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Menschen, die mit normalen Hörgeräten nicht versorgt werden können, erhalten durch ein Mittelohr-Implantat eine neue Chance zu besserem Hören. Diese Mini-Geräte sind besonders für Patienten geeignet, die eine schwere Schädigung im Mittelohr haben oder deren Gehörgänge verschlungen oder zugewachsen sind.
Wenn die Stimmen im Raum ineinanderfließen, wenn statt der Melodie nur noch das Zwitschern der Vögel zu hören ist, wenn Menschen den Schall unterschiedlicher Frequenzen nicht mehr wahrnehmen können – dann könnte dahinter eine gestörte Hörleitung im Mittelohr stecken. Beim Gesunden werden die von außen kommenden Schallwellen im Mittelohr in mechanische Impulse umgewandelt und an das Innenohr weitergeleitet.
Schwerhörigkeit ist anstrengend und weit verbreitet. Schätzungsweise 17 Millionen Menschen leiden darunter. Experten unterscheiden zwischen Mittel- und Innenohrschwerhörigkeit. Ist das Mittelohr geschädigt, ist diese natürliche Schallpassage über Gehörgang, Trommelfell, Mittelohr und Gehörknöchelchen eingeschränkt oder gestört. Bei einer altersbedingten Innenohrschwerhörigkeit sterben vor allem Sinneshärchen in der Gehörschnecke ab. Durch Hörgeräte kann das Hörvermögen jedoch wieder verbessert werden.
In der Regel werden Schwerhörige mit einem klassischen Hörgerät ausgestattet, das sie hinter dem Ohr tragen. Hierbei wird das Schallsignal über ein Mikrofon, einen Verstärker und schließlich durch einen Lautsprecher an das Ohr übermittelt. Vor allem bei einer hochgradigen Schwerhörigkeit stoßen diese Geräte aber an ihre Grenzen. Eine Alternative bieten Hörgeräte, die direkt in das Mittelohr implantiert werden.
Teilimplantierbare Hörsysteme bestehen aus einem außen am Kopf magnetisch gehaltenen Sprachprozessor mit Mikrofon. Dieser Audioprozessor leitet die Schallwellen weiter an ein Implantat im Mittelohr. Über einen Empfänger und magnetischen Schwinger, der an die Gehörknöchelchen angeclippt wird, werden die Schwingungen von dort weiter ins gesunde Innenohr übertragen.
Anders als externe Hörgeräte – die ins Mittelohr eintreffende Signale einfach verstärken – wandeln Mittelohrimplantate mithilfe des winzigen Implantats die Schallsignale aus der Umgebung in mechanische Schwingungen um. Mit dieser Energie werden die Mittelohrstrukturen stimuliert. Auch im Hochtonbereich kann das Mittelohrimplantat so eine hervorragende Schallwahrnehmung bieten.
Alternativ gibt es so genannte "passive" Mittelohrimplantate: Das sind nachgebildete Gehörknöchelchen aus Titan oder Keramik.

Der Eingriff des Mittelohrimplantats dauert Stunden
Wer sich für ein Mittelohrimplantat entscheidet, muss bisher noch eine mehrstündige Operation über sich ergehen lassen. Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose. Dabei bohrt der HNO-Spezialist einen Kanal vom Knochen hinter dem Ohr bis zum Mittelohr vor. So entsteht das "Bett" für die inneren Teile des Hörsystems. Nun legt er ein kleines Kabel durch den Kanal und befestigt das Implantat mithilfe eines Magneten an einem der Gehörknöchelchen Hammer, Ambos und Steigbügel.
Besonders geeignet sind die Teilimplantate für Patienten, die zum Beispiel Ekzeme und juckende Schuppungen in den Gehörgängen haben. Außerdem profitieren Sportlehrer, Kommunikationstrainer und Menschen, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mit normalen Hörgeräten auskommen oder die an einer "kombinierten Schwerhörigkeit" von Mittel- und Innenohr leiden. Dabei wird der Schall weder ausreichend übertragen noch richtig verarbeitet.

Die Krankenkassen prüfen jeden Einzelfall
Experten empfehlen Schwerhörigen Mittelohrimplantate für beide Ohren. Noch ist das System mit rund 10.000 Euro jedoch sehr teuer. In jedem einzelnen Fall entscheiden die Krankenkassen, ob sie die Kosten übernehmen. Ein wichtiges Kriterium dabei ist, ob ein Patient noch ausreichend mit normalen Hörgeräten versorgt werden kann, und wie schwer sein Hörverlust ist. Unfall- und Privatkassen sind eher zu Verhandlungen bereit.
Wer noch ein wenig warten will, könnte unter Umständen von innovativen neuen Modellen profitieren: Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) entwickeln Wissenschaftler derzeit ein neuartiges Implantat, das im Vergleich zu den bisherigen einfacher und kostengünstiger einsetzbar sein soll.
Das sogenannte Rundfenster-Implantat besteht aus drei Teilen: einem externen Gehäuse mit Mikrofon, einer drahtlosen Verbindung zwischen Außen- und Mittelohr und aus einem einfachen Schallwandler, der direkt am runden Fenster im Mittelohr platziert wird. Derzeit wird das Muster-Implantat im Labor getestet. Bis die Rundfenster-Implantate tatsächlich Schwerhörigen eingepflanzt werden, kann es allerdings noch einige Jahre dauern.
Filmbeitrag: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner












