rbb Fernsehen

rbbonline | Archiv

QUIVIVE
QUIVIVE

Sie haben kein Flash oder / und kein Javascript aktiviert.
Rufen Sie das Video bitte hier auf.

Mi 03.03.10 20:15

Training statt Herz-Bypass: Bewegung lässt neue Blutgefäße am Herzen sprießen

Wichtig ist intensives körperliches Training, das für vermehrten Blutfluss in den Gefäßen sorgt. Da dies nicht allen Arteriosklerose-Patienten gelingt, gibt es etwas Neues: Die sogenannte Herzhose.

Arteriosklerotisch verengte Gefäße bedeuten eine Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen im Körper. Das führt im schlimmsten Fall zu Herzinfarkt oder Schlaganfall. Doch in manchen Fällen kann der Körper sich selbst helfen: Jeder Mensch hat von Geburt an in der Nähe großer Arterien ein Netz an Umgehungskreisläufen (Kollateralen), die immer dann verantwortungsvoll einspringen, wenn die benachbarte Arterie verstopft ist.

So gibt es Patienten, die komplette Gefäßverschlüsse haben, aber davon nichts wissen, weil sie natürliche Bypässe gebildet haben. Entdeckt wurde die Existenz biologischer Bypässe schon vor mehr als hundert Jahren bei Angiografien (Darstellung der Blutgefäße durch Röntgen) von Arteriosklerose-Patienten. Auf den Aufnahmen konnte man erkennen, dass Kollateralgefäße gewachsen waren. Wie funktionstüchtig die natürlichen Bypässe sind, hängt von erblichen Bedingungen, Risikofaktoren und dem Trainingszustand des Patienten ab. Deshalb gilt Bewegung als eine wichtiger Pfeiler in der Therapie der Arteriosklerose.

Doch nicht alle Patienten mit fortgeschrittener Gefäßverstopfung können ein regelmäßiges Gefäßtraining absolvieren. Deshalb haben die Wissenschaftler aus der Berliner Charité- die ECP (Externe Gegenpulsation), kurz „Herzhose“, weiterentwickelt. Sie besteht aus sechs aufblasbaren Manschetten, wie sie auch Astronauten im All tragen, die paarweise um Unterschenkel und um zwei Stellen der Oberschenkel gelegt werden. Sie blähen sich auf und entlüften sich im Herzrhythmus. Das beschleunigt den Blutfluss, durch den der Druck auf die Blutgefäße gesteigert wird. Durch dieses passive „Training“ wird eine intensive körperliche Bewegung simuliert.

Die Herzhose wurde bereits an 23 Patienten mit einer Erkrankung der Herzkranzgefäße sieben Wochen lang getestet. Die Daten sind erfolgversprechend: Der Blutfluss nahm durchschnittlich um das Doppelte zu, die Beschwerden linderten sich und sechs der behandelten Patienten ging es so gut, dass die verstopften Gefäße weder durch eine Ballondilatation noch eine Stentimplantation aufgedehnt werden mussten.

Ärzte machen sich mit der Herzhose in eleganter Weise also ein schon vorhandenes biologisches Prinzip zu Nutze. Eine therapeutische Beschleunigung dieses „biologischen Wachstums“ mit Hilfe der Herzhose ist aus medizinischer Sicht sehr attraktiv, da sie nebenwirkungsarm, kostenreduzierend und trotzdem effizient ist. Die neue Behandlung könnte sowohl präventiv als auch nach einem Gefäßverschluss wirksam sein, da sie in kurzer Zeit zu großen Bypässen führt.

Vorbereitet wird jetzt eine große Studie mit 400 Herzpatienten. Eine Gruppe der Patienten wird per Herzhose behandelt, und die andere Gruppe wird konventionell therapiert. Geplant sind zudem zwei weitere Studien mit jeweils 80 Patienten. Untersucht werden soll zum einen der Effekt der Behandlung mit der Herzhose bei Patienten mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko. In der zweiten Studie sollen Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) behandelt werden. Bei dem umgangssprachlich als Schaufensterkrankheit bezeichneten Leiden sind Arterien der Beine eingeengt. Auch hier soll untersucht werden, ob das passive Training mit der Herzhose die Entwicklung der entsprechenden Kollateralarterien fördern kann.

Für diese Studie mit Gefäßpatienten sucht die Berliner Charité noch Teilnehmer. Interessenten mit einer stabilen Angina Pectoris oder einer Schaufensterkrankheit (PAVK) können sich per Mail melden unter ivo.buschmann@charite.de

Filmbeitrag: Erika Brettschneider
Infotext: Constanze Löffler

Dieser Text gibt den Sachstand vom 03.03.2010 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Im Beitrag:

Priv.- Doz. Dr. med. Ivo Buschmann

Charité – Universitätsmedizin Berlin
CCR – Center for Cardiovascular Research
Hessische Straße 3-4
10115 Berlin
Tel.: 030 - 450 525 002

Prof. Dr. med. Karl-Ludwig Schulte

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin
Ev. Krankenhaus Königin-Elisabeth-Herzberge
Herzbergstr. 79
10362 Berlin

Serviceadresse:

Deutsche Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin

Luisenstr. 58/59
10117 Berlin
Tel.: 030 - 531 48 58 20
Fax: 030 - 531 48 58 29
Email: info@dga-gefaessmedizin.de

Infos im WWW

CCR – Center for Cardiovascular Research, Charité

www.charite.de

Ev. Krankenhaus Königin-Elisabeth-Herzberge

www.keh-berlin.de

Deutsche Gesellschaft für Angiologie

Gesellschaft für Gefäßmedizin

www.dga-gefaessmedizin.de

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/quivive/archiv/quivive_vom_03_03/training_statt_herz.html

Fenster schließen!