Hintergrund - Migration nach Preußen
Nach dem dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war die Einwohnerzahl Preußens nahezu auf die Hälfte geschrumpft. Kurfürst Friedrich Wilhelm reagierte darauf mit einer planmäßigen Wiederbesiedlung und Einwanderungspolitik ab 1650.
Als erste Siedler kamen bereits 1648 Holländer und belebten das Handwerk. In den 1660er Jahren wurden mehrere Einwanderungsedikte erlassen, sie beinhalteten u.a. die mehrjährige Befreiung von Abgaben und Steuern.
Hugenotten
Besonders bevorzugte Einwanderer waren die Hugenotten. Nachdem Ludwig XIV. 1685 das Toleranzedikt von Nantes (1598) aufhob (durch das Edikt von Fontainebleau), kamen 20.000 vertriebene Protestanten nach Preußen (5000 Hugenotten in Berlin = ein Fünftel der Bevölkerung).
Friedrich Wilhelm von Brandenburg - selbst Calvinist, im Gegensatz zur Mehrzahl seiner evangelisch-lutherischen Untertanen - hieß seine französischen Glaubensgenossen mit dem Edikt von Potsdam willkommen. Er gewährte ihnen beispielsweise freie Bürgerrechte, Steuer- und Zollfreiheit, wirtschaftliche Subventionen und eine separate französische Verwaltung. Außerdem konnten sie hohe Positionen in Verwaltung und Militär besetzen. Die Einwanderer erhielten somit eine kirchliche, wirtschaftliche und teilweise auch rechtliche Sonderstellung.
Zwar trugen die als fleißig und sehr gebildet geltenden Hugenotten zum wirtschaftlichen Aufschwung in Preußen bei, doch vor allem von der einfachen Bevölkerung wurden sie anfangs abgelehnt. Durch die Einwanderer wurde der Wohnraum knapp und die Lebensmittelpreise stiegen. Die Menschen fürchteten um ihre Arbeitsmöglichkeiten und verweigerten den Franzosen den Zutritt zu Zünften, steckten ihre Häuser an oder verprügelten sie. Gleichzeitig entstanden vielerorts abgeschlossene französische Kolonien, sozusagen kleine Parallelgesellschaften - in den Schulen, der Kirche und zu Hause sprach man Französisch und blieb unter sich.
Der Integrationsprozess dauerte viele Generationen
Lessing spottete noch 1749 gegenüber seinem Verlegerfreund Nicolai über die eigentümlich geistige Atmosphäre "in Eurem französierten Berlin".
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg der Anteil der Mischehen deutlich. Zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde die Rechtsstellung der Hugenottennachkommen an die der deutschen Bevölkerung angeglichen - auch im Zuge der Stein-Hardenberg'schen Reformen. Kirchenbücher wurden erst ab 1896 auf Deutsch geführt. Otto von Bismarck soll die Hugenotten schließlich als "die besten Deutschen" bezeichnet haben.

