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Ob die Anzahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland wirklich zunimmt, ist umstritten. Sicher ist jedoch: Nicht jeder, der eine Therapie braucht, findet einen Therapeuten. Die rbb Praxis gibt Tipps, wie man schnell Hilfe bekommt. Und auch, wann welche Behandlung der richtige Weg ist.
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Was ist eine psychische Störung?
Nach den derzeit verfügbaren Daten für Deutschland leidet knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Verlauf eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind Depressionen, Angststörungen und Alkoholabhängigkeit (die psychische Erkrankung bei Männern). Seltener, aber meist schwerwiegender und auch komplizierter zu behandeln sind die Essstörungen und Schizophrenie.
In Bezug auf die Berentung, Behinderung und die finanziellen Belastungen für das Gesundheitswesen nehmen psychische Störungen längst Platz eins ein. Viele Patienten aber werden nur unzureichend behandelt. Gründe dafür gibt es mehrere:
1) Es gibt zu wenige Plätze bei ambulanten Psychotherapeuten, die Patienten müssen oft bis zu sechs Monate auf eine Therapie warten.
2) Die Therapeuten sind nicht verpflichtet, jeden Patienten anzunehmen. Patienten, die chronisch psychisch krank sind und damit für den Therapeuten vielleicht eine "harte Nuss", bekommen daher oft seltener einen Platz als Menschen mit einem "leicht lösbaren" Problem.
3) Zahlreiche neu entwickelte evidenzbasierte Therapien wie beispielsweise die Dialektische Behaviorale Therapie (EBT) beim Borderline-Syndrom kommen bisher im Alltag kaum zur Anwendung, weil es keinen Anreiz gibt für die Psychotherapeuten, diese durchzuführen.

Was ist ein Psychotherapeut?
Grundsätzlich gibt es mehrere Experten, die sich um psychisch kranke Menschen kümmern. Der Psychiater/Neurologe legt den Schwerpunkt auf die medikamentöse Therapie. Psychotherapeuten legen den Schwerpunkt auf die nicht-medikamentöse Behandlung, sie bieten also das Gespräch an oder arbeiten mit Verhaltenstherapie und anderen Verfahren. Es gibt ärztliche und psychologische Psychotherapeuten. Ärztliche Psychotherapeuten haben Medizin studiert und Weiterbildung für psychische Erkrankungen abgeschlossen, sind Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie dürfen Betroffenen mit meist schwereren psychischen Erkrankungen mit Medikamenten und Psychotherapie behandeln.
Der nicht-ärztliche Experte ist Psychologe. Er hat ein Psychologiestudium abgeschlossen und nach einer drei- bis fünfjährigen staatlich geregelten Zusatzausbildung die Approbation als Psychotherapeut/in erhalten. Er darf keine Medikamente verschreiben. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten behandeln Patienten unter 20 Jahren. Sie sind meist psychologisch und ärztlich ausgebildet. Einige haben aber auch Pädagogik oder Sozialpädagogik studiert – der Begriff Psychotherapeut ist nicht geschützt.

Wann wird psychotherapeutische Hilfe nötig?
Seelische Hochs und Tiefs kennt fast jeder, und die meisten Menschen kommen damit gut zurecht. Um zum inneren Gleichgewicht zurückzufinden, kann es auch helfen, sich mit vertrauten Personen auszutauschen. Wann aber ist jemand therapiebedürftig? Das ist nicht so einfach zu beantworten, da hierbei zum einen individuelle und zum anderen gesellschaftliche Einschätzungen eine Rolle spielen. Professionelle Hilfe für psychische Probleme sollten Menschen dann in Erwägung ziehen, wenn sie allein ihren Alltag nicht mehr bewältigen können.
Ob eine psychische Störung vorliegt und welche, können in der Regel nur speziell geschulte "Fachleute" entscheiden: Hausärzte untersuchen zunächst, ob eine organische Ursache für die häufig auftretenden Beschwerden wie Schlafstörungen, Magen- oder andere Schmerzen oder Herzrasen vorliegt. Finden sie nichts, überweisen sie den Patienten zu einem Psychotherapeuten, Psychiater oder Psychosomatiker. Der professionelle Therapeut findet dann zusammen mit dem Betroffenen heraus, welche Form der Hilfe für ihn in dem Moment am besten passt. Einige Störungen erfordern zumindest zeitweise die Behandlung in einer Klinik, dann meist in Form einer Psychotherapie und medikamentösen Therapie mit so genannten Psychopharmaka.
In psychosomatischen Krankenhäusern werden Patienten stationär oder teilstationär in der Psychiatrie und der Abteilung für Psychosomatik behandelt. Psychosoziale Beratungsstellen hingegen sind meist auf bestimmte Personengruppen spezialisiert, wie zum Beispiel Kinder, Jugendliche und Eltern, Paare und Familien, chronisch kranke Menschen, Frauen. Oder aber sie konzentrieren sich auf spezielle Schwerpunkte wie Schwangerschaft, Sexualität, Sucht.
Sogenannte psychotherapeutische Ambulanzen sind meist an ein Universitäts- oder Hochschulinstitut für Klinische Psychologie und oder Psychotherapie angeschlossen oder auch an Krankenhäuser. Sie können bei Bedarf direkt aufgesucht werden. Außerdem gibt es Heilpraktiker, die über keine Approbation verfügen, sondern über eine Behandlungserlaubnis nach Heilpraktikergesetz, manche auch nur über eine eingeschränkte Heilkundeerlaubnis auf dem Gebiet der Psychotherapie. Bei ihnen ist nicht sichergestellt, dass sie ausreichend qualifiziert sind, um psychische Erkrankungen mit wissenschaftlichen anerkannten Methoden zu behandeln. Die Behandlung bei ihnen ist keine Kassenleistung.
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