
- Die Marwitze in Friedersdorf heute
Erst nach dem Mauerfall begannen die Eltern von Hans-Georg über die alte Heimat zu reden. Er sagt, sie seien plötzlich wie elektrisiert gewesen und erinnert sich an ein Mittagessen, bei dem sein Vater die Fassung verlor.
1990 entschieden Hans-Georg und Ehefrau Dorothee, den Bauernhof im Allgäu aufzugeben und sich in Ostdeutschland niederzulassen. Bereits im September 1990 kauften sie Land in der Gemeinde, ein halbes Jahr darauf zog das Paar nach Friedersdorf. Damit gehören die Marwitze zu den ersten adeligen Rückkehrern in Brandenburg.
Da die meisten Häuser des Dorfes auf ehemaligem Marwitz-Land standen, hatten viele Menschen Angst vor Rückforderungen. Hans-Georg lud die Friedersdorfer zu einer Versammlung ein, um ihnen sein Vorhaben zu erklären und klarzustellen, dass er keine Rückgabeansprüche stellen würde.
Viele alte Friedersdorfer reagierten gerührt auf die Rückkehr der Familie, einige sollen unter Tränen gesagt haben: "Sie sind wieder da!". Doch es gab durchaus auch Abweisung.
Das erste halbe Jahr pendelte Hans-Georg regelmäßig aus dem Allgäu nach Friedersdorf.
Im Januar 1991 zog er mit der inzwischen schwangeren Dorothee ganz dorthin. Während sie die Nebengebäude des ehemaligen Schlosses umbauten, wohnte die kleine Familie die ersten neun Monaten im Wohnwagen.
Zuvor war das Gelände ein Müllplatz. Das eher bescheidene Leben sicherte ihnen die Unterstützung der Dorfbewohner. Einige brachten Blumen, Obst oder Fleisch vom Schlachten, andere stellten ihnen ihr Badezimmer zur Verfügung. Auch die damalige Bürgermeisterin Kursawe unterstützte die Familie.
Das Ehepaar Marwitz lebt heute im ehemaligen Torhaus, die Kinder sind inzwischen alle ausgezogen, der jüngste Sohn geht ins Internat. Großmutter Barbara wohnt im Kavaliershaus.
1991 wurde auf Initiative von Hans-Georg die Dorfkirche saniert (Theodor Fontane über die Kirche: "ein Kleinod, das wahrlich in märkischen Landen nicht seinesgleichen findet“). Bei den Aufräumarbeiten entdeckte man ein Kreuzgewölbe, in dem sich die Särge des ersten Marwitz, seiner Frau und seines Sohnes in äußerst gutem Zustand befanden. Für Hans-Georg war dieser Fund "schon sehr, sehr beeindruckend".
Anfang der 1990er Jahre ließ Hans-Georg den Getreidespeicher des Dorfes, der einst seinem Großvater gehörte, in einen Kunstspeicher umbauen. Er ist heute der Dorfmittelpunkt - mit Gaststätte und Regionalladen. Dort finden Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen statt. Neben knapp 30 Friedersdorfern ist Marwitz geschäftsführender Gesellschafter der Dorfgut Friedersdorf GmbH und Co KG, die den Kunstspeicher betreibt. Mit zehn Angestellten ist er der größte Arbeitgeber im Ort.
Hans-Georg veranstaltete außerdem bisher vier Mal den von ihm ins Leben gerufenen Feld- und Handwerkertag - ein Fest, das Tourismus in die Region und dem Dorfverein mehr Einnahmen bringen sollte. Gezeigt wurde alte Landwirtschaftstechnik, u.a. Dampfflüge. Bei der letzten Veranstaltung 2006 kamen 12.000 Besucher nach Friedersdorf.

