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Um sich für Marathonläufe oder ähnliche Herausforderungen fit zu halten, greifen immer mehr Hobbysportler zu Schmerzmitteln oder anderen Medikamenten. Eine aktuelle Studie belegt den falsch verstandenen Ehrgeiz der Freizeitathleten und warnt vor möglichen Folgen.
2:03:23 Stunden auf 42,195 Kilometern: Mit diesem Ergebnis erzielte der Kenianer Wilson Kipsang bei dem 40. BMW Berlin-Marathon am 29. September 2013 einen neuen Weltrekord. Und noch einen zweiten Rekord konnten die Veranstalter nach dem sonnigen Sonntag verkünden: Mit 36.601 Läufern erreichten noch nie zuvor so viele Läufer das Ziel auf der weltweit schnellsten Marathonstrecke.
Bis auf etwa zweitausend Profisportler waren das vor allem Freizeitsportler. Also Menschen, die tagsüber einer normalen Arbeit nachgehen und abends oder am Wochenende zum Ausgleich Sport treiben und laufen gehen. Motivation für Freizeitsport war jahrelang vor allem Fitness und Freude. In den letzten Jahren ist jedoch die Leistung auch im Breitensport immer wichtiger geworden. Nicht nur der Spaß an der Bewegung treibt die Menschen also auf die Straße, sondern sie wollen – ebenso wie Profiläufer – (Höchst-) Leistungen "abrufen".
Immer mehr Laien greifen zu Schmerzmitteln vor dem Laufen
Da jedoch die Teilnahme an Langstreckenläufen wie zum Beispiel einem Marathon oder einem Triathlon nicht nur für Hochleistungsathleten sondern vor allem für Freizeitsportler in eine wahre Schmerzodyssee ausarten kann, sorgen auch im Laiensport immer mehr Menschen vor – und nehmen Medikamente. So gaben zum Beispiel schon im Jahr 2009 mehr als 60 Prozent aller Teilnehmer des Bonner Marathons zu, bereits vor dem Start Schmerzmittel eingenommen zu haben. Aktuelle anonyme Online-Befragungen von Freizeit-Marathonläufern zeigen ähnliche Ergebnisse: Rund die Hälfte der Teilnehmer hat vor dem Wettkampf Schmerzmittel eingenommen.
Die "Train for Berlin"-Studie aus dem vergangenen Jahr bringt weitere konkrete Zahlen: Von 7.500 befragten Teilnehmern des Berlin Marathon haben vor dem Lauf 214 ohne ärztlichen Rat regelmäßig Schmerzmittel eingenommen – während des Laufes waren es 150. Jeder zwanzigste Starter lief demnach mit selbstverordneten Schmerzmitteln. Die beim Berlin Marathon 2012 durchgeführte Studie sollte primär das Trainingsverhalten der Läufer und das sportliche Gesamtverhalten analysieren. Als Nebeneffekt konnten die Experten aber auch die Medikamenteneinnahme der Freizeitsportler dokumentieren. Die Auswertung der Studie läuft noch. Einzig die Daten für die Medikamenteneinnahme haben die Wissenschaftler exklusiv für die rbb Praxis bereits vollständig ausgewertet.
Persönlicher Ehrgeiz mit Risiken
Aus Fitness-Studios ist das Phänomen des Dopings bei Laien lange bekannt: Hier nehmen Teilnehmer reihenweise Dopingsubstanzen, um in kürzerer Zeit mehr Muskeln aufzubauen. In Internetforen, aber auch in Sportvereinen und Fitnessstudios geben die Wissenden ihre Erfahrungen weiter. Heute hat sich der Arzneimittelgebrauch aber auch auf Ausdauersportarten wie den Langstreckenlauf, Tennis oder Fußball ausgebreitet. Die Sportler erhoffen sich damit, länger und intensiver trainieren zu können und so eher persönliche Ziele zu erreichen. Die vorbeugende Einnahme soll zudem Schmerzen verhindern oder ausschließen, dass sich Entzündungen verschlimmern. Was die Läufer oft vergessen oder nicht wissen: Mögliche Warnsignale des Körpers können durch die Schmerzmittel kaschiert, also nicht mehr wahrgenommen werden. Lebensbedrohliche Nebenwirkungen werden zudem nicht selten ignoriert und billigend in Kauf genommen.
Die meisten verwendeten Mittel sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich: Es handelt sich um hochwirksame Arzneimittel mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Besonders beliebt sind verschreibungsfreie Medikamente wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen. Paracetamol soll angeblich den Muskelaufbau unterstützen. Vor allem aber belastet es die Leber und wird daher beispielsweise bei Sportverletzungen prinzipiell nicht eingesetzt. ASS nehmen Patienten niedrig dosiert zur Blutverdünnung ein. Sportler erhoffen sich davon eine verbesserte Sauerstoffaufnahme. Treten beispielsweise bei einer Sportverletzung unter ASS aber innere Blutungen auf, kann das gefährlich werden.
Häufige Nebenwirkungen von Antirheumatika wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure sind vor allem Magen-Darm- und Nierenprobleme: Übelkeit, Erbrechen sowie Blut im Urin. Bestehen Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, kann es unter Schmerzmitteln im schlimmsten Fall auch zu einem Herzinfarkt kommen.
Fünf Tipps von Experten
Experten raten statt zu unüberlegtem Doping vor dem Sport eher zur Vernunft:
1. Wer schon vor dem Lauf unter starken Gelenkschmerzen leidet, sollte nicht mitlaufen.
2. Schmerzmittel sollten, wenn überhaupt, erst nach dem Lauf eingenommen werden und auch erst dann, wenn der Kreislauf zur Ruhe gekommen und der Läufer ausreichend Flüssigkeit getrunken hat.
3. Bei Schmerzen sind die Trainingsvorbereitungen unbedingt zu unterbrechen und die Ursache abzuklären. Gegebenenfalls sollte man auf den Lauf verzichten.
4. Isotone Lösungen, die ein Gramm Kochsalz pro Liter enthalten, können Probleme mit Herz, Kreislauf und Nieren vermeiden.
5. Wichtig ist eine gründliche Vorbereitung und ein guter sportmedizinischer Check. Wer plant, an einem Marathon teilzunehmen, sollte sich darauf ein Jahr lang vorbereiten und nicht einfach drauflos laufen. Regelmäßiges Training lässt die Schmerzschwelle steigen.
Text: Beate Wagner
Filmbeitrag: Ina Czycykowski









