Beleuchteter Schriftzug "Zentralflughafen" am Flughafen Tempelhof (Bild: Sebastian Schöbel)
Inforadio | 11.10.2013 | Sebastian Schöbel

Flughafen Tempelhof bekommt neue Mieter - Es brennt noch Licht in der alten Hütte

Alle reden über das Tempelhofer Feld - aber was geht eigentlich im Flughafengebäude selbst vor sich? Die Mode- und Musikmessen sind längst vorbei, Konzerte finden auch keine mehr statt. Die meiste Zeit wirkt der festungsartige Bau jetzt ziemlich tot. Doch der Eindruck täuscht: Das gewaltige Gebäude wird innen nämlich immer lebendiger.

Katharina Reboly hat die passende Sprache für ihren neuen Arbeitsplatz schon ganz gut drauf. "Wir sind gelandet, im wahrsten Sinne des Wortes."

Stimmt, denn Reboly arbeitet ab sofort im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Genauer gesagt: Im Bauteil 4, Abschnitt C, dritter Treppenturm im linken Seitenarm. So genau muss Reboly da schon sein - sonst wird es ein langer Spaziergang für Besucher. Der "Kleiderbügel", wie ihn die Berliner einst nannten, ist schließlich 1,2 Kilometer lang.

Die ungewöhnliche Adresse gehört jetzt Berlins neuester Hochschule, der Wiener Privatuniversität Sigmund Freud (SFU). Am Freitag beginnt hier ihr bisher einziger Bachelorstudiengang - in Psychologie natürlich. Der Namensgeber der Uni, Österreichs berühmtester Psychologe, war übrigens schon mal hier, sagt Reboly. "Da gibt es ein interessantes Foto: Freud selbst wie er in eine Lufthansamaschine steigt und am Flughafen Tempelhof landet. Das finden wir schon witzig."

Professor Pritz bei der Eröffnung der Sigmund Freud Uni Berlin (Bild: Sebastian Schöbel)
SFU-Rektor Alfred Pritz bei der Eröffnungsveranstaltung: Bis auf ein paar Lampen an der Decke funktioniert alles.

Grund zur Freude hat auch die Tempelhof Projekt GmbH. Sie verwaltet das Gelände samt altem Flughafenbau für das Land Berlin. Und die Geschäfte laufen gut, das Gebäude füllt sich, sagt Sprecher Martin Pallgen.

"Der Berliner Polizeipräsident sitzt am Platz der Luftbrücke und hat weite Teile des Gebäudes gemietet. Darüber hinaus haben wir rund 100 Einzelmieter in kleineren Einheiten überall im Flughafengebäude verteilt."

Ein Drittel ist leer - und schwer zu erschließen

Dazu kommen Großveranstaltungen wie die Modemesse Bread & Butter, die in den Hangars und auf dem Vorfeld Platz finden. Zwei Drittel des Gebäudes sind also weg vom Markt- bleibt ein Drittel übrig.

Doch das zu erschließen ist schwierig. Der Zustand des Gebäudes dort ist zum Teil erbärmlich, sagt Pallgen, Jahre des Verfalls und der Vernachlässigung haben ihre Spuren hinterlassen. "Wir haben das mal durchgerechnet: Wenn man das alles sanieren würde, würde man etwa 192 Millionen Euro brauchen. Da muss sich die Öffentlichkeit abschminken: Das Gebäude an einem Stück zu sanieren ist finanz- und haushaltstechnisch völlig unmöglich."

Der alte Flughafen als neues Startup-Zentrum

Für die anstehenden Haushaltsverhandlungen des Landes Berlin will Pallgen dennoch keine finanziellen Wünsche äußern. "Das wäre nicht hilfreich." Unter Vorbehalt nennt er dann doch eine Zahl: 10 Millionen Euro wären schön. "Die gibt es aber nicht", fügt Pallgen gleich hinzu. "Wir müssen mit dem, was vorhanden ist, umgehen."

Und das scheint so schlecht nicht zu sein. Die Warteliste für mehr Mieter ist lang, sagt Pallgen. "Wir versuchen schon den Fokus auf die Kreativwirtschaft und auf Bildung zu setzen." So könnte der Ex-Flughafen zum Beispiel als neues Zentrum der Startup-Szene aufgebaut werden - als "Creative Hub", wie es kürzlich auch in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey für Tempelhof vorgeschlagen wurde.

Historisch und psychologisch spannender Ort

Bisher verdient das Land Berlin jährlich 12 bis 13 Millionen Euro mit dem Flughafen Tempelhof. Das Geld, sagt Pallgen, fließt zurück in die komplizierte Sanierung. Schritt für Schritt sollen so neue Teile des 30er-Jahre Baus erschlossen werden.

Die Räume der Sigmund Freud Uni sind schon fertig, 22 Studenten beginnen hier nun ihre Ausbildung. Direktorin Katharina Reboly nennt Tempelhof schon jetzt den "größten Campus Berlins". Ein spannendes Forschungsobjekt für Psychologen sei er obendrein: Schon bald wollen sich das die Freudianer mal genauer anschauen.

Beitrag von Sebastian Schöbel

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