mal durchgerechnet: Wenn man das alles sanieren würde, würde man etwa 192 Millionen Euro brauchen. Da muss sich die Öffentlichkeit abschminken: Das Gebäude an einem Stück zu sanieren ist finanz- und haushaltstechnisch völlig unmöglich."
Der alte Flughafen als neues Startup-Zentrum
Für die anstehenden Haushaltsverhandlungen des Landes Berlin will Pallgen dennoch keine finanziellen Wünsche äußern. "Das wäre nicht hilfreich." Unter Vorbehalt nennt er dann doch eine Zahl: 10 Millionen Euro wären schön. "Die gibt es aber nicht", fügt Pallgen gleich hinzu. "Wir müssen mit dem, was vorhanden ist, umgehen."
Und das scheint so schlecht nicht zu sein. Die Warteliste für mehr Mieter ist lang, sagt Pallgen. "Wir versuchen schon den Fokus auf die Kreativwirtschaft und auf Bildung zu setzen." So könnte der Ex-Flughafen zum Beispiel als neues Zentrum der Startup-Szene aufgebaut werden - als "Creative Hub", wie es kürzlich auch in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey für Tempelhof vorgeschlagen wurde.
Historisch und psychologisch spannender Ort
Bisher verdient das Land Berlin jährlich 12 bis 13 Millionen Euro mit dem Flughafen Tempelhof. Das Geld, sagt Pallgen, fließt zurück in die komplizierte Sanierung. Schritt für Schritt sollen so neue Teile des 30er-Jahre Baus erschlossen werden.
Die Räume der Sigmund Freud Uni sind schon fertig, 22 Studenten beginnen hier nun ihre Ausbildung. Direktorin Katharina Reboly nennt Tempelhof schon jetzt den "größten Campus Berlins". Ein spannendes Forschungsobjekt für Psychologen sei er obendrein: Schon bald wollen sich das die Freudianer mal genauer anschauen.
Geliebte Gigantomanie oder atemberaubende Architektur? Beim Flughafen Tempelhof scheiden sich die Geister. Wir beginnen unsere Tour hier: Bei Bauteil 4, Abschnitt C, dritter Treppenaufgang des linken Seitenarms.
Noch schnell ein Blick über den kleinen Brückenzugang: Nicht nur nach oben, auch nach unten setzt der Flughafen Maßstäbe.
Mehrere Meter tief bohrt sich das Fundament ins Erdreich. Über Schienen sollte der Mega-Bau versorgt werden. Hier wurden während des Krieges auch Bomber gefertigt.
Und hier sollten Menschen vor Bomben Zuflucht finden. Im gesamten Flughafenkeller finden sich solche Bunkeranlagen.
Stahlbeton und gewölbte Decken gegen Spreng- und Brandbomben.
Zum Ende des Krieges bekam der damalige Flughafenkommandant Oberst Rudolf Böttger den Befehl, das Gebäude zu sprengen. Er widersetzte sich. Im April 1945 eroberte die Sowjetarmee den Flughafen.
Kurz darauf übernahmen die Amerikaner den Komplex.
Ihre Spuren findet man bis heute.
Manche Relikte, wie dieses Schild, sind Jahrzehnte alt.
Andere könnten sogar noch Verwendung finden, wie diese Fahrgasttreppe der US-Luftwaffe.
Doch seit 2008 fliegt nichts mehr in Tempelhof. Nur diese alte Propellermaschine steht einsam auf dem Vorfeld.
Unter dem gigantischen Vordach parkten einst die Flugzeuge. Die Konstruktion war schon in den 30er Jahren mit Blick auf die Zukunft gedacht: Hier fanden auch moderne Düsenflugzeuge Schutz vor den Elementen. Heute leckt das Dach allerdings ein wenig.
Der Radarturm ist bis heute eines der Wahrzeichen des Flughafens. Im Kalten Krieg überwachten die Amerikaner damit den Luftraum - und spähten auch über die innerdeutsche Grenze.
Der Schriftzug "US Army Aviation" an diesem Hangartor ist denkmalgeschützt.
