Frau hält sich den Kopf, Quelle: dpa

- Wege aus der Migräne - Vorbeugung und Therapie

Über die Hälfte aller in Deutschland lebenden Menschen leiden unter Kopfschmerzen - viele davon unter Migräne. Wegen teilweise starker Nebenwirkungen dieser Medikamente verlagert sich der Fokus der modernen Migränetherapie immer mehr in Richtung Vorbeugung.

Seite 1 von 2

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Acht Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Bei Kindern und Jugendlichen schätzt man, dass vier bis fünf Prozent betroffen sind. Bei älteren Menschen tritt der Kopfschmerz dagegen deutlich seltener auf. Fachleute unterscheiden 22 verschiedene Migräneformen. Die häufigste ist die Migräne ohne Aura mit etwa 80 bis 90 Prozent. Die Migräne mit neurologischen Begleitstörungen macht etwa zehn Prozent aller Attacken aus.

Die typischen Beschwerden sind pochende Kopfschmerzen auf einer Seite, Blitzen in den Augen, Übelkeit und Erbrechen, manchmal kommen auch Zahnschmerzen dazu. Meist überfällt die Migräne die Betroffenen anfallsartig, bis zu fünf Tage kann eine Attacke dauern.

Verantwortlich für die heftigen Symptome ist eine Überaktivität von Botenstoffen an den Nervenenden. Im Bereich der Hirnhäute dehnen sich die Blutgefäße aus und entzünden sich. Diese Reizung erzeugt höllische Schmerzen.

Was die Migräneattacken auslöst, ist noch nicht gänzlich verstanden. Klar aber gibt es individuelle Unterschiede. So reagieren die meisten Betroffenen auf Stress, bei Frauen lösen oft hormonelle Schwankungen die Migräne aus. Weitere Trigger – so nennen Ex-perten auslösende Faktoren - können bestimmte Lebensmittel, Rotwein oder Zusatzstoffe in der Nahrung sein. Zudem werden Wetterfühligkeit und Schlafmangel für die Schmerzen verantwortlich gemacht. Wer genau wissen will, was bei ihm zu den Schmerzattacken führt, sollte ein Migränetagebuch führen.

Wie lässt sich der episodischen Migräne vorbeugen?

Episodische Migräneattacken lassen sich durch konsequente Vorbeugung reduzieren. Studien zufolge profitiert jeder zweite Patient von einer Prophylaxe, wenn diese auf drei Säulen aufgebaut ist. Ziel ist, möglichst wenig Schmerzmittel einzunehmen.

1) Schmerzmittel: Medikamentös sind bei akuten Beschwerden Schmerzmittel wie Aspirin 500 mg, Paracetamol 500 mg oder Ibuprofen 400 mg gut wirksam. Alternativ können Betroffene auch ätherische Öle wie Pfefferminzöl versuchen, es wird großflächig auf Stirn, Schläfen und den Nacken aufgetragen. Wer häufiger als sechs Schmerztage monatlich aushalten muss, sollte seine Migräne-Beschwerden in einem Kopfschmerzzentrum überprüfen lassen. Mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT) schließen Ärzte den seltenen Fall eines Gehirntumors aus. Ab einer Tabletteneinnahme von zehn Tagen monatlich droht ein Kopfschmerz, der durch die Schmerzmittel selbst entsteht.

2) Entspannung: Neben der akut medikamentösen Behandlung der Migräne kann man die Zahl der episodisch auftretenden Migränetage mit Entspannungsmethoden zumindest reduzieren. Wichtig ist dabei, den individuell passenden Ansatz zu finden. Zur Auswahl stehen Ausdauersport, progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Aku-punktur, Biofeedback und viele andere Methoden. Manchen Migränepatienten hilft es sogar, gegen den Migräneschmerz und vor allem den auslösenden Stress anzuboxen.

