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Über die Hälfte aller in Deutschland lebenden Menschen leiden unter Kopfschmerzen - viele davon unter Migräne. Wegen teilweise starker Nebenwirkungen dieser Medikamente verlagert sich der Fokus der modernen Migränetherapie immer mehr in Richtung Vorbeugung.
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Wenn aus der episodischen eine chronische Migräne wird
Wenn kaum ein Tag ohne Schmerzen vergeht und die vorbeugende Behandlung erfolglos blieb, sprechen Mediziner von chronischer Migräne. Auch ohne akute Attacke ist die Kopfhaut schon bei leichter Berührung schmerzempfindlich. Dahinter steckt eine permanente zentrale Sensibilisierung im Schmerzzentrum des Gehirns. Die Klassifikation der sogenannten chronischen Migräne als eigenständiges Krankheitsbild ist relativ neu, sie ist definiert als Kopfschmerzattacken, die an mehr als 15 Tagen im Monat auftreten. Betroffen ist etwa ein Prozent der Bevölkerung, die Patienten sind häufig älter als 45 Jahre und übergewichtig, nicht selten liegt zusätzlich eine Angststörung vor.
Für diese Patientengruppe ist seit 20011 das Medikament Botox® (Botulinumtoxin Typ A) zugelassen. Voraussetzung für die Behandlung mit Botox ist, dass die Kopfschmerzen nicht durch Schmerzmittel verursacht sind und die Prophylaxe nicht angesprochen hat.
Botolinumtoxin ist ein Nervengift, das vor allem bekannt ist als Mittel zur Faltenglättung. Mediziner vermuten, dass es bei der chronischen Migräne die Empfindlichkeit schmerzleitender Fasern herabsetzt, indem der Wirkstoff Botolinumtoxin die Freisetzung von Botenstoffen blockiert. Der genaue Wirkmechanismus ist aber unbekannt. Circa 60 Prozent der Patienten profitieren von der Behandlung. Ziel ist, die Migräne in den episodi-schen Verlauf zurückzubringen, um sie dann besser behandeln zu können. Das gelingt nur, wenn die Behandlung alle drei Monate wiederholt wird. Die Patienten werden im Abstand von ein bis zwei Monaten an rund 30 Stellen am Kopf mit dem starken Nerven-gift behandelt – die Einstichstellen in die Stirn, an der Seite, am Hinterkopf, im Nacken und an der Schultermuskulatur sind genau definiert.
Botox® sollte nur bei häufigen Migräneattacken angewendet werden, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Zudem sollte die Behandlung immer von erfahrenen Kopfschmerzspezialisten durchgeführt werden. Zwar hat Botox® im Vergleich zu herkömmlichen Schmerzmedikamenten weniger Nebenwirkungen, dennoch ist Vorsicht geboten. In seltenen Fällen kann es zu unerwünschten Effekten wie Spannungsgefühlen der Haut, Schmerzen in den Hautnerven oder Nackensteifigkeit kommen.
Eine weitere neue Behandlungsmöglichkeit der chronischen Migräne wurde im Jahr 2012 zugelassen: die Neuromodulation in Form der Occipitalis-Neuromodulation (ONS). Eine in der Fachzeitschrift "Cephalalgia" erschienene Studie konnte zeigen, dass die elektrische Stimulation des Hinterhauptsnervs (Nervus occipitalis) bei Patienten mit chronischer Migräne, die bisher mit Medikamenten nicht ausreichend behandelt werden konnten, die Migränefrequenz senkt. Hierzu werden in einem kleinen operativen Eingriff zwei Elektroden über den beiden Hinterhauptsnerven platziert und mit einem winzigen Stimulator an- oder ausgeschaltet. Die Programmierung des Stimulators erfolgt von außen über eine Funkverbindung. Auch bei der ONS ist das Ziel, die Zahl der Tage mit Kopfschmerzen zu reduzieren.
Autorin: Erika Brettschneider
Infotext: Beate Wagner