Museumsreif auch die Technik der Schiebetore.
Nach dem Stopp des Flugbetriebes wollten die Filmstudios Babelsberg die gewaltigen Hangars nutzen.
Doch den Zuschlag bekam stattdessen die Modemesse Bread & Butter, die nun in den kommenden Jahren regelmäßig hier ihr Lager aufschlägt.
Über diesen aufgemalten roten Teppich inklusive Logo schritten einst Staatsgäste.
Den "normalen" Fluggästen betraten und verließen den Flughafen durch solche Ein- und Ausgänge. An manchen Stellen sieht es heute so aus, als könnte der Betrieb schon morgen weitergehen.
Die Wartehalle jedenfalls wäre ordentlich geputzt.
Der Transitbereich: Von hier ging es aus Tempelhof in die weite Welt.
Natürlich nur, wenn man vorher bei der Passkontrolle keine Probleme bekam...
... oder sich vorher kein Ticket am Schalter gekauft hatte.
Shopping war natürlich auch möglich.
Das Restaurant in der Haupthalle ist übrigens historisch bedeutsam: Hier wurden Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung geführt.
Das Wandgemälde des Amerikaners Dick Kramer erinnert an die Luftbrücke 1948/49.
Ein fröhliches Heidi-Mädchen bedankt sich mit Blumen beim einem der "Candy-Bomber".
Kramer nahm Fotos aus der Zeit als Grundlage für sein Gemälde - so wie das berühmte Bild von Jungs, die den Flugzeugen zuwinken.
Wie schwer die Situation damals war zeigt dieser Ausschnitt: Zwar brachten die Amerikaner und Briten tonnenweise Lebensmittel in das abgeriegelte Westberlin, doch die Verpflegung war oft knapp.
Eine komplexe Hilfsmission: In Spitzenzeiten landete während der Luftbrücke alle drei Minuten ein Flugzeug in Berlin.
Manche Ecke des Flughafengebäudes sehen heute so aus, als wäre gestern noch Krieg gewesen: Irgendwie trostlos, dunkel, leblos. Doch der Eindruck täuscht.
Hinter immer mehr Fenstern brennt wieder Licht. Ein Drittel des Gebäudes hat neue Mieter gefunden.
Der Flughafen Tempelhof ist also weit davon entfernt, eine düstere Bauruine zu werden. Und es soll ja Flughäfen in Berlin geben, an denen weitaus weniger los ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte...
Vor 90 Jahren begann auf dem Tempelhofer Feld die Berliner Luftfahrtgeschichte. Der ehemalige "Zentralflughafen" ist seitdem ein Fixpunkt in der Stadt - visuell und ideell, als gigantisches Gebäude und als städteplanerisches Experimentierfeld. rbb online erzählt die Geschichte des Flughafens Tempelhof - zum Lesen, Schauen und Hören.
Vom Flughafen zum Freizeitpark: Vor 90 Jahren, am 8. Oktober 1923, erhielt die Stadt Berlin mit dem Tempelhofer Feld einen neuen Flughafen. Bis Oktober 2008 war der Zentralflughafen neben Berlin-Tegel und Berlin-Schönefeld einer von drei internationalen Verkehrsflughäfen im Großraum Berlin.
Nach Angaben der Bürgerinitiative "100% Tempelhofer Feld" ist die Unterschriftensammlung für ein kompletten Erhalt des früheren Flughafensgeländes gut angelaufen. Grünen-Politiker kritisierten, nicht nur der Senat, sondern auch die Initiative stelle die Berliner vor die falsche Alternative: Weder die Betonpolitik noch die ewige Käseglocke seien mit moderner Stadtplanung vereinbar.
Mit einer Fahrradtour über das Tempelhofer Feld haben die Fraktionschefs von SPD und CDU am Mittwoch für ihren Gesetzentwurf beim Volksentscheid am 25. Mai geworben. Rot-Schwarz will einen Teil des Geländes bebauen - allerdings sollen die Bürger bei der weiteren Entwicklung des Geländes mehr ...