Boris Pfeiffer (Foto: www.borispfeiffer.de) und Buchcover "Unter der Stadt" (Kosmos)

- Interview mit Boris Pfeiffer

Herr Pfeiffer, Sie wurden in Berlin-Wilmersdorf geboren und haben dort auch Ihre Kindheit verbracht. Was sind die größten Unterschiede Ihrer Kindheit im Vergleich zu der eines Kindes von heute?
Da gibt es viel. Sicherlich spielen auf den ersten Blick die Entwicklungen aus der technischen Welt, die stattgefunden haben und unser Leben beeinflussen und mitbestimmen, eine gewichtige Rolle.
Ich wurde 1964 geboren und da gab es noch die großen, grauen Telefone mit Kabel. Weder an ein Handy, noch an einen Computer, geschweige denn an ein Smartphone war damals zu denken. Auch nicht an einen Walkman, also eine Erfindung, die heute schon wieder vergessen ist.
Aber da ist natürlich noch mehr. Die Straßen waren damals insgesamt leerer, die Werbung war weniger massiv, wir standen nicht unter diesem Dauereinfluss der Medien, die um Aufmerksamkeit kämpfen, wie wir es heute tun. Das Leben war noch etwas weniger vermarktet als heute.
Es gab damals nur drei Fernsehprogramme, fünf, wenn man die beiden Ostsender kannte. Ich kannte sie als Kind lange nicht und war völlig platt, als mir ein Mädchen aus dem Nachbarhaus erzählte, man könnte abends zwei Mal Sandmännchen gucken, einmal das Ostsandmännchen und einmal das Westsandmännchen.
West-Berlin und Ost-Berlin gab es auch noch. Das war sehr anders. Ich bin in einer Stadt groß geworden, um die eine Mauer gezogen war. Wenn wir nach Hamburg oder Paderborn zu meinen Großeltern fuhren, mussten wir mit dem Auto durch stundenlange Grenzkontrollen und über holprige Autobahnen. Naja, das ist in Berlin mit den vielen Schlaglöchern inzwischen nach dem Winter wieder genauso.
Ich denke gerne an die 60er und 70er Jahre zurück, soweit ich mich erinnern kann, und ich überlege seit längerem, die Geschichten mit den vielen Kindern, mit denen zusammen ich auf einem Hinterhof groß geworden bin und gespielt habe, aufzuschreiben. Vielleicht finde ich dafür einmal einen Berliner Verlag, für den das spannend wäre.
Auch ein Unterschied zu heute dürfte sein: Meine Kindheit hat viel draußen stattgefunden. Stunden vor dem Bildschirm kannte ich nicht.

Welche Bücher haben Sie als Kind geliebt, wer waren Ihre Helden?
Sehr viele. Angefangen mit der Prinzessin Apolejka, Tomte Tummetott, dem glücklichen Löwen. Dann Pipi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas, aber auch die orangefarbene Katze, Michel, die 5 Freunde, Emil, Kalle Blomquist, Jan, der Detektiv, die Schüler von Burg Schreckenstein, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, der Wildtöter, Winnetou und und und ... Ich kann sie nicht alle aufzählen.
Meine Helden waren die Bücher. Ich habe als Kind jedes Buch gelesen, das ich bekommen konnte, ich habe in Geschichten genauso gelebt wie auf dem Hof mit den anderen Kindern, auf der Straße, in meiner Familie oder in der Schule.