Mit Hilfe von Biofeedback können Migränepatienten gezielt lernen, zu entspannen: Dabei hält der Patient ein Gerät mit speziellen Sensoren in der Hand. Die Sensoren messen die Temperatur der Haut. Je entspannter der Patient ist, desto mehr weiten sich seine Blut-gefäße und die Haut erwärmt sich. Der Sensor registriert die Temperaturunterschiede und zeigt sie über Farbänderungen auf dem Monitor an – der Patient bekommt so eine direkte Rückmeldung, wie sein Körper reagiert und wann dieser entspannt ist. Mit der Zeit lernt der Patient, in jeder Situation ganz bewusst auch ohne Biofeedback-Gerät zu entspannen.

Empfohlen wird zudem ein regelmäßiger Tagesrhythmus. Das heißt, täglich etwa zur selben Zeit aufzustehen und abends ins Bett zu gehen. Kombiniert wird der geordnete Rhythmus mit gesundem Essen, Bewegung und ausreichend Schlaf. Um festzustellen, was persönlich am besten hilft, kann auch hier wieder das Migränetagebuch helfen. Erste Erfolge zeigen sich meist nach ein paar Wochen.

3) Schwer Betroffene können versuchen, vorbeugend Medikamente wie zum Beispiel blutdrucksenkende Betablocker, Antiepileptika oder Kalzium-Antagonisten zu nehmen. Dass sie neben einem erhöhten Blutdruck auch Migräne lindern können, entdeckten Wissenschaftler "nebenbei" in Studien.

Eine große Hoffnung der Forschung für die vorbeugende Migränetherapie hat sich jüngst zerschlagen. Seit Jahren tüftelte die Industrie an zwei Wirkstoffen (sogenannte CGRP-Antagonisten), die über einen neuen Therapiemechanismus die Migränebehandlung verbessern sollten. Der Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) und seine Rezeptoren werden in vielen Bereichen des Gehirns gefunden, er weitet die Gefäße und ist ein Schlüsselmolekül für die Übertragung von Schmerz. CGRP-Antagonisten sind in der Lage, die Bindung von CGRP an den Rezeptoren direkt zu blockieren und so die Übertragung von Schmerzsignalen und Migräneattacken stoppen. Die Entwicklung beider Wirkstoffe wurde jedoch unterbrochen, da trotz der Wirksamkeit in Einzelfällen eine starke Erhöhung der Leberwerte festgestellt wurde.

Die Migränespezifischen Triptane, entwickelt vor etwa 15 Jahren, hemmen die Ausschüttung dieser Botenstoffe übrigens indirekt. Heute gibt es sieben verschiedene Triptane, auf die Patienten individuell unterschiedlich ansprechen.

weitere Themen der Sendung

Raiko Thal, Quelle: rbb

rbb Praxis Fernsehen vom 14.08.2013

+++ Plötzlicher Sehverlust - was tun? +++ Blaualgen - nur igitt oder gefährlich? +++ Wege aus der Migräne - Vorbeugung und Therapie +++  Ambulante Krebsbehandlung – wo finden Betroffene Hilfe? +++ Allergieauslöser Ambrosia +++ Neue Serie: Urban Fitness - draußen und umsonst +++

Plötzlicher Sehverlust - was tun? (Quelle: rbb)

Plötzlicher Sehverlust - was tun?

Ganz plötzlich ist der Blick nicht mehr klar: Es stört oder flimmert etwas vor dem Auge, es bilden sich Schatten oder es kommt sogar zum teilweisen oder völligen Ausfall des Sichtfeldes. Viel zu oft kommt es vor, dass Patienten bei solchen Beschwerden auf einen Termin beim Augenarzt warten statt sofort in eine Augenklinik zu gehen. Fatal – denn wenn hinter den Beschwerden z.B. eine Netzhautablösung steckt und nicht rechtzeitig operiert wird, kann die Sehkraft auf Dauer geschädigt bleiben. Und bei einer Durchblutungsstörung im Auge können Sehzellen schon innerhalb von 6 Stunden unwiederbringlich verloren gehen.

Ambulante Pflege des Deutschen Roten Kreuzes, Quelle: imago

Ambulante Krebsbehandlung – wo finden Betroffene Hilfe?

Immer mehr Menschen sind wegen eines Krebsleidens nicht im Krankenhaus, sondern ambulant in Behandlung. Eine Berliner Studie hat jetzt untersucht, wie es ihnen dort geht – mit ernüchterndem Ergebnis: Die Pflege der Patienten wird häufig vernachlässigt. Zu selten kommen Pflegekräfte und nicht alle Betroffenen wissen, wann ihnen eine Haushaltshilfe oder eine Taxifahrt zum Arzt gesetzlich zusteht. (Das Video ist aus rechtlichen Gründen nicht verfügbar.)

 

Eine Frau joggt an einer Mauer entlang, Quelle: imago

Neue Serie: Urban Fitness - Die Renaissance des Trimm-Dich-Pfades mit anderen Mitteln

Treppenspringen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, Liegestütze am Geländer in der City von Potsdam oder Seilspringen vor der East-Side-Gallery. Der öffentliche Raum  bietet alles, was man für einen Fitness-Workout braucht. Trainiert wird mit dem eigenen Körpergewicht oder an Kleingeräten wie Seilen oder Therabändern. Genutzt wird dafür, was sich an Ort und Stelle findet: Treppen, Bäume, Stufen und Bänke. Man springt, hebt und balanciert. Ein Ganzkörpertraining.

Allergieauslöser Ambrosia (Quelle: rbb)

Allergieauslöser Ambrosia

Diese Pflanze ist der Schrecken vieler Allergiker: das beifußblättrige Traubenkraut, besser bekannt als „Ambrosia". Die Blüten der Pflanze sind gespickt mit unzähligen Pollen. Und jede einzelne kann für Allergiker zum Problem werden.

Blaualgen können Badespaß an Seen trüben

Der Hochsommer mit extrem heißen Temperaturen macht gerade eine Pause, an den Seen rund um Berlin ist wieder Ruhe eingekehrt. Dennoch ist es sinnvoll, sich zu erkundigen, welcher Badesee im Umland bei der nächsten Hitzewelle zur Abkühlung taugt. Denn die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. Und in der zweiten Sommerhälfte machen sich überall Blaualgen breit – nicht alle sind ungefährlich.

Mitmachen

Reporter mit Kopfschmerzen (Quelle: rbb)

Kopfschmerzen oder Migräne? - Bloggen Sie mit!

rbb PRAXIS Redakteur Benjamin Kaiser hat immer wieder Kopfschmerzen. Seine Therapie bisher: Tablette nehmen, fertig! Doch damit ist jetzt Schluss! Schmerzmittel können auf Dauer keine Lösung sein. Er will endlich herausfinden, was los ist mit seinem Kopf. In den kommenden Wochen und Monaten können Sie ihn hier von der Diagnose zur passenden Therapie begleiten.

live im studio

Experte und Studioaktion zum Thema Migräne

PD Dr. Uwe Reuter, Neurologe im Kopfschmerzzentrum der Charité, spricht im Studio über mögliche Therapien zur Vorbeugung und Behandlung von Migräne.

Mehr zum Thema

Schüler liegt mit Kopf auf Sportbank; darüber Schriftzug: Migräne (Bildmontage/ Quelle: dpa)

Das Gewitter im Kopf

Kinder leiden häufig unter Kopfschmerzen und Migräne. Doch oft werden sie unzureichend behandelt. Kein Wunder, denn viele Ärzte sind bei der Gabe von Schmerzmedikamenten bei Kindern verunsichert. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Wien zeigt, dass es bislang noch zu wenige wissenschaftlich saubere Studien zur medikamentösen Therapie bei Kindern gibt.