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Nicht zum ersten Mal stehen altbewährte Diabetesmedikamente im Visier der Forschung: Sulfonylharnstoffe sind zwar hoch wirksam, aber können zuckerkranke Menschen auch in Lebensgefahr bringen. Ein Dilemma für Ärzte und Patienten. Warum sie immer noch auf dem Markt sind und welche Alternativen es gibt, zeigt die rbb Praxis.
Antidiabetika in Tablettenform reichen bei vielen Typ-2-Diabetikern zur Behandlung aus. Ernähren sie sich zudem gesund und ausgewogen und bewegen sich regelmäßig, lassen sich viele Folgeerkrankungen der Zuckerkrankheit verhindern. Sulfonylharnstoffe sind dabei altbewährte Spitzenreiter unter den zuckersenkenden Tabletten.

Der bekannteste Vertreter der Substanzgruppe der Sulfonylharnstoffe ist Glibenclamid. Ärzte verschreiben diese Arznei, wenn der Körper selbst noch Insulin bilden kann. Sulfonylharnstoffe regen die Bauchspeicheldrüse dazu an, mehr von dem Hormon freizusetzen. So soll der Blutzucker gesenkt werden. Problematisch ist, dass die Tabletten selbst dann wirken, wenn nur wenig Zucker im Blut ist, so dass schnell eine Unterzuckerung entsteht. Diese unkontrollierte Wirkung bleibt nicht folgenlos: Mit Unruhe, Schweißausbrüchen und Heißhunger bis hin zur Bewusstlosigkeit kündigt sich eine solche typische plötzliche Unterzuckerung an.
Unterzuckerungen durch Sulfonylharnstoffe sind nicht nur unangenehm und im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Erst im September ergab erneut eine retrospektive Datenanalyse aus Großbritannien, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes unter einer Behandlung mit Sulfonylharnstoffen ein bis zu 60 Prozent erhöhtes Sterberisiko haben. Verglichen wurden sie mit Patienten, die mit Metformin behandelt worden waren.
Nicht zum ersten Mal stehen die Klassiker der Typ-2-Diabetesbehandlung unter Verdacht. Bereits frühere Arbeiten hatten gezeigt, dass eine alleinige Behandlung (Monotherapie) mit Sulfonylharnstoffen das Sterberisiko im Vergleich zu anderen Wirkstoffklassen erhöhen könnte.
Für Ärzte ist das ein großes Dilemma. Denn bei vielen Patienten wirken Sulfonylharnstoffe ausgezeichnet. Wie lässt sich das Risiko im Einzelfall einschätzen? Wichtig ist, dass Ärzte ihre Patienten genau über die Gefahr der Unterzuckerung aufklären, ihnen die reale Gefährdung durch die Unterzuckerung klarmachen und die Symptome aufzeigen, anhand derer man die Unterzuckerung erkennen kann.
Seit einigen Jahren verschreiben Ärzte daher zudem wieder vermehrt Metformin, um den Blutzucker zu senken. Metformin ist seit 40 Jahren auf dem Markt, lange erprobt und aktuellen Studien zufolge noch immer eines der wirksamsten Präparate überhaupt: Es senkt den Blutzucker über verschiedene Mechanismen um durchschnittlich 20 Prozent. So verzögert es beispielsweise die Zuckeraufnahme in die Darmzellen und senkt die Zuckerproduktion in der Leber.
Der Haken an der Sache: Metformin ist viel teurer als Sulfonylharnstoffe. Fachleute hierzulande kritisieren, dass manche Gesundheitsbehörden trotz dem Wissen um die Gefahren einen Verordnungsanteil für Sulfonylharnstoffe von 25 Prozent fordern. Die aktuellen Versorgungsleitlinien für Typ-2-Diabetiker erhalten schon jetzt den ausdrücklichen Hinweis auf das möglicherweise erhöhte Anwendungsrisiko von Sulfonylharnstoffen.
Auf keinen Fall sollte man die Tabletten selbständig absetzen, ohne sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Dann finden Patient und Arzt gemeinsam eine Lösung. Wenn sich Sulfonylharnstoffe in seltenen Einzelfällen nicht umgehen lassen, muss man die Patienten wenigstens unter ständiger Kontrolle halten.
Text: Beate Wagner
Filmbeitrag: Johannes Mayer






