Hintergrund - Bildung und Erziehung in Preußen
"Wir vernehmen missfällig und wird verschiedentlich von denen Inspectoren und Predigern bey Uns geklaget, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen, und dadurch die arme Jugend in grosse Unwissenheit, so wohl was das lesen, schreiben und rechnen betrifft, als auch in denen zu ihrem Heyl und Seligkeit dienenden höchstnötigen Stücken auffwachsen laßen." (Friedrich Wilhelm I.)
Am 28. Oktober 1717 verordnete König Friedrich Wilhelm I. die allgemeine Volksschulpflicht für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren ein. Damit lag Preußen vor Bayern (1802), Mecklenburg und Hannover (um 1850).
Allerdings gab es keine Kontrollen und viele Ausnahmen - vor allem für Kinder, die in der Landwirtschaft helfen mussten. Dennoch stieg das allgemeine Bildungsniveau in Preußen in der Regentschaft des Soldatenkönigs deutlich an. 1717 gab es 320 Dorfschulen, im Todesjahr Friedrich Wilhelms (1740) schon 1480 Schulen.
1798 hieß es in einem Programm zur Bildungsreform unter Friedrich Wilhelm III., die der Minister Julius von Massow entworfen hatte: „Unterricht und Erziehung bilden den Menschen und den Bürger, so daß ihr Einfluss auf die Wohlfahrt des Staates von höchster Wichtigkeit ist“.
Die einschneidendste Bildungsreform in Preußen entwarf Wilhelm von Humboldt als preußischer Staatsminister (Leitung der Abteilung Kultus und Unterricht) in den Jahren 1809 und 1810. War es zuvor weitestgehend die Kirche, die die Bildungsinhalte bestimmte, so übernahm diese Aufgabe jetzt der Staat - es gab einheitliche Lehrpläne, Abschlüsse, Zensuren, Sitzenbleiben. Humboldt führte das dreistufige Schulsystem aus Elementarschule, Gymnasium und Universität ein.
Außerdem wollte er allen Bevölkerungsschichten den Schulbesuch ermöglichen. Von nun an sollte es auf Bildung und Leistung ankommen, nicht mehr auf Herkunft und Stand. Im Zentrum der Humboldt’schen Bildungsideale stand die allgemeine Bildung und die persönliche Entwicklung des Einzelnen hin zu einem selbstständigen Menschen: "Bilde dich selbst, und dann wirke auf andere durch das, was du bist“, sagte er.
Humboldt war gegen eine reine Standesbildung, in einem Bericht an den Preußischen König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1809 schrieb er: "Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen."
Humboldt war sich seines Einflusses auf das Bildungswesen schon damals sehr sicher: „Ich glaube, mit Recht behaupten zu können, daß das Unterrichtswesen im hiesigen Staat durch mich in einen neuen Schwung gekommen ist und daß, obgleich ich nur ein Jahr mein Amt verwaltet habe, doch viele Spuren meiner Verwaltung zurückbleiben werden. Etwas, was mir noch eigentümlicher als alles andere persönlich angehört, ist die Errichtung einer neuen Universität hier in Berlin“ (1810).
Allerdings änderten sich die Sitten nur langsam. Noch lange standen wenige exzellente Gymnasien tausenden von erbärmlichen Volksschulen gegenüber. Erst 1872 gab es die ersten strengeren Vorschriften für das niedere Bildungswesen (u.a. Vorschriften für Klassengröße). Viele Ideen Humboldts wurden nie umgesetzt. Dem Adel gefielen diese meist ohnehin nicht, da er seine Privilegien bedroht sah.
Die Auffassung, dass die Schule an der Vorbereitung und am Ausbruch der Revolution 1848 Schuld trage, war verbreitet. Friedrich Wilhelm IV. im Februar 1849: „Zunächst müssen die Seminarien sämmtlich aus den großen Städten nach kleinen Orten verlegt werden, um den unheilvollen Einflüssen eines verpesteten Zeitgeistes entzogen zu werden. Sodann muß das ganze Treiben in diesen Anstalten unter die strengste Aufsicht kommen. Nicht den Pöbel fürchte Ich, aber die unheilvollen Lehren einer modernen frivolen Weltweisheit vergiften und untergraben Mir Meine Bureaukratie [...].“
Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II., kümmerte sich der preußische Staat besonders um die Erziehung seiner Untertanen - eine Folge der Arbeiterbewegung. Er machte das Militär als Disziplinierungs- und Erziehungsinstrument zum Vorbild.
In den Schulen spielte plötzlich die "vaterländische" Erziehung eine wichtige Rolle. Alle Schulen hatten die Aufgabe, der Jugend preußische Tugenden, unbedingte Treue zur Monarchie, zum Staat und zum Vaterland zu vermitteln. Während bei den Jungen die Ausbildung zu Soldaten und Beamten im Vordergrund stand, sollten die Mädchen als zukünftige "Soldatenmütter" helfen, dieses Gedankengut durch eine entsprechende Erziehung der kommenden Generationen in der gesamten Bevölkerung zu verankern.
Die preußische Schule ist durch eine immense Ambivalenz gekennzeichnet. Einerseits lehnte sie moderne Tendenzen strikt ab - forderte Gehorsam und Obrigkeitsdenken. Andererseits unterstützte sie Innovationen, sodass durch die staatlichen Regeln und Kontrollen praktisch schon in den 1880er Jahren vollständige Alphabetisierung der preußischen Jugend erreicht wurde.

