Verschiedene Tabletten vor einem Gläschen, Quelle: imago
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- 'Patienten, Pillen und Profite – Die Tricks der Pharmabranche'

Auf Empfehlung der Apotheker kaufen wir frei verkäufliche Schmerzmittel, Hustensaft oder Vitaminpillen und geben dafür viel Geld aus. Doch der Nutzen zahlreicher OTC (over the counter)-Medikamente ist zweifelhaft.

Ein Film vom Christine Buth und Sara Rainer
Moderation: Johannes Hiller

Statistiken zufolge kaufen wir Deutschen in der Apotheke vor allem Medikamente gegen Muskelschmerzen, Magenprobleme und Kopfweh. Die Präparate sind hierzulande auffällig teuer. Um herauszufinden, wie kostspielig Medikamente aus deutschen Apotheken im Vergleich zum Europäischen Ausland sind, haben die Autoren des Films in der Türkei, in Polen, Spanien, Frankreich, Portugal und Großbritannien verschiedene Präparate eingekauft.

Fazit: So billig wie im beliebten Urlaubsland Türkei waren medizinische Markenprodukte wie Aspirin, Rennie und Voltaren nirgendwo zu bekommen. Auch in Griechenland zahlt man für diese Medikamente weniger als die Hälfte als in Deutschland. Frankreich liegt preislich im Mittelfeld. Insgesamt sind die Präparate in allen getesteten Ländern deutlich billiger als in Deutschland.

Neben der hohen Mehrwertsteuer rechtfertigen Hersteller wie Bayer die Spitzenpreise mit den insgesamt hohen Preisen in Deutschland. Außerdem seien die Gewinnspannen der Apotheken schuld. In Großbritannien und Italien gibt es Aspirin & Co. auch in der Drogerie. Hierzulande müssen alle Arzneimittel in der Apotheke verkauft werden; lediglich Vitaminpräparate u. ä. gibt es in Drogeriemärkten. Die Apotheker halten dagegen, dass sie die Kunden schließlich beraten und gute Beratung Geld kostet.

Apotheke, Quelle: imago

Der Test – wie viel Beratung bietet die Apotheke?

Tatsächlich sind Apotheker gesetzlich verpflichtet, ihre Kunden aufzuklären: zu Überdosierungen, Neben- und Wechselwirkungen. Das scheint zur Zufriedenheit der Kunden zu gelingen. Immerhin fast 90 Prozent der Deutschen geben an, dass sie großes Vertrauen in ihre Apotheker haben. Das ist auch dringend notwendig; die Verantwortung der Apotheker ist groß: Immerhin hat jeder zweite Patient in Deutschland beim Verständnis des Beipackzettels Schwierigkeiten und ist auf Beratung und Information durch den Apotheker angewiesen.

Doch beraten die Apotheker wirklich so gut, wie es ihr Spitzenverband, die ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände) in verschiedenen Werbespots behauptet? Um das zu überprüfen, schickten die Autoren des Filmes zwei Testerinnen in 15 Apotheken einkaufen. Eine sollte ein Migränemittel für ihre Mutter besorgen, das für Menschen über 65 nicht zugelassen ist. Die andere war dazu aufgefordert, drei Packungen Schmerzmittel zu kaufen. Bei einer so großen Menge müsste ein Apotheker nach dem Grund fragen. Denn gerade nicht-rezeptpflichtige Schmerzpillen können gefährlich werden.

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Kopfschmerzen. Zehn bis 20 Prozent der Kopfschmerzpatienten haben einen so genannten medikamenteninduzierten Kopfschmerz (MIKS), weil sie zu häufig Schmerzmittel schlucken. Der Körper gewöhnt sich an die Medikamente, ist zunehmend empfindlicher für Schmerzen – und fordert immer mehr "Stoff". Ein Teufelskreis. Derzeit diskutieren Experten deshalb, ob die Schmerzmittel-Packungen schrumpfen sollten. Dadurch könnte sichergestellt werden, dass die Mittel nicht länger als vier Tage eingenommen werden. Große Mengen, wie die Testerin sie verlangte, wären dann verschreibungspflichtig.

Bei einem Schmerzmittel gibt es bereits eine Grenze: Paracetamol. Seit 2009 dürfen Apotheker nur noch maximal 20 Tabletten des Mittels herausgeben. Überdosierungen sind häufig mit schweren Beeinträchtigungen der Leberfunktion verbunden. Doch trotz dieser Einschränkung kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Situationen. Das zeigt auch das dritte Experiment im Film. Die Testerin soll fünf Medikamente besorgen, die alle Paracetamol enthalten: Vivimed, Doregrippin, Grippostad, Contac und Wick MediNait. Würde sie die jeweils empfohlene Tagesdosis der einzelnen Präparate auf einmal einnehmen, wäre das für sie lebensgefährlich, ohne Notbehandlung wahrscheinlich sogar tödlich.

Das Fazit der drei Beratungstests ist erschreckend: Die meisten Apotheker stellten wenige Fragen, verkauften aber reichlich Produkte. Von den 15 getesteten Apotheken berieten mehr als die Hälfte schlecht oder gar nicht. Keines der schwarzen Schafe war zu einer Stellungnahme breit. Die ABDA bedauert die Vorfälle und spricht gleichzeitig von Einzelfällen.

Die Wirkversprechen der Pharmaindustrie

Auch die Hersteller selbst versprechen oft mehr, als sie mit ihren Produkten halten können. Die Pharma-Konzerne haben allein im vergangenen Jahr 766 Millionen Euro für Werbung ausgegeben. Insbesondere Frauenzeitschriften sind voll damit. Marketingexperten haben nämlich festgestellt: Meist entscheiden Frauen und Mütter, welche Medikamente gekauft werden. Husten? Schnupfen? Muskelkrämpfe? Innere Unruhe? Angstgefühle? Gedächtnisprobleme? Bauchschmerzen? Die Werbung verspricht für alle Beschwerden schnelle Hilfe.

Nicht erst seit heute weiß man: Dank ihrer Versprechungen kassiert die Pharmaindustrie viel Geld für Medikamente, die gegen die diversen Beschwerden kaum nützen. Jeder Haushalt gibt pro Jahr rund 117 Euro für rezeptfreie Medikamente aus. Wie viel davon können wir uns sparen? Um das zu erfahren, besuchte der Reporter des Filmes gemeinsam mit einem Arzneimittel-Experten eine fünfköpfige Familie in Hamburg. Die meisten Mittel aus der Hamburger Hausapotheke sollen bei Erkältungen und Fieber helfen. Das ist typisch für deutsche Haushalte; Erkältungsmittel sind der Umsatzbringer Nummer 1 bei den rezeptfreien Medikamenten. Aber was taugen die Mittel wirklich? Die Autoren haben einige Mittel genauer unter die Lupe genommen.

- Kann Neo-Angin wirklich die Erreger und die Entzündung bekämpfen, wie es die Werbung behauptet? Nein, denn Viren oder Bakterien verbergen sich so tief in den Mandeln, dass die Inhaltsstoffe der Lutschtablette da gar nicht hingelangen. Genau wie die anderen Lutschtabletten sind sie eher "Halskosmetik" als Gesundheitshelfer.

- Und Hustensäfte? Sie sollen entweder Reizhusten lindern und das Abhusten von Schleim fördern. Beispiel Silomat, ein Mittel gegen trockenen Reizhusten, ein sogenannter Hustendämpfer. Das Präparat hat eine eigene Beratungshotline, das Silometer. Wer sich nicht sicher ist, ob er trockenen Reizhusten hat, kann hier anrufen und in die Leitung husten. Beim Testen für diesen Film fiel auf, dass das Silometer immer die gleiche Diagnose ausspuckt – und damit das entsprechende Produkt empfiehlt. Erst als der Hersteller durch die Autoren des Films damit konfrontiert wird, entfernt man den Werbetrick von der Webseite.

Auch für die zahlreichen anderen Hustenpräparate gibt es kaum gute Studien, die zeigen, dass die Mittel wirklich wirken. Statt teurer Präparate empfehlen Mediziner wirkungsvollere und vor allem günstigere Methoden: So lindert allein das Inhalieren von Wasserdampf durch das Befeuchten der Schleimhäute die Hustenbeschwerden. Zudem ist es wichtig, viel zu trinken, damit der Schleim auf der Oberfläche der Schleimhäute flüssiger wird und besser abgegeben werden kann.

- Ein weiterer Klassiker im Medikamentenschrank: Wick MediNait. Es enthält vier Wirkstoffe und soll so gleichzeitig gegen die diversen Beschwerden eines grippalen Infektes helfen: Husten, Schnupfen, Schmerzen und verstopfte Nasen – ein Produkt nach dem "Schrotschuss-Prinzip" also. Der Hersteller behauptet, die Wirkungen der einzelnen Stoffe würden sich ergänzen. Kritiker jedoch warnen: Mit der Anzahl unterschiedlicher Wirkstoffe steigt auch die Gefahr für Nebenwirkungen. Zudem enthält der Saft satte 18 Prozent Alkohol, soviel wie z.B. Liköre. Die Einzeldosis entspricht einem halben Bier. Davon – und nicht von den enthaltenen Wirkstoffen – schlafen Erkältungskranke so gut.

Medizinern zufolge gilt nach wie vor der alte Satz: Mit Arzneimitteln dauert eine Grippe sieben Tage, ohne eine Woche. Erkältungsprobleme gehen dank eines intakten Immunsystems auch wieder von allein weg. Das Immunsystem hat die Aufgabe, in den Organismus eingedrungene Krankheitserreger zu erkennen und zu inaktivieren. Wirksame "Grippemittel" gegen alle Beschwerden gleichzeitig gibt es dagegen nicht. Tatsächlich wirksam sind wenige Produkte mit Einzelwirkstoffen. Dazu gehören Schmerzmittel und abschwellende Nasensprays. Ansonsten behilft man sich am besten mit bewährten Hausmitteln und gönnt sich ein paar Tage Ruhe.

Brotscheibe belegt mit verschiendenen Tabletten, Quelle: imago

Die Vitamin-Lüge

Nicht nur Erkältungsmittel, auch Vitamin-Präparate werden groß beworben. Sie sollen Vitalität verleihen, Energie bringen, die Leistung steigern und vor Erkältungen schützen. Allein vom Vitaminpräparat Orthomol gibt es über 20 Varianten für alle Lebenslagen.

Fast jeder dritte Deutsche schluckt Vitaminpräparate. Die meisten Menschen glauben, dass sie sich und ihrer Gesundheit damit etwas Gutes tun. Die Erfahrungen der Autoren des Filmes sind, dass vor allem hochpreisige Vitaminprodukte empfohlen werden – solche also, an denen die Apotheker besonders gut verdienen. So kostet eine Monatspackung Orthomol zur Vorbeugung einer Erkältung fast 60 Euro. Günstigere Alternativen wie Centrum, Eunova und Cetebe verkaufen die Apotheker erst auf konkrete Nachfrage.

Und wie gut sind diese Vitamintabletten wirklich? Beim Check fällt schnell auf, dass die Pillen weit mehr Vitamine enthalten, als nötig wäre: 125, 150 oder sogar 200 Prozent des Tagesbedarfs an Vitamin C. Bis heute hat sich offenbar die alte Vorstellung gehalten, viel hilft viel. Tatsächlich sind Vitamine zum Leben notwendig.

Doch wenn sie im Übermaß zugeführt werden, können sie auch negative Wirkungen haben. Vitamin C im Übermaß behindert beispielsweise den Muskelaufbau, fördert Steinleiden sowie bei älteren Frauen Herzinfarkt und Schlaganfall. Männer, die längere Zeit Multivitaminpräparate zu sich nehmen, haben ein verdoppeltes Prostatakrebsrisiko.

Dass künstliche Vitamine gefährlich sein können, davor warnen weder die Apotheken noch die Hersteller. Ihre eigenen Studien würden positive Ergebnisse zeigen, schreiben einige Unternehmen. Orthomol erklärt, dass ihr Produkt nicht für gesunde Menschen gedacht sei, sondern für Schwerkranke „nach Chemo- und Strahlentherapie oder rezidivierenden Infektionen“. Ihr Vitaminpräparat sollte nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden. "Um eine individuelle und fachkundige Beratung sicherzustellen, vertreibt Orthomol alle Produkte zudem ausschließlich über die Apotheken". Die riesige Werbung in den Apothekenfenstern richtet sich also nur an Krebspatienten oder chronisch Kranke? Stimmt nicht! Die Apotheken empfahlen es zur Vorbeugung einer Erkältung. Ohnehin tut Orthomol einiges dafür, dass sich völlig gesunde Menschen unterversorgt fühlen. In der Werbebroschüre ist nicht die Rede von Krebskranken. Orthomol warnt hier alle vor unzureichender Versorgung über die Nahrung, ausgelöst durch "zu frühe Ernte" und "industrielle Verarbeitung".

rbb Fernsehen: Die Tricks der Pharmaindustrie, © rbb/PHOENIX/Fotolia

Keine zusätzlichen Vitamine in Pillenform erforderlich

Stimmt diese Aussage? Die Autoren des Films machen den Test und untersuchen die Blutwerte von vier Probanden auf Vitaminmangel. Tatsächlich sind die Werte der untersuchten Probanden durchweg positiv. Jede zusätzliche Gabe von Vitaminen wäre kontraproduktiv. Eine normale Ernährung reicht völlig aus, um die Menschen in Deutschland mit der notwendigen Menge an Vitaminen zu versorgen. Üblicherweise treten hierzulande keine Vitamin-Mangelerkrankungen auf. Sicherlich gibt es Situationen im Leben, in denen Menschen einen erhöhten Bedarf für Vitamine haben.

So bekommen Säuglinge im ersten Lebensjahr Vitamin D und Vitamin K. Schwangere können mit Vitamin B9, besser bekannt als Folsäure, das Risiko für einen Neuralrohrdefekt ihres ungeborenen Kindes senken. Menschen, die wenig draußen sind oder Kleidung tragen, die sie komplett umhüllt, benötigen Vitamin D, das ihre Knochen stärkt. Deshalb verordnen ihnen Ärzte entsprechende Präparate.

Das Prinzip der Vitaminersatztherapie ist veraltet. Heute wissen wir, dass nicht die Vitamine allein, sondern erst das Miteinander weiterer Stoffe in Obst und Gemüse den positiven Gesundheitseffekt auslösen. Eine Frucht enthält noch Hunderte andere Substanzen, deren Funktion wir bislang nicht verstehen. Sättigende Ballastsstoffe und heilsame sekundäre Pflanzenstoffe sind nur zwei Beispiele dafür. Packungsaufdrucke, Fernsehspots und Werbekampagnen mit Wirkversprechen sind unseriös und verunsichern die Verbraucher. Vitaminpräparate helfen Gesunden nicht

Fazit

Das Ergebnis im Preis-Check: Zu teuer!
Die Beratung der Apotheken? Zu schlecht!
Die Medikamente aus der Hausapotheke? Oft nutzlos!


Ein Film von Christine Buth und Sara Rainer, NDR
Moderation: Johannes Hiller

Kamera: Bernd Hoffmann, Sven Lunke
Schnitt: Moritz Ohlsen

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