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Depressionen sind extrem belastend für die Betroffenen. Oft dauert es Wochen bis Monate, bis die Medikamente wirken. Bei besonders schweren Formen einer Depression scheint mitunter jede Hilfe aussichtlos. Neue Studien zeigen, dass ausgerechnet eine als Partydroge bekannte Substanz bei schweren Depressionen helfen könnte: Ketamin. Die ersten kontrollierten Wirksamkeitsstudien mit Ketamin führten Wissenschaftler in den USA durch, u. a. am National Institute of Mental Health (NIMH). Jetzt sind auch Psychiater der Berliner Charité dabei, den Wirkstoff bei Depressionen zu untersuchen.
Das Leben ist grau, nichts macht mehr Spaß, negative Gedanken und Gefühle beherrschen die Stimmung, ein normaler Alltag scheint unmöglich – zunehmend mehr Menschen kennen diese Anzeichen. Sie leiden an Depressionen, einer schweren psychischen Störung. Insbesondere seit dem Suizid des Hannoveraner Torwarts Robert Enke ist die Depression hierzulande als ernstzunehmende Erkrankung bekannt. In den westlichen Industrienationen gilt die Depression schon als das zweithäufigste Leiden nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ketamin - Wirkung nach der ersten Injektion möglich
Wichtig ist eine rasche Therapie, um das seelische Tief zu überwinden. Je nach Schwere der Depression erhalten Patienten üblicherweise eine Psychotherapie, ergänzt durch Medikamente. Doch die stimmungsaufhellende Wirksamkeit der Tabletten setzt erst verzögert ein; vier bis sechs Wochen und länger kann es dauern, bis sich die Schwermut der Patienten bessert. An der Berliner Charité erprobt man nun ein Medikament, das rascher wirkt: Ketamin. Es weist bei einigen Patienten bereits nach einer einzigen Injektion innerhalb von 24 Stunden deutliche antidepressive Effekte auf.
Ketamin ist ein relativ altes Narkosemittel, das man in der Veterinär- und Humanmedizin verwendet. Die auch als Partydroge bekannte Substanz verändert den Botenstoffhaushalt im Gehirn. Eine zentrale Rolle spielt dabei Glutamat, einer der wichtigsten zentralen Signalstoffe. Ketamin blockiert die Stellen auf der Oberfläche von Nervenzellen, an denen normalerweise Glutamat andockt. Das löst einen Prozess aus, der zur Bildung eines Proteins führt, dem Wachstumsfaktor BDNF. Der wiederum lässt neue Nervenzellen sprießen, und Verbindungen, die durch die Depression verkümmert waren, werden wieder neu verknüpft.
Neue Chance für neue Antidepressiva
Der Wirkmechanismus könnte helfen, neue Antidepressiva zu entwickeln. Das Mittel Lanicemin beispielsweise, das Ähnlichkeit mit Ketamin aufweist, wirkt gegen Depressionen – allerdings ohne die psychoseähnlichen Nebenwirkungen. Lanicemin wurde ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt und zielt auf die gleichen Gehirnrezeptoren ab wie Ketamin. Durch die schnelle Wirkung, die bei einigen Patienten schon nach wenigen Stunden einsetzt, sehen Ärzte eine Chance auch für die Behandlung selbstmordgefährdeter Patienten.

Einsatz bislang nur zu Studienzwecken
Ketamin wird bislang nur im Rahmen von Studien eingesetzt. An der Charité bekommen es diejenigen Patienten gespritzt, bei denen alle bisherigen antidepressiven Therapien erfolglos waren. Die Studienteilnehmer erhalten innerhalb von drei Wochen neun Infusionen mit Ketamin. Der Wirkstoff wird den Patienten sehr langsam – über einen Zeitraum von 40 Minuten – und in niedriger Dosis intravenös injiziert. Während der Behandlung werden sie von einem Narkosearzt überwacht. Dabei ist auch ein Psychiater, denn Ketamin kann Halluzinationen auslösen. Den Erfahrungen der Charité-Experten zufolge sprechen zwei von drei Patienten auf die Behandlung an.
Die Charité sucht für ihre Ketamin-Studie noch Patienten. Wenn Sie unter Depressionen leiden und alles Mögliche erfolglos probiert haben, melden Sie sich bitte bei Dr. Dipl.-Psych. Simone Grimm von der Charité.
Filmbeitrag: Carola Welt
Infotext: Constanze Löffler







