Modell von einem Innenohr (Quelle: rbb)

- Wenn sich alles dreht – was tun gegen Schwindel?

Schwindel kann unterschiedliche Ursachen haben. Ihnen auf die Spur zu kommen, ist oft Detektivarbeit – und nicht jeder Arzt hat die entsprechenden Untersuchungsgeräte. Beim Morbus Menière beispielsweise ist Schwindel nur ein Teil der Symptome, so dass diese Erkrankung häufig verkannt wird.

Schwindel entsteht, wenn die Sinne widersprüchliche Informationen über die Position im Raum an das Gehirn liefern. Die drei für das Gleichgewicht zuständigen Sinnesquellen sind die Augen, die Gleichgewichtsorgane in den Ohren und „Bewegungsmelder“ in Muskeln, Gelenken und der Haut. Untersuchung und Diagnose sollten durch einen HNO-Arzt, Neurologen oder Internisten erfolgen. Schwindel ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Anzeichen ganz verschiedener organischer Erkrankungen. Dazu gehören:

- ein zu hoher und zu niedriger Blutdruck
- Herzrhythmusstörungen und Diabetes
- seltener Hirntumoren
- psychische Ursachen, manchmal auch Alkoholmissbrauch

Besonders häufig ist jedoch eines der beiden Gleichgewichtsorgane der Auslöser. Die liegen tief im Innenohr, neben der Gehörschnecke und sind ringsum von Knochen umgeben.

Ein Antibiotikum wird einem Patienten ins Ohr gespritz (Quelle: rbb)

Morbus Menière

Das Gleichgewichtsorgan ist auch bei einer speziellen Form von Schwindel betroffen, dem Morbus Menière. Beim M. Menière-Anfall staut sich aus unbekannter Ursache die Lymphflüssigkeit, so dass in der Gehörschnecke ein Überdruck entsteht (endolymphatischer Hydrops). Der wiederum führt zu Drehschwindel, einseitigem Hörverlust und Tinnitus, also pfeifenden Geräuschen auf einem Ohr.

Die Menière'sche Trias wurde nach dem französischen Arzt Prosper Menière (1799 - 1862) benannt. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf, Frauen sind etwas häufiger als Männer betroffen. M. Menière ist nicht heilbar, Ärzte können lediglich die Symptomatik behandeln.

Die Patienten erhalten Medikamente, welche die Übelkeit lindern oder den Druck im Ohr senken. Treten trotz Behandlung wieder Anfälle auf, erfolgt die nächste Stufe der Behandlung. Der Patient im Beitrag bekam beispielsweise das Antibiotikum Gentamicin ins Mittelohr gespritzt, welches das gestörte Gleichgewichtsorgan dauerhaft betäubt. Andere Möglichkeiten sind operative Eingriffe oder eine so genannte Labyrinth-Anästhesie, bei der das Gleichgewichtsorgan durch Betäubungsmittel ruhig gestellt wird.

Vor Beginn der Behandlung müssen andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden.

Dehiszenz-Syndrom

Dazu gehört auch ein sehr seltenes, erst seit wenigen Jahren bekanntes Problem: das so genannte Dehiszenz-Syndrom. Normalerweise ist das Gleichgewichtsorgan komplett knöchern bedeckt. Beim Dehiszenz-Syndrom fehlt ein Stück der knöchernen Bedeckung. Dadurch treten Druckschwankungen im Gleichgewichtsorgan auf, die ähnliche Symptome wie ein M. Menière machen können, aber ganz anders behandelt werden. Im Falle Dehiszenz-Syndrom ist das eine relativ komplizierte Operation, bei der das fehlende Stück der knöchernen Bedeckung ersetzt wird.

Patient wurde in Hypnose versetzt (Quelle: rbb)

Psychogener Schwindel

Schwindel kann aber auch psychisch bedingt sein, also unter Stress in bestimmten, meist unangenehm empfundenen Situationen auftreten. Auch Angsterkrankungen kommen im Zusammenhang mit Schwindel vor. Diese Patienten entwickeln Schwindelsymptome in Kaufhäusern, beim Gehen über hohe Brücken oder in öffentlichen Räumen. Einige Patienten entwickeln Schwindel aus Krisen und Belastungssituationen heraus. Der Schwindel hält dann dauerhaft an, obwohl die Krise ausgestanden ist.

Typisch für den psychogenen Schwindel ist die Diskrepanz zwischen eigenem Erleben und Realität: Obwohl den Betroffenen schwindelig ist und sie ständig Angst haben zu fallen, absolvieren sie Gleichgewichtstest ohne Fehler. Kein Wunder, denn die Gleichgewichtsorgane funktionieren.

Die Behandlung konzentriert sich auf den Auslöser des psychogenen Schwindels. Bei manchen Patienten reicht es schon, wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen werden. Patienten mit psychiatrischen Störungen, Angsterkrankungen und Phobien brauchen jedoch häufig eine Psychotherapie, die mitunter sogar stationär durchgeführt werden muss. Als ergänzende Therapie hilft ein Gleichgewichtstraining. Es stärkt das Gefühl, auch mit "wackligeren" Untergründen und Situationen fertig zu werden, und vertreibt die Angst vor dem Hinstürzen.

Wirksame Therapien bei Schwindel

So vielfältig die Ursachen, so unterschiedlich sind auch die Behandlungsmöglichkeiten von Schwindel. Sie reichen von medikamentösen Therapien über physiotherapeutische Behandlungen bis zu chirurgischen Eingriffen.

Ein Gürtel mit vier Vibrationsstimulatioren (Quelle: rbb)

Hypnose

Hypnose kann viele körperliche und seelische Prozesse günstig beeinflussen. Auch gegen Schwindel kommt sie zum Einsatz – allerdings nur, wenn die Erkrankung psychisch bedingt ist, zum Beispiel durch Stress.

Der Patient wird in Trance versetzt, einen entspannten Zustand zwischen Wachsein und Schlaf, bei dem er selbstbestimmt bleibt. Über den Zustand der Trance bekommt der Patient einen direkten, einfachen und schnellen Zugang zum Unbewussten. Denn – so die Theorie – am Unbewussten liegt es, wenn dem Patienten in bestimmten Situationen immer schwindlig wird. Die erlernte Verknüpfung von Ereignis und Schwindel soll wieder "verlernt" werden, indem solche Situationen unter Hypnose durchgespielt werden.
Meist gelingt es in drei bis fünf Therapie-Terminen, den Patienten auf Dauer oder für längere Zeit vor psychisch bedingten Schwindelattacken zu bewahren. Die Kosten von 80 bis 150 Euro pro Termin müssen die Patienten selbst zahlen.

Neuro-Feedback-Training

In der HNO-Klinik am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn setzen die Therapeuten auf Hightech. Die Patienten bekommen einen Gürtel mit vier Vibrationsstimulatoren und einem Steuergerät umgeschnallt und sind mit einem Computerprogramm verbunden. Das zeichnet auf, wie sehr der Träger schwankt.

Beim Gehtraining spürt der Patient dank der Vibratoren am Gürtel, ob und in welcher Richtung er sich bewegt. Mit Hilfe dieses Neuro-Feedback-Training sollen die Patienten im Alltag sicherer werden, die Körperschwankungen sollen reduziert und das Sturzrisiko verringert werden. UKB-Studien haben gezeigt, dass bei aktiven Personen nach dem Training die Effekte nach zwei Jahren noch nachweisbar sind.

Das Neuro-Feedback-Training gibt es erst seit wenigen Jahren. Die HNO-Klinik des UKB war an der Entwicklung beteiligt und ist in Berlin und Brandenburg zurzeit die einzige Klinik, die das Training anbietet. Seit diesem Jahr kann das Training nur noch von Patienten der Berufsgenossenschaft (Arbeitsunfälle) und Selbstzahlern (ca. 300 Euro) genutzt werden.

Balance-Board

Auch am Städtischen Klinikum in Brandenburg an der Havel nutzen die Therapeuten die Vorzüge der Technik. Im Rahmen einer stationären Behandlung bietet die Klinik ergänzend zur meist medikamentösen Therapie den Patienten das Training mit einer Spielekonsole an, die mit einem dazu gehörenden Balance-Board betrieben wird. Indem der Spieler durch Gewichtsverlagerung nach rechts oder links auf dem Monitor einen Skifahrer durch eine Slalomstrecke lenkt, muss er das Gleichgewicht finden und halten.

Studien haben erwiesen, dass dieses Training sogar den teilweisen Ausfall des Gleichgewichtssinns kompensieren und damit schnell und nachhaltig Schwindelattacken verhindern kann. Mit der Kombination aus Gleichgewichtstraining, Muskelspannung und visueller Kontrolle gelingt es meist in drei bis fünf Tagen, den Schwindel dauerhaft in Griff zu bekommen. Allerdings sollte vor dem Kauf des teuren Boards ein Arzt die Beschwerden abklären.


Filmbeiträge: Bert Ostberg
Infotext: Constanze Löffler

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rbb Praxis Scanner - Neue Behandlungsmethoden bei Schwindel

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