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Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen: Depression, Schizophrenie, Border-Line. Was geht in ihnen vor? Wie können wir sie verstehen? Das Musical "Stimmen im Kopf" entführt auf amüsante Weise in ihre "verrückte Welt". Die rbb Praxis sprach mit einem Psychiatriepatienten, der an der Entstehung des Stückes beteiligt war.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Nadine ist psychisch krank, hat wochenlang ihre Wohnung nicht verlassen und legt auch sonst ein merkwürdiges Verhalten an den Tag. Ihr Begleiter heißt Daniel und existiert nur in Nadines Kopf. Ihre Schwester bringt sie deshalb in die psychiatrische Klinik. Nach und nach lernt Nadine hier alle anderen Patienten kennen. Just als Nadine sich auf der Station akklimatisiert hat, steht auch schon ihr Verlobter Lars auf der Matte – und versucht sie aus Berlin und der Klinik in die Heimatstadt Erlangen zurückzuholen. Doch die Mitpatienten und Nadine haben anderes vor. Zu allem Übel eskaliert auch noch die Stationsparty und bringt weitere Rückschläge für die Patienten mit sich.
Das Stück endet mit einer Szene, in der Nadine einen ihrer Mitpatienten davon überzeugt, den Schritt raus ins Leben außerhalb des Krankenhauses zu wagen. Die beiden beschließen, gemeinsam ein Leben zu probieren.
Traditionell widmet sich das Genre Musical zumindest in England und den USA seit 40 Jahren gern und intelligent allen Themen, die Menschen heute beschäftigen – so auch psychische Erkrankungen. Nun zieht auch das deutschsprachige Musical nach mit einem bemerkenswerten Stück von Komponist Wolfgang Böhmer und Autor Peter Lund: 'Stimmen im Kopf' wurde kürzlich an der Neuköllner Oper Berlin mit den Studenten der Universität der Künste (UdK) uraufgeführt.
Es handelt sich dabei nicht nur um ein ungewöhnliches Stück modernes Musiktheater, sondern auch um das Resultat einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen jungen Musical-Studenten und verschiedenen Berliner psychiatrischen Einrichtungen. Über ein Jahr hat der dritte Jahrgang des Studiengangs Musical zum Thema "Psychische Erkrankungen" mit viel Unterstützung von Ärzten und Pflegern recherchiert. Und auch Patienten aus der Psychiatrie waren bei der Entwicklung des Stücks mit dabei. Die Studenten absolvierten Hospitanzen im Krankenhaus und interviewten psychiatrische Patienten vorab ausführlich. So lernten die Jungdarsteller Patienten und ihre Geschichten kennen, studierten deren Alltag, Verhaltensmuster, Ängste und Sehnsüchte auf der Station. Daraus entwickelten sie mit Regisseur Lund ein intensives Stück Musiktheater, das einmal mehr die Antwort auf die Frage sucht, wer denn hier eigentlich die Verrückten sind. Die Aufführungen sind in der Neuköllner Oper bis Anfang Januar zu sehen.
Die rbb Praxis hat für ihren Fernsehbeitrag einen der Psychiatriepatienten portraitiert, dessen Erfahrungen in das Musical eingeflossen sind. Der 43-jährige ist manisch-depressiv. Experten sprechen dabei von einer bipolaren Störung.
Wie der Name schon sagt, leiden die Patienten dabei unter verschiedenen Extremen: Mal sind sie himmelhoch jauchzend gestimmt, dann wieder zu Tode betrübt. Sind die Betroffenen gerade depressiv, ist die Stimmung extrem niedergeschlagen. Sie empfinden keine Freude, haben keinen Antrieb – und schätzen ihre eigene Lage als absolut ausweglos ein. In schweren depressiven oder manischen Episoden treten bei etwa der Hälfte der Betroffenen auch psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen auf.
In den manischen Phasen überwiegt hingegen das euphorische, unüberlegte, übermütige Verhalten. Nicht selten überschätzen die Patienten sich dann selbst – eine Krankheitseinsicht fehlt in dieser Phase meist komplett.
Die beiden Phasen kommen und gehen unvorhersehbar und dauern auch unterschiedlich lang. 50 bis 60 Prozent der Betroffenen bekommen unmittelbar vor oder nach einer depressiven Episode aber direkt eine manische Phase. Fast jeder dritte Betroffene hat aber auch in der Zeit dazwischen Probleme mit seinem Leben, ist stimmungslabil und stößt im Beruf wie auch privat an seine Grenzen. Bei etwa jedem fünften Betroffenen wird die Erkrankung chronisch und geht in einen Dauerzustand ohne symptomfreie Intervalle über.
Im Gegensatz zu der unipolaren Depression, bei der nur depressive Episoden vorkommen, tritt die bipolare Störung bei Männern und Frauen gleich häufig auf. Meist beginnt die erste Episode rund um das 25. Lebensjahr.
Behandelt wird die bipolare Störung entsprechend der Episode, ob also eine manische oder depressive Phase vorliegt. Wichtig ist zudem das Stadium der Erkrankung. Experten unterscheiden die akute Behandlung von der prophylaktischen Therapie, die also einen Rückfall verhindert.
Filmbeitrag: Andreas Knaesche
Infotext: Beate Wagner








