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Die US-Schauspielerin Angelina Jolie gehört zu den Frauen, in deren Familie das Risiko von Brust- und Eierstockkrebs vererbt wird. Sie hat sich deshalb vorsorglich die Brüste amputieren lassen. Für welche Frauen Gentest und vorsorgliche Amputation tatsächlich sinnvoll sind – darüber berichtet die rbb Praxis.
Ihre Geschichte ging vor fast einem Jahr durch alle Zeitungen: Angelina Jolie hatte sich im Frühjahr beide Brüste amputieren lassen – aus Angst vor Brustkrebs. Tatsächlich trägt die amerikanische Schauspielerin ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs in sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ohne Eingriff daran erkrankt wäre, war im Vergleich zu sonst gesunden Frauen um 87 Prozent erhöht.
Wie Jolie erleben viele Familien über Generationen ein schweres Schicksal: Von der Urgroßmutter, Oma bis hin zu Mutter und Tochter erkranken alle Frauen an Brustkrebs. Die Ursache: wie bei Jolie eine genetisch bedingte Veranlagung zu Brustkrebs. Frauen mit erblicher Veranlagung erkranken deutlich früher als andere Frauen an Brustkrebs, durchschnittlich vor dem 50. Lebensjahr. Zudem sind familiäre Tumoren besonders aggressiv und wachsen schnell.
Brustkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen: Jede achte erkrankt im Laufe
des Lebens daran. Haben Frauen Angst, eine familiäre Vorbelastung in sich zu tragen, können sie sich in einem Brustzentrum beraten lassen.
Anlass zu einem solch ausführlichen Beratungsgespräch gibt es, wenn:
• zwei Frauen in der Familie Brustkrebs haben, mindestens eine ist vor dem 51. Lebensjahr erkrankt.
• drei Frauen pro Familie an Brustkrebs erkrankt sind, unabhängig vom Erkrankungsalter
• eine Frau pro Familie ist vor dem 36. Lebensjahr erkrankt
• eine Frau pro Familie beidseitig an Brustkrebs erkrankt, wobei die erste Erkrankung im Alter von 51 Jahren oder früher aufgetreten ist
• eine Frau pro Familie an Brust- und/oder Eierstockkrebs erkrankt ist sowie einige weitere Fälle
Wenn mindestens einer der Fälle eingetreten ist, beraten Gynäkologen in der Spezialsprechstunde. Danach können sie einschätzen, ob ein erhöhtes Risiko besteht, an Brustkrebs zu erkranken. In einigen Fällen raten sie dann zu einer genetischen Testung, um Mutationen an relevanten Genen feststellen zu können.
Bundesweit gibt es diese Beratung in 15 Zentren für familiären Brust- oder Eierstockkrebs. Die Gentests können allerdings keine Aussage darüber treffen, ob eine Frau tatsächlich an Krebs erkranken wird oder nicht; sie erkennen nur das Risiko für die Erkrankung. Da das Ergebnis eines genetischen Testes weitreichende Folgen für die Betroffene haben kann, sollte sie sich schon vor einem Gespräch mit den möglichen Konsequenzen auseinandergesetzt haben. Weiß eine Frau nämlich beispielsweise vorher schon, dass sie einen vorbeugenden Eingriff ablehnt, kann ein positiver Test sie womöglich in große Konflikte bringen.
Bei bis zu 10 Prozent aller an Brustkrebs erkrankten Frauen beruht die Erkrankung jedoch auf angeborenen Veränderungen (Mutationen) bestimmter Gene. Dies betrifft vor allem die Gene BRCA1 und BRCA2, wobei BRCA für "BReast CAncer" steht. Bei Gesunden erkennen sie Tumorzellen im Körper und eliminieren sie. Sind die Gene allerdings mutiert, fällt diese Funktion aus. Für Trägerinnen eines mutierten BRCA1-Gens erhöht sich das Brustkrebs-Risiko auf 70 bis 90 Prozent; zusätzlich erkranken zwischen 40 und 55 von 100 Frauen an Eierstockkrebs. Ein verändertes BRCA2-Gen steigert das Risiko für Brustkrebs auf etwa 80 Prozent; rund 10 bis 20 von 100 Frauen erkranken an Eierstockkrebs. Ein weiteres, seltenes Gen, das ebenfalls mit Brust- und Eierstockkrebs in Verbindung steht, ist beispielsweise RAD51. Stattdessen bildet der Körper vermehrt Tumorzellen, sowohl in der Brust, den Eierstöcken sowie im Magen-Darm-Trakt, in der Blase und der Prostata.

Wer sich zu einer vorbeugenden Operation entschließt, minimiert das Brustkrebsrisiko um nahezu 100 Prozent. Doch der Eingriff will wohlüberlegt sein. Zum einen ist er viel aufwändiger als die endoskopische Entfernung von Eierstock und Eileitern. Diesen Eingriff empfehlen die Experten bei genetisch veranlagten Frauen als ersten Schritt. Zum anderen lässt sich bei einer vorschnellen Entscheidung die Auswirkung auf die Psyche der Frau keinesfalls absehen.
Denn nach wie vor gilt der Busen als das Organ für die Weiblichkeit. Um die Zeit der Entscheidung zu überbrücken, bieten die Zentren eine intensive Vorsorge an: Jedes halbe Jahr können sich die Frauen manuell und per Bildgebung auf ein potenzielles Tumorwachstum untersuchen lassen. Das garantiert die frühe Diagnose und erhöht die Chancen auf Heilung. Ob beide, Vorsorge und Amputation, auch auf Dauer ähnlich sicher vor Brustkrebs schützen, das müssen zukünftige Untersuchungen zeigen.
Bei vielen betroffenen Frauen ist eine Amputation der Brust unvermeidbar. Da hierzulande die Krankenkasse – übrigens anders als in den USA – auch die Kosten der Brustrekonstruktion trägt, lassen sich nahezu alle Frauen die Brüste nach dem Eingriff wieder aufbauen. Vor der Operation besprechen die Ärzte verschiedener Fachrichtungen mit der Patientin, wie das entfernte Brustdrüsengewebe ersetzt werden kann.
Die prophylaktische Amputation, wie die vorbeugende Brustentfernung medizinisch genannt wird, bedeutet übrigens nicht, dass die Brüste "abgenommen" werden. Die Chirurgen und Gynäkologen schälen lediglich das Brustdrüsengewebe aus, die umgebende Haut und die Brutwarzen bleiben erhalten. Manchmal tätowieren die Ärzte letztere jedoch, damit die Farbe so natürlich wie vorher aussieht.
Es gibt vier verschieden Möglichkeiten der Brustrekonstruktion. Die einfachste Methode zum Brustaufbau sind Silikonimplantate. Diese müssen allerdings nach einigen Jahren wieder ausgetauscht werden. Die zweite Methode gilt derzeit als Goldstandard: die "freie Lappenplastik". Der Eingriff ist aufwändig, die Chirurgen entnehmen der Patientin dabei Eigengewebe, beispielsweise am Bauch, und formen das Gewebe zur Brust um. Bei der "gestielten Muskelplastik" klappen sie eine Muskelpartie vom Rücken nach vorn um und rekonstruieren eine Brust daraus.
Als letzte Variante bleibt die Eigenfett-Transplantation. Hier saugen die Ärzte Fett am Oberschenkel ab und spritzen es anschließend in die Brust. Da das Fettgewebe nicht durchblutet ist, müssen die Zellen in kleinsten Mengen fächerförmig in verschiedene Schichten injiziert werden – rundherum bilden sich dann kleinste Blutgefäße aus. Da die Experten bei der Transplantation so nur in sehr kleinen Schritten vorgehen können, erfolgt die Behandlung auch schrittweise über ein halbes Jahr. Wird gleichzeitig zu viel Fett eingespritzt, besteht die Gefahr, dass das Gewebe wegen der fehlenden Durchblutung abstirbt. Zur Eigenfett-Transplantation gibt es bisher noch keine Langzeitdaten. Erst wenn die Methode über mindestens fünf Jahre wissenschaftlich beobachtet ist, können Fachleute sich ein Urteil darüber bilden, ob die Methode taugt oder eher schadet.
Filmbericht: Sybille Seitz
Infotext: Beate Wagner