Ihr beruflicher Werdegang sieht recht bunt aus: Buchhändler, Antiquar, Studium der Landschaftsplanung und Linguistik, schließlich Statist, Regieassistent, Autor und Regisseur am Theater. Nun sind Sie doch wieder bei Büchern gelandet. Wie helfen Ihnen all diese Erfahrungen beim Schreiben?
Wenn Sie das so aufzählen, klingt es wahrhaftig recht zusammengewürfelt.
Für mich war mein Leben das aber nie. Das liegt wohl auch daran, dass ich immer geschrieben habe.
Ich habe angefangen zu schreiben, als ich etwa zwölf Jahre alt war, zunächst Gedichte. Damit habe ich seitdem nie wieder aufgehört.
Erst vor kurzem habe ich mit 16jährigen Schülern der Carlo Schmid Oberschule in Spandau einen ‚Projekttag Dichten’ gemacht. Das waren fast nur Jungen, die fast alle ein paar Gedichte geschrieben haben…
Während ich studierte, fuhr ich außerdem Taxi und schrieb jede Nacht Gedichte und im Laufe der Jahre Hunderte Seiten Geschichten, Beobachtungen und mindestens einen unvollendeten Roman. Den habe ich ‚Hundehimmel’ genannt. Der Schauspieler und Musiker Andreas Krämer hat vor einiger Zeit in Bremen ein Exzerpt davon zusammen mit dem Schauspieler Guido Gallmann auf seine Wohnzimmerbühne gebracht.
Die Uni war für mich eher so eine Art Pflicht, weil ich ja schließlich Abitur gemacht hatte. Ich bekam dort sogar eine Assistentenstelle angeboten. Aber ich fühlte mich dort nicht wirklich richtig. Zum sogenannten ‚Vorsingen’ auf eine Professorenstelle kam ich in die Auswahlkommission und als ich merkte, dass der Professor, der mich in diese Kommission geholt hatte, mich als feste zweite Stimme für seine Wahl ansah, hat mir das missfallen.
Ich habe mich immer besser durchs Leben gelernt, als mich in festen Strukturen und hierarchisch einzuordnen. Ich bin sehr fleißig und habe mir meine Wege immer dann neu gesucht, wenn ich das Gefühl hatte, in einer Struktur nicht wirklich etwas zu finden, das mich weiterbringt.
Das Theater brachte mich persönlich viel weiter als die Uni. Ich hätte mein Leben sicher am Theater verbringen können.
Aber unter allem lag eben weiter und stets das Schreiben. Dem bin ich schließlich immer wieder gefolgt. Dafür haben mir das Theater – auch für meine Lesungen, die ich heute zahlreich halte - wie auch das Drehbuchstudium, die Dramaturgie, die Menschen, die ich getroffen habe, viel geholfen. Ich habe mir am Theater und an der Filmhochschule Kenntnis der Stoffe und Handwerk angeeignet.
Ich verdanke meinem Leben viel.

Sie haben auch mal fürs Fernsehen gearbeitet. Für viele ist das ein Traumberuf, für Sie war es das offensichtlich nicht. Was hat Ihnen da nicht gefallen?
Mein romagnolischer Freund Paride Raspadori, der als kreativer Werbefachmann arbeitet, meinte einmal: „Das Fernsehen ist nur eine große Kiste für Werbung!“
Mich hat die Geldmaschinerie vom Fernsehen weggetrieben, die dort herrscht, jedenfalls nach dem zu urteilen, wie ich es damals kennengelernt habe.
Und die Art und Weise, wie mit den Stoffen der jungen Autorinnen und Autoren umgegangen wurde. Ich habe da eine ziemliche Zockerei gesehen und ich muss auch sagen eine ziemliche Skrupellosigkeit.
Ich hätte beim Fernsehen sehr viel Geld verdienen können aber um den Preis der Frage, ob ich mir dabei wirklich noch ins Gesicht hätte sehen können. Und das habe ich für mich persönlich verneint.
Das Fernsehen mag viele gute und wichtige Seiten haben, die hat es sicher, und es wird viele verantwortliche und wache Menschen dort geben, aber ich bin dort hauptsächlich an die falschen geraten – für mich war es einfach der falsche Ort. Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt und der einzige Maßstab, den ich dort als relevant kennengelernt habe, war das Geld.

Inzwischen sind Sie ein bekannter Kinderbuchautor, viele Bücher aus der Reihe „Die drei ??? Kids“ stammen aus Ihrer Feder (oder sagt man heute: Aus Ihrem Rechner?!).
Wie arbeiten Sie, schreiben Sie, wenn Ihnen was einfällt oder arbeiten Sie täglich an Ihrem jeweiligen Buch?

Ja, die ‚Drei ??? Kids’ sind ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Aber bitte vergessen Sie nicht meine anderen Bücher, die mir genauso am Herzen liegen und auch sehr vielen Leserinnen und Lesern, Eltern, Lehrerinnen und Bibliothekarinnen: ‚Das Wilde Pack’, ‚Unsichtbar und trotzdem da!’, ‚Die Akademie der Abenteuer’, für die Jüngsten ‚Kira und Buttermilch’ und meine Jugendromane für die Älteren.
Das sind alles Bücher, die aus meiner, ich würde weiterhin sagen, Feder stammen. Ich schreibe noch durchaus viel mit der Hand. Notizen und Ideen, Konzepte und Überlegungen verfasse ich zumeist handschriftlich. Ich kann sogar auf meinem Smartphone mit einem Stift Notizen schreiben, was ich sehr gelungen finde. Erst, wenn es ans Formulieren geht, in den Fluss der Sprache, tippe ich. Und dann natürlich am Computer.
Ich habe bisher um die 80 Bücher und Theaterstücke verfasst und ich schreibe immer nur an einem Buch. Wie soll das gehen, quer durch den Garten an verschiedenen Büchern zu schreiben? Ich würde mich verrückt machen. Eine Geschichte zu ihrer Zeit.
Natürlich gibt es längere Werke, an denen arbeite ich lange, Monate, unter Umständen sogar mal mehrere Jahre. Ich schreibe dann einige Wochen oder Monate daran oder denke auch Mal nur eine Woche über dieses Buch nach. Anschließend lege ich es zur Seite und widme mich einem anderen Buch. Wenn ich das dann nach sieben oder acht Wochen fertig geschrieben habe, nehme ich die andere Arbeit wieder auf, jetzt mit Abstand, der mir neuen Überblick verschafft. Aber ich arbeite nie an mehreren Büchern gleichzeitig.

In Ihrer Reihe „Unsichtbar und trotzdem da“ spielt die Stadt Berlin eine Hauptrolle. Warum legen Sie sich mit dem Ort so fest, ist das nicht eine Einschränkung, wenn die Bücher immer in derselben Stadt spielen?
Das fiktive Rocky Beach, in dem ‚Die drei ??? Kids’ spielen, ist viel kleiner als Berlin und keine Einschränkung.
‚Das Wilde Pack’ spielt auch immer in einer Stadt und das ist keine Einschränkung. Vielleicht sehen Sie eine mögliche Einschränkung darin, dass Berlin eine echte Stadt in der Wirklichkeit ist und die Menschen, die woanders leben, sagen könnten: Berlin interessiert uns aber nicht, wir leben in München oder Linz oder Osnabrück oder Altfunnixsiel oder Lingen. Das wäre schade, wenn das passiert.
Meine Geschichten über die ‚Unsichtbar-Affen’, wie sich die Bande nennt, haben einen größeren Anspruch und mehr zu erzählen, als dass man sie als ‚nur Berlin-Krimis’ abtun könnte. ‚Unsichtbar und trotzdem da!“ sind sozial starke Bücher. Sie erzählen über Ungerechtigkeit, über Gier, über Neid, über alle Arten der seltsamsten, spannendsten, fiesesten oder auch Mal komischsten und traurigsten Verbrecher und über eine wundervolle Kinderbande, die sich aus ganz unterschiedlichen, sehr lebenswirklichen Kindern und ihrem Taschendiebaffen zusammensetzt.
Diese Kinder kommen aus Berlin und die Stadt mit ihren Verstecken und spannenden Winkeln und Schlupflöchern ist eine großartige Kulisse. Aber die Kinder Jenny, Addi und Aĝan sind vor allem aus dem Heute.
Jedes Kind kennt sie und wird sich in ihnen wiedererkennen können. Das sagen mir auch alle Leserinnen und Leser, die Kinder und die Erwachsenen. Die Kritiken über ‚Unsichtbar und trotzdem da!’ sind sehr begeistert und finden diese Krimireihe sehr gelungen. Die Verankerung der Geschichten im Hier und Jetzt, das Soziale darin, der Witz, die vielen unbekannten Ecken und Winkel einer Großstadt sind ein großes Plus dabei.
Dazu kommt, ich kenne Berlin als Berliner und ehemaliger Taxifahrer gut und ich lasse die ‚Unsichtbar-Affen’ viele Geheimnisse der Stadt entdecken.
Nein, Berlin ist keine Einschränkung. Das zeigen die Reaktionen der Leser und Leserinnen. Das zeigt auch, dass die ersten beiden Bände sofort von Hörbuch Hamburg als Hörbücher veröffentlicht wurden.
Und ganz nebenbei – ich hätte da auch schon eine Geschichte auf Lager, die am Rhein-Herne-Kanal spielen würde, in den Ferien…
Und durch meine vielen Lesereisen in Deutschland würde ich jederzeit noch ein paar tolle Orte für Fälle auf Lager haben. Das wird sich alles in Zukunft entscheiden.
Sollten also nach diesem Interview tausende Menschen beim Kosmos Verlag anrufen und sagen, die Unsichtbar-Affen müssen unbedingt deutschlandweit ermitteln, dann würde ich das angehen. Bisher lieben die Leser die Bande vor allem für ihre Authentizität, die tollen Geschichten und die Werte, die in den Büchern vermittelt werden.

Nun wollen die Erzieherstudenten zusammen mit einer 5. Klasse einen Buchtipp für Ihr Buch „Unter der Stadt“ drehen. Welche Ideen hätten Sie für die filmische Umsetzung?
Um auf diese Frage antworten zu können, müsste ich mit den Kindern und Studenten sprechen. Im Gespräch und anhand ihrer Ideen, denn sie sind die Filmemacher, würde ich meine Ideen dazugeben können. So aus der hohlen Hand kann ich das nicht.
Allerdings kämen in meiner Filmidee wahrscheinlich eine Fahrt im dunklen U-Bahn-Waggon vor, Fußball auf dem Bahnsteig samt Stationsvorsteher und ein schreiender Affe im künstlichen Nebel…

Hätten Sie gedacht, dass die Kinder von heute nicht mehr Buchseiten umblättern, sondern auf einem Bildschirm hin und her touchen, in dem Hunderte Bücher stecken können?
Was halten Sie von den E-Books, ist das das Ende der Buchdruckkunst?

Das E-Book, glaube ich, wird sich im erzählenden Bereich für Kinder zunächst als paralleles Zweitbuch zum gedruckten Buch entwickeln. Ich denke, dass man als Buchkäufer, wenn man ein gedrucktes Buch kauft, das E-Book umsonst dazu bekommt. Wer nur ein E-Book will, muss es dann eben gesondert bezahlen.
Das E-Book hat noch viele Schwächen. Zum Teil ein schwaches Layout, man kann sich nicht schnell genug im Text bewegen, das Blättern ist zu umständlich. Das trifft nicht für alle Anbieter oder Formate gleichermaßen zu, ist aber durchaus der Fall.
Der einzige große Vorteil ist im Moment für mich das Gewicht, also, dass man z.B. auf Reisen als E-Book richtig viele Bücher leicht mitnehmen kann und das koordinierte Lesen auf verschiedenen Geräten. Die unterschiedlichen Formate dagegen, der ganze technische Wettstreit der Anbieter nervt als Leser.
Wiederum ganz witzig sind die enhanced E-Books, wie sie Kosmos zum Beispiel bei den ‚Drei ??? Kids und Du’ anbietet.
Für die Verlage bedeutet das E-Book sicher eine Aufforderung zur Qualitätsarbeit. Es werden insgesamt immer schneller immer mehr sehr schlecht redigierte und wenig bedachte Texte in Umlauf kommen, und die Verlage können sich dem wahrscheinlich nur durch Anspruch und Qualität entgegenstellen. Die Verlage werden die Autoren auch finanziell besser stellen müssen, damit diese wiederum nicht zu Selbstverlegern werden. Das wird sich alles neu einspielen.
Was mir Sorge macht, sind die immer kleineren Häppchen an Texten, auf die wir mit dem E-reading zusteuern. Abtauchen in Geschichten, eigene Welten tief erleben und erfahren, ausschweifende Blicke über den Tellerrand, das sollten wir uns bewahren und ausbauen.
Bei den Bilderbüchern hoffe ich nicht, dass alle Bilder irgendwann als bewegte Strips daherkommen. Ruhelosigkeit und Stress sind hoch genug. Wir brauchen Ruhe und Fantasie, Vorstellungskraft und Kreativität, und wenn alles nur noch zappelt, tun wir uns damit nichts Gutes.
Darum wünsche ich den Kindern nicht nur E-Books, auch wenn der Umgang damit ganz natürlich immer mehr voranschreiten wird, sondern weiterhin viele gedruckte Bücher und vorlesende Eltern und Großeltern.
Andererseits bin ich auch sehr gespannt, welche technische Möglichkeit als nächste ihren Kopf aus dem Wasser steckt. Vielleicht wird es ja der aus einer I-watch heraus dreidimensional projizierte Autor sein, der auf dem Arm der Leser sitzt wie ein Papagei auf der Stange und von dort seine Geschichte vorliest oder erzählt.
Wer weiß…?

Quergefragt hat Tina Henneberg vom rbb-Familienprogramm.